„Des Deutschen Vaterland“ – Eine zeitgemäße Betrachtung

„Dulce et decorum est pro patria mori.“ Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben sang der römische Dichter Horaz. Er starb allerdings als alter Mann im Jahre acht vor unserer Zeitrechnung vermutlich im Bett. Auch wir sollten sterben: “für Führer, Volk und Vaterland“. Spätestens 1945. (Da hatte ich gerade mal 19 Jahre gelebt.)
„Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an!“ ließ ein deutscher Dichter einen Schweizer rufen: Schiller den Tell.
“Was ist des Deutschen Vaterland?“ fragte 1913 ein anderer Deutscher in einem Gedicht: E. M. Arndt.
“Mit Gott und Vaterland“ stand auf einem Kreuz aus weißem Blech, das auf Anordnung Friedrich Wilhelms III. ab 1813 jeder Landwehrmann an seiner Mütze tragen musste. Auf dem Koppelschloss stand lediglich: “Mit Gott“.

Max von Schneckenburger hingegen, dem das Mutterland offenbar mehr bedeutet hat, beschwichtigte seine Landsleute 1840: “Lieb Vaterland, magst ruhig sein.“
Und in den 1870er Jahren beschimpfte der deutsche Kaiser (oder war es Bismarck?) die Sozialdemokraten als „vaterlandslose Gesellen“, weil bei ihnen die Kriegstreiberische Politik der deutschen Herrenkaste auf Ablehnung stieß.
Ein „Vaterland“ ist ebenfalls die französische Fremdenlegion, auch wenn ich das nicht so empfunden habe, 1949-54, ein Vaterland Vaterlandsloser: “LEGIO PATRIA NOSTRA“ (Die Legion ist unser V.)

Über einen “vernünftigen Patriotismus“ hatte Angela Merkel, die das Christliche ihrer Partei lieber in der Garderobe hängen lässt, auf ihrem Parteitag diskutieren lassen wollen. Sie war erschrocken über den lauten Widerhall auf Hohmanns Rede. Dann hat sie schnell einen diskreten Rückzieher gemacht: Furcht, in Partei und Gesellschaft schlafende Hunde zu wecken.

Wenn ich selber ans Vaterland denke, dann fallen mir zuerst meine Pickelhaubensoldaten ein. Sie waren aus Zinn. Ich hatte sie vom Urgroßvater geerbt und musste sie wenige Jahre später, um 1939, von Plastiksoldaten der Deutschen Wehrmacht ablösen lassen.
Das Vaterland. Es lieben? „Ich liebe meine Frau“, soll ein deutscher Bundespräsident auf diese Frage geantwortet haben: Heinemann. Der vaterlandslose Geselle war also damals in Deutschland (-West) noch nicht ausgestorben.

«Patriotismus» leitet sich bekanntlich von pater = „Stammvater, Urvater, Vater“ ab. Ein enger Verwandter: das Wort Patriarchat, was nach WAHRIG, FWL., u. a. „absoluter Vorrang des Vaters in der Familie“ bedeutet, auch Vaterherrschaft in Gesellschaft und Staat, selbst in Deutschland längst nicht überwunden. Wenn man genau hinguckt: Überall zeigen sich patriarchalische Verhaltensweisen und Strukturen. Letztere sind derart verinnerlicht, dass die meisten Menschen sie nicht bemerken, sogar viele Frauen nicht. Es gibt, sagen sie, immer mehr Frauen in Führungspositionen von Wirtschaft und Politik, es gibt immer mehr Frauen an der Spitze der Wissenschaft, immer mehr Frauen in Männerberufen, sogar beim Militär, und da gibt es Frauen im Range eines Generals.
Ist es das? Ist dies Emanzipation? Was denken und was tun denn diese Frauen? Die meisten von ihnen denken in den von uns Männern geschaffenen Kategorien und bedienen den ebenfalls von uns Männern geschaffenen Herrschaftsapparat, z. B. beim Militär. Sie sind Patriarchalinnen und – das versteht sich von selbst – Patriotinnen. Manche scheuen sich nicht einmal, Soldaten in den Krieg zu schicken oder, wie die Thatcher, einen solchen sogar zu führen – um ein Stückchen Fels im Südatlantik (1982).

Ich muss also selber bekennen: Ich habe kein Vaterland und vermisse keins. Aber ich habe ein Mutterland, das Land, in dem ich geboren wurde, natürlicherweise nicht vom Vater, und ich habe eine Muttersprache, die es mir ermöglicht, mich meiner Identität in Worten zu vergewissern. Aber ist die Frage nach der eigenen Identität überhaupt so wichtig? Sind wir nicht alle mit allem verbunden? Wenn wir diese Frage bejahen, dann sollten wir über die kulturellen und über die politischen Konsequenzen des Kohärenzprinzips, das solchen Gedanken zu Grunde liegt, nachdenken.

Von blog.de (23.02.2010) übernommen.

Ein Gedanke zu “„Des Deutschen Vaterland“ – Eine zeitgemäße Betrachtung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s