Klinkenputzer in der Drückerkolonne oder Als Reinhard Mohn begann, einen der mächtigsten Medienkonzerne aufzubauen

1954, als ich aus der Fremdenlegion nach Deutschland zurückgekehrt war, suchte ich einen Job. Das war dank der deutschen Presse, die uns Veteranen samt der Legion in Verruf gebracht hatte, eine fast aussichtslose Unternehmung. Man nannte uns abschätzig Söldner, ohne daran zu denken, dass jeder Soldat Sold empfängt und kein Gehalt und dass der englische Begriff soldier lautet. Und wer als ein solcher in fremden Diensten stand oder gestanden hat, galt bei deutschen Unternehmern, Kaufleuten oder Handwerksmeistern, die nun niemanden mehr hatten, vor dem sie stramm stehen konnten, als vaterlandsloser Geselle.

Mein Erspartes war fast aufgebraucht und ich schlenderte rat-, ziel- und wohnungslos durch die Straßen einer Großstadt. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Absicht: Neben mir hielt ein nagelneuer VW Bulli, zehn bis zwölf junge Menschen stiegen aus und verteilten sich straßenweise auf das Viertel; jeder trug die gleiche kleine Aktentasche unterm Arm. Einer der Insassen des Busses saß noch am Steuer. Er winkte mich zu sich heran und fragte, ob ich aus dieser Gegend sei. Ich war es nicht, und ihm schien dies Recht, denn er wollte mich, wie man so schön sagt, von der Straße weg engagieren. Er habe einen lukrativen Job anzubieten. Wenn ich fleißig wäre und geschickt, könne ich binnen kurzem ein Vermögen machen.

„Wir verkaufen eine Idee“, sagte er, „nicht irgendeine Ware. Sondern eine Idee! Wenn Sie mitmachen wollen, kommen Sie heute Abend in das Lokal »Zum lustigen Seemann« in der …straße.“ (Den Namen habe ich vergessen) „Wir beginnen um 19 Uhr 30. Eine kleine Verköstigung ist dabei.“

Pünktlich um 19 Uhr 30 stellte sich ein Herr in grauem Straßenanzug den etwa 25 Zuhörern als Beauftragter der Firma Bertelsmann vor und hielt einen Vortrag über den Verkauf einer Idee und die großen Erfolge bei der Umsetzung derselben. Nach einer halben Stunde meldeten sich acht der Zuhörer, die sich entschlossen hatten, beim Verkauf dieser Idee mitzuwirken. Und schon wurden wir acht eingeladen, an einer kurzen Schulung teilzunehmen. Dabei erfuhren wir von dem Herrn im grauen Straßenanzug, dass der Boss vor kurzem von einer Managertagung aus den USA zurückgekehrt sei und eine neue Verkaufsmethode eingeführt habe, und wir erfuhren, wie diese Methode angewendet wird. Wer es sich zutraue, „möchte sich bitte in die Liste eintragen!“

Ich habe mich ohne besseres Wissen ebenfalls in „die Liste“ eingetragen und am nächsten Morgen an der Ecke eines anderen Stadtviertels mit anderen Klinkenputzern getroffen. Zu zweit sind wir losgegangen, treppauf treppab, von Wohnung zu Wohnung, jeder mit der gleichen kleinen Aktentasche unterm Arm. Das Sprüchlein, das wir alle gemeinsam eingeübt und dann vor jeder Wohnungstür, die geöffnet wurde, einzeln aufgesagt haben, lautete:

»Guten Tag, Herr.. (oder Frau…) ! Ich komme im Zuge einer allgemeinen Meinungserforschung zu Ihnen. Wir möchten Sie nicht belästigen, aber sicherlich können Sie einige Fragen beantworten, die von großem Interesse sind. Erlauben Sie, dass wir hereinkommen?«

Die meisten der Hausfrauen haben es uns erlaubt, so dass wir eine Mappe auf ihren Küchen- oder Wohnzimmertisch legen und fortfahren konnten:

»Haben Sie Kinder? (oder Enkelkinder?) Dann haben Sie doch sicherlich die entsetzliche Geschichte von dem Jungen gehört, der einen anderen Jungen gehängt hat, weil er einmal sehen wollte, wie das ist, wenn einer aufgehängt wird. Der Junge, das haben wir inzwischen erfahren, hat lauter Schundliteratur gelesen, diese Zehnpfennig-Heftchen, wissen Sie?«

Wir schlugen die Mappe auf und zeigten die Zeitungsberichte über diesen Fall.

»Nun unsere Frage: Sollte man den Kindern nicht bessere Bücher geben, Bücher, die noch viel spannender sind und die nicht zu solchen schrecklichen Taten verführen?«

Die Antwort war jedes Mal eindeutig, so dass wir geradezu auf das Ziel zusteuern konnten:

»Das können wir Ihnen bieten…«

Wir blätterten die Seiten der Mappe mit den Kinderbüchern auf und fragten nach dem Alter der Kinder.

»Sehen Sie, dies zum Beispiel…«

Oder, wenn es keine Kinder oder Enkelkinder gab, wurde die Mappe mit den Erwachsenenbüchern aufgeschlagen:

»Da haben wir auch etwas für Sie! Schauen Sie!«

So haben wir Haus für Haus, Wohnung für Wohnung abgeklappert, uns den Mund fusselig geredet und „die allgemeine Meinung erforscht“. Wahrlich, eine grandiose Idee.

Immerhin, die wenigen Vertragsabschlüsse für ein Abonnement des Bertelsmann-Leseringes, die wir abends abgeliefert haben, verhalfen in der Summe dem Kolonnenführer, zu überleben, und dem Verlag, in deutschen Haushalten Fuß zu fassen. Ich aber hatte nicht die Absicht, mit solchen kleinen, fiesen Tricks groß zu werden, und schlenderte drei Tage später wieder rat-, ziel- und wohnungslos durch die Straßen.

(2002)

Ein Gedanke zu “Klinkenputzer in der Drückerkolonne oder Als Reinhard Mohn begann, einen der mächtigsten Medienkonzerne aufzubauen

  1. Eine Replik

    Hallo B.!

    Wer diese kleine Geschichte nur flüchtig gelesen und nicht weiter darüber nachgedacht hat, kann meinen, du habest ins Schwarze getroffen, denn deine Kritik ist in sich schlüssig, aber sie verfehlt ihr Ziel. Der Satz, an dem du dich gestoßen hast, lautet nämlich nicht: „…galt bei den deutschen Unternehmern, Kaufleuten oder Handwerksmeistern, die nun niemanden mehr hatten, vor dem sie stramm stehen konnten, als vaterlandsloser Geselle.“

    Während der Nazidiktatur wurde nicht nur beim Militär strammgestanden, sondern bei allen NS-Organisationen und sogar in den Schulen. Es war gleichsam eine ganze Nation, die stramm gestanden hat, wenn es befohlen wurde. Manch einer tat es gegen seinen Willen, aus Angst. Dieses „Strammstehen“ ist hier außerdem in übertragendem Sinne gemeint: Metapher für eine 100%tige Unterordnung unter die Obrigkeit – schon zu des Kaisers Zeiten.
    Nach dem 2. WK – dies war einer meiner Gründe, Deutschland zu verlassen – gab es unter den heimgekehrten Soldaten und unter den Flüchtlingen besonders meiner Generation und älterer Jahrgänge eine unabsehbare Menge „Unbelehrbarer“, Menschen, die dem alten Regime nachtrauerten, deren Autoritäten vermissten, die Verführer zu rechtfertigen versuchten und einen demokratischen Neuanfang abgelehnt haben. Sie gab es in meiner eigenen Familie. Nachzulesen in meinem Roman „Der Ritt auf dem Ochsen…“

    Ich habe mich damals mit diesen Menschen auseinandersetzen müssen. Sie sind mir überall begegnet. Einige von ihnen, die ich persönlich kenne, bekommen noch heute leuchtende Augen, wenn von der „Hitlerzeit“ die Rede ist. Sie haben sich den Verhältnissen äußerlich zwar angepasst, aber der rassistische, fremdenfeindliche, völkische, faschistische Ungeist beherrscht immer noch ihr Denken und vor allem ihre Gefühle. Den Jüngeren bleibt dies zumeist verborgen.

    In den stark katholisch geprägten Regionen Deutschlands wie das Münster- und das Rheinland war die Akzeptanz der NS-Ideologie weit geringer als in den von Luthers Protestantismus beherrschten „Gauen“. In Ostpreußen zum Beispiel, wo ich aufgewachsen bin, und in Schleswig Holstein, wo ich die Sommerferien und einige Nachkriegsjahre verbracht habe, hatten die „Deutschen Christen“ den meisten Zulauf. Es waren vor allem Kleinbürger und Mittelständler – Handwerksmeister und Kaufleute, Lehrer und andere Beamte – dem „Führer“ hörig. Aber durchaus nicht alle. Das hast du jedoch aus dem von dir kritisierten Satz herausgelesen. Du brauchst also deinen lieben Großvater nicht zu bemühen.

    Gestoßen hast du dich dann noch an einem Wort: „Söldner“. Die Begriffsdefinition, die du herangezogen hast, ist eine etymologisch-historische, von der ich nur den etymologischen Teil akzeptieren kann. Der KLUGE leitet diesen Begriff vom mittelhochdeutschen soldenaere; und soldner ab und dies von Sold. Weiter heißt es da: „Wohl eine Nachbildung von it. soldato“.

    Die Fremdenlegion bestand zu meiner Zeit (1949-54) zur Hälfte aus Deutschen, von denen sehr viele aus purer Not den Fünfjahresvertrag unterschrieben haben, in französischen Kohlenzechen und Gefangenenlagern. Nicht wenige sind zur Unterschrift gezwungen worden. Einige wurden von bezahlten Werbern in der französischen Besatzungszone in Kneipen sogar vorher besoffen gemacht und über die Grenze geschleppt.

    Die Motive für eine freiwillige Dienstverpflichtung bei der Legion waren so vielfältig, wie menschliche Beweggründe es sind. Sie sind auch heute noch für gesellschaftlich voll angepasste Bürger nicht nachvollziehbar.*

    Desperados, Draufgänger, Haudegen gab es auch. Wenige. Und Kleinkriminelle. Und es gab anfangs, in der Ausbildungszeit und während der Schiffsüberfahrt von Algerien nach Vietnam, zahlreiche Versuche, zu desertieren. Die meisten scheiterten.

    Die Vorurteile gegenüber der Legion – so scheint es mir – sind unausrottbar. Sie abzubauen, ohne zu werben, sondern zu warnen, ist eines der Ziele meines Romans. Übrigens, eine Annäherung von Bundeswehr und Fremdenlegion hat gerade erst begonnen.
    Was ich hingegen vom Militärdienst halte, brauche ich jetzt wohl nicht zu wiederholen.

    Beste Grüße aus dem Pott
    Dietrich
    —————–
    * Das hat sich am deutlichsten bei einer Veranstaltung Zeitzeugen im Gespräch gezeigt, zu der mich die VHS Wuppertal eingeladen hatte.

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