Ideologische Wurzeln des Nationalsozialismus im deutschen Bürgertum

Lange vor Hitler entstand in Deutschland aus dem vaterländischen völkisch-nationalistisches, rassistisches und imperialistisches Gedankengut. Ein Beispiel dafür ist ein Gedicht von
Felix Dahn:

Und wenn ’s beschlossen ist da droben,
daß unser Reich versink` in Nacht, –
Noch einmal soll die Welt erproben
des deutschen Schwertes alte Macht:

Soll nicht mehr deutsches Wort erschallen,
nicht deutsche Sitte mehr bestehn,
So laßt uns stolz und herrlich fallen,
nicht tatenlos in Schmach vergehn.

Zieht einst ein Tag die Schuld der Ahnen,
die eigne Schuld vors Weltgericht:
Ihr seid die Schergen, ihr Romanen
und Slawen, doch die Richter nicht!

Wir beugen uns den Schicksalsmächten:
sie strafen furchtbar und gerecht:
Ihr aber seid, mit uns zu rechten,
kein ebenbürtiges Geschlecht!

Den Schlag der deutschen Bärenpfote
ihr kennt ihn, ihr Romanen, wohl,
Seit Alarich, der junge Gote,
das Tor zerschlug am Kapitol,
Und euch, ihr Slawen und Polacken,
ist deutsche Kraft bekannt seit lang,
Seit dröhnend trat auf eure Nacken
der Heineriche Siegergang.

Nein, eh‘ ihr herrscht in diesen Landen,
draus oft euch wilde Flucht entrollt,
Sei noch einmal ein Kampf bestanden,
des ewig ihr gedenken sollt:
Und wimmeln zahllos eure Horden,
erfüllt mit tausendjährgem Neid: –
Erst gilt es noch ein furchtbar Morden,
eh‘ ihr die Herrn der Erde seid.

Schon einmal ward so stolz gerungen
von deutschen Helden, kühn im Tod:
Ein zweiter Kampf der Nibelungen
sei unsern Feinden angedroht:
Prophetisch war die alte Sage
und grauenhaft wird sie erfüllt,
Wenn an dem letzten deutschen Tage
der Schlachtruf dreier Völker brüllt.

Von Blute schäumend ziehn mit Stöhnen
empört die Donau und der Rhein:
Es wollen brausend ihren Söhnen
die deutschen Ströme Helfer sein –
Auf! Schleudert Feuer in die Felder,
von jedem Berg werft Glut ins Land,
Entflammt die alten Eichenwälder
zum ungeheuren Leichenbrand.

Dann siegt der Feind: –
doch mit Entsetzen,
und triumphieren soll er nicht!
Kämpft bis die letzte Föhn‘ in Fetzen,
kämpft bis die letzte Klinge bricht,
Kämpft bis der letzte Streich geschlagen
ins letzte deutsche Herzblut rot,
Und lachend, wie der grimme Hagen,
springt in die Schwerter und den Tod.

Wir stiegen auf in Kampfgewittern,
der Heldentod ist unser Recht:
Die Erde soll im Kern erzittern,
wann fällt ihr tapferstes Geschlecht:
Brach Etzels Haus in Glut zusammen,
als er die Nibelungen zwang,
So soll Europa stehn in Flammen
bei der Germanen Untergang.

[Felix Dahn, Deutsche Lieder, in: Raimund Kemper: Es waren schöne glänzende Zeiten oder „Der Geist, der den Arm der Deutschen stählt“. Zur Kritik einer stets zeitgemäßen Wissenschaft (der Germanistik) Mit einem Nachwort von Wolfgang Beutin…, Frankfurt a.M. 2003, Rh. Bremer Beiträge zur Literatur- und Ideengeschichte, Bd.42]

Das Gedicht entstand 1859. Dahn war ein Bestsellerautor des Wilhelminischen Kaiserreiches. (R. Kemper) Er lebte von 1834-1912. Sein bekanntester Roman Ein Kampf um Rom fehlte schon damals in keinem Bücherschrank des größtenteils deutschtümelnden Bildungsbürgertums, das sich mit seiner vaterländisch-rassistischen und imperialistischen Ideologie auch an den Universitäten breit machte und eine militaristische Leitkultur schuf. Die Nazis griffen den Germanenkult ihrer Vorläufer auf und vernebelten damit vor allem die Köpfe der Jugend. Ein Kampf um Rom wurde auch für mich zu einem Kultbuch. Ich fand den dicken Schinken in Vaters Bücherschrank und verschlang ihn wie alle „Deutschen Heldensagen“ in kürzester Zeit. Wir Pimpfe lasen aus dem Buch einander vor. Und selbst als wir eine verlorene Schlacht nach der anderen erlebten und das Großdeutsche Reich immer kleiner wurde, hielten sich viele von uns an die Durchhalteparolen des Propagandaministers. Wir sollten als Soldaten „tapfer wie die Germanen in Rom“ in Glanz und Gloria untergehen. Untergegangen sind wir dann auch – ohne Glanz und Gloria: eine betrogene Jugend.

Hierzu:
Das letzte Kapitel des II. Weltkriegs, wie ich es als Soldat erlebt habe, ist unter dem Titel
»FRISCH IN ERINNERUNG: das Ende des Zweiten Weltkriegs und das erste Nachkriegsjahr« beschrieben in:
«Der kleine Mann. Geschichten, Satiren, Reportagen aus sechs Jahrzehnten», Recklinghausen 2005. Die Printausgabe ist vergriffen. Jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_title-de-dietrich-stahlbaum-der-kleine-mann

Fortsetzung:
Man kann nicht in zwei, drei Sätzen die ganze Geschichte des (deutschen) Bürgertums darlegen. So ist denn auch mein kleiner Kommentar eine äußerste Verkürzung vielschichtiger Zusammenhänge und daher kritikanfällig. Worum geht`s? Um, wie der Titel sagt, Geistige Wurzeln des Nationalsozialismus im deutschen Bürgertum, nicht um Die Wurzeln…

Der NS war bekanntlich kein politischer Betriebsunfall und ist monokausal nicht zu erklären; er hat eine Entwicklungsgeschichte, die tief in die deutsche Vergangenheit hineinreicht. Aufschlussreich wie die politische Geschichte im europäischen Kontext und wie die Sozialgeschichte und – nicht davon zu trennen – ist die Geistesgeschichte, hier die „Literatur- und Ideengeschichte“.
Ich berufe mich auf zwei Germanisten, die sich mit der deutschen Literatur und ebenso kritisch mit ihrer eigenen Zunft auseinandersetzen: Raimund Kemper und Wolfgang Beutin. Wolfgang Beutin, mit dem ich seit 45 Jahren befreundet bin, befasst sich mit Textstudien, mit den Quellen, und natürlich auch mit der Sekundärliteratur. Er war einer der ersten Wissenschaftler, die sich von der werkimmanenten Textinterpretation abgewandt haben, Mitte der 60er Jahre, und seitdem Literatur nicht ohne Bezug auf soziale Geschichte, politische Geschichte und Gegenwart untersucht und vermittelt. Das hat ihm viel Ärger eingebracht, jahrzehntelang, bis eine neue Generation von Literaturwissenschaftlern erkannte, dass Beutin, Mentor vieler von ihnen, den Herren mit den langen Talaren weit voraus war. Von Raimund Kemper kenne ich bisher nur diesen Band, aus dem das Gedicht von Dahn zitiert ist.

Beide haben nach den geistigen Wurzeln des NS geforscht und sind fündig geworden: in der Literatur. Nicht erst bei Treitschke [„Die Juden sind unser Unglück“], sondern lange davor. Bei Dahn ist es z. B. ein seinerzeit in Teilen Deutschlands „grassierender“ Slawenhass [„Und euch, ihr Slawen und Polacken, ist deutsche Kraft bekannt seit lang, Seit dröhnend trat auf eure Nacken der Heinerichsche Siegergang“.] Ein rassistischer Hass: Dahn entblödet sich nicht, immer wieder eine vermeintlich rassische und zugleich kulturelle Überlegenheit der Germanen gegenüber anderen Völkern zu behaupten.

Auch bei den Gebrüdern Grimm, zwei von den berühmten Göttinger Sieben, gibt es Völkisches, Deutschtümelndes. Wilhelm G.: „Die deutsche Altertumswissenschaft hat den Ruhm, zu einer Zeit entstanden zu sein, wo fremde Gewalt auf Deutschland lastete. Sie wollte, soweit es bei ihr stand, den Geist stärken, dessen Kraft langsam wächst, dessen Erfolg sicher ist. Sie wird diesen Ursprung nicht verleugnen, sondern daran festhalten, dass Sicherung und Wiederbelebung des Vaterländischen ihr letztes [sic!] Ziel ist.“ Zitiert in R. Kemper Es waren schöne glänzende Zeiten…, S. 78.
Ein anderer der Göttinger Sieben, einst mit den Grimms befreundet, hat sich von solcherlei Patriotismus abgewendet. Er lehnte die Wilhelminische und Bismarcks Reichspolitik ab und wurde 1853 wegen seiner demokratischen Schriften nach einem Hochverratsprozess aus dem Lehramt entfernt: Georg Gottfried Gervinus.
Dies sind nur ein paar Beispiele für die Herkunft der NS-Ideologie. Außer Frage steht, dass es im deutschen Bürgertum zu jeder Zeit kritische Köpfe gab, die die Aufklärung nicht als vergangene Epoche verstanden haben, sondern als eine ständig neue Herausforderung. Ebenso, dass es Nationalismus, Rassismus und Militarismus auch woanders gegeben hat und z. T. noch gibt.

Von blog.de (01.02.2006) übernommen.

2 Gedanken zu “Ideologische Wurzeln des Nationalsozialismus im deutschen Bürgertum

  1. Es gab da einen deutschen Denker, der einmal sagte:

    „Ein Land, das seine Fremden nicht ehrt, wird untergehen.“

    … und das war Johann Wolfgang von Goethe. Wenn es EINEN im Deutschland des 19. Jhd. gegeben hat, der weit über den widerlich braunen Unrat hinweggeblickt hatte, dann wird wohl er es gewesen sein. In dieser Zeit zählte Deutschland mit seinen echten (!) „Denkern und Dichtern“ zu den intellektuellen Motoren der europäischen Elite – und DAS wären Disziplinen, über die die Deutschen von heute tatsächlich stolz sein könnten, statt auf toitsches Gegröle, Bier, Schweinehaxen und Autos stolz zu sein.
    Aber da dreht die deutsche Schmalspurelite viel lieber so selbstentlarvende Streifen mit Titeln wie „Fuck ju Göthe“, statt mit einem gesunden und geradegerückten Nationalstolz nach vorn zu sehen. Da hätte dies Land wirklich einmal etwas, worauf es zufrieden zurückblicken könnte – es zieht es aber vor, sich erneut den gleichen Rattenfängern anzuschließen und fröhlich blökend dem nächsten Metzger zuzumarschieren.

    Vielen Dank für den wirklich haasträubenden Text, den ich nicht kannte und der wie kaum etwas anderes überzeugend für eine Denke Deutschlands steht, für die wir alle uns vor der Welt schämen müssen.

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