Wer war Martin Luther? Was hat er gelehrt? Was hat er gewollt? Rezension

War er „Der radikale Doktor Martin Luther“, den Wolfgang Beutin uns in seinem gleichnamigen Buch präsentiert? Oder war er ein innerlich zerrissener, daher auch in seinem Denken widersprüchlicher Psychopath?

    Das eine schließt das andere nicht aus. Denn auch ein von Selbstzweifeln getriebener Mensch kann über sich hinaus wirken und die Welt verändern – negativ und positiv, vorsätzlich und wider Willen. Luthers Widersprüchlichkeit, wie sie sich in seinen Schriften äußert, machte es seinen Gegnern leicht, ihn der Doppelzüngigkeit zu überführen und zu verteufeln, seinen Anhängern wiederum, ihn zu verherrlichen, und politischen Akteuren, ihn für ihre Zwecke einzuspannen. Die evangelischen Deutschen Christen (DC) zum Beispiel beriefen sich auf Luthers Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ und hatten nach 1933 großen Einfluss auf den Protestantismus. Auch der Katholik Hitler lobte und verehrte ihn:  „Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.“ (Dietrich Eckart, Der Bolschewismus von Moses bis Lenin – Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, München 1924, S. 35)

Wer ihn bewunderte, verachtete oder nur benutzte, der hatte eine Vorstellung von Luther, die der eigenen Anschauung entsprach, aber nicht der ganzen Wirklichkeit. So sind infolge partieller Wahrnehmung lauter verschiedene Lutherbilder entstanden.

Da erscheint nun zur rechten Zeit die dritte überarbeitete und erweiterte Auflage eines Buches, das uns den ganzen Luther nahe bringt. Sein Autor ist kein Theologe, kein Kirchenmann, sondern Literaturwissenschaftler: Germanist und Mediävist, ein Historiker, der sich in der Geistesgeschichte des Abendlandes auskennt. Er befasst sich seit den sechziger Jahren mit der Reformation und ihren Akteuren und hat dabei Ludwig Feuerbachs These, „dass Theologie Anthropologie sei“ (20), im Hinterkopf. Schon sehr früh wird er auf die gesellschaftspolitische Bedeutung Luthers aufmerksam. Diesen Aspekt hatte die Forschung bisher zu wenig, wenn überhaupt im Blick. Deshalb versucht Beutin zu ermitteln, „ob Luther, die historische Gestalt, und sein Werk unter dem demokratischen Gesichtspunkt historisch gerecht erfasst werden können..“ (Einl. 1.,2.Aufl. 64)

Er hat nahezu das gesamte Mittelalter und die Neuzeit durchforscht und bisher auch unbekanntes authentisches Textmaterial ans Licht gebracht: Reden, Briefe, Aufzeichnungen – Würdigungen, Kritiken und Schmähschriften – von Klerikern, Theologen, Historikern, Biografen, Politikern, Dichtern und Philosophen, darunter Melanchthon, Erasmus von Rotterdam, Goethe, Heinrich Heine, Friedrich Engels, Karl Marx, Franz Mehring, Gotthold Ephraim Lessing, Heiner Geißler und Margot Käßmann. Vor allem aber sind es die vielen langen Textpassagen, mit denen Beutin Luther selber zu Wort kommen lässt. Teile davon hat er in unsere heutige Sprache übertragen. Beweismaterial, mit dem die vielen Missverständnisse, Fehldeutungen und Lutherbilder und – legenden aus dem Weg geräumt werden sollen.

Was hat er gelehrt? Was hat er gewollt? Beutin: „Als Luther daran ging, die für ihn unerträglichen Mißstände in der Kirche seiner Zeit und die aufgeschwemmte Kirchenlehre, wie er sie vorfand – verunstaltet durch nicht bibelgemäße, nicht von Jesus herrührende ´Zusätze`–, zu reformieren, war es sein Vorhaben, ausgehend vom ´Wort Gottes` die frühere, genuine Kirche wiederherzustellen, die vorgefundene also soweit möglich in den Urzustand zurückzuversetzen, wie ihn die Evangelien beschreiben.“

Ein Grundgedanke Luthers war die „Gleichheit aller Christenmenschen“ in seiner  Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation… (1520). Daraus: „Es hat sich eingebürgert, daß Papst, Bischöfe, Priester und Klosterinsassen als ´geistlicher Stand` bezeichnet werden, Fürsten, Adlige, Handwerks- und Ackersleute als ´weltlicher Stand: in Wirklichkeit eine ausgeklügelte, aufpolierte Lüge. (…) In Wahrheit sind nämlich alle Christen geistlichen Standes, und es besteht unter ihnen keinerlei Unterschied. (…) Das kommt daher, daß wir eine Taufe, ein Evangelium, einen Glauben haben, also gleiche Christen sind. Denn die Taufe, das Evangelium und der Glaube, die allein machen geistlich, konstituieren die Christenheit. Aber daß der Papst und Bischof salbt, Mönche erschafft, Pfarrer ordiniert, Gebäude weiht, sich anders kleidet als die Laien, macht aus ihm vielleicht einen Blender und Ölgötzen, aber nimmermehr einen Christen oder geistlichen Menschen. Nämlich nur durch die Taufe werden wir allesamt zu Priestern geweiht. (…)  Da wir ja alle gleichberechtigte Priester sind, darf sich niemand selber hervortun und sich unterstehen, ohne unser Einverständnis und ohne daß wir ihn gewählt haben, dasjenige auszuüben, wozu wir alle gleich bevollmächtigt sind.“

Beutin: „Wie Luthers Gleichheitslehre, so ist seine Freiheitslehre von den berufenen evangelischen Theologen im wesentlichen mißdeutet, verdeckt, versteckt worden. (…) Der sich selbst bestimmende Mensch, der keine Macht sucht, sondern die Unterordnung in Freiheit; der schöpferische Mensch, der in Freiheit seiner selbstgewählten freien Arbeit nachgeht, auch der untergeordneten; der neue Mensch, der die Ketten des alten abgeworfen hat, – das ist Luthers geistlicher Entwurf. Es ist das ideale Bild eines Christen, der in Vereinigung mit anderen Christen, brüderlich verbunden mit ihnen in einem Personenverband, dem Reich Gottes, die Zeiten durchwandert.“

Der Autor zeigt den Reformator als radikalen Vorkämpfer der Demokratie – samt Gleichberechtigung der Geschlechter – und der Säkularisierung. Sein Buch soll aber auch „Laien“ aller Konfessionen zu kritischer Beschäftigung mit Glaubensfragen anregen. Agnostiker und Atheisten haben das längst getan.

Beutin hat ein immenses Material zusammengetragen und zum Teil neu bewertet. Deshalb kann hier nicht auf alle Aspekte seiner gründlichen Darstellung der „Streitsache Luther“ eingegangen werden. Erwähnt werden soll aber noch, dass der Germanist die Bibelübersetzung als „die größte sprachschöpferische Leistung des Reformators und der gesamten frühen Neuzeit“ würdigt: Luther „verschmolz“ „das Schriftdeutsch der Amtsprache“ „mit der Sprache des Volks, mit Wörtern und Wendungen, die der Vorstellungs- und Gedankenwelt des gemeinen Mannes Ausdruck gaben.“ Sprache auch als Mittel der Kommunikation, „das nicht bloß der Befehlsgebung von oben her diente, sondern hervorragend die Verständigung der Menschen untereinander ermöglichte, in den Massen, des gemeinen Mannes mit dem gemeinen Mann.“

Wolfgang Beutin: Der radikale Doktor Martin Luther. Peter Lang-Verlag, Frankfurt a. M 2016, 3. Aufl. 378 Seiten. € 59,95

2 Gedanken zu “Wer war Martin Luther? Was hat er gelehrt? Was hat er gewollt? Rezension

  1. Luther war weitsichtiger und schlauer als die revoltierenden Bauern, deren Niederlage er voraussah. Er brauchte die Fürsten, die seiner Lehre anhingen oder nur auf den Kirchenbesitz, der ihnen zufallen würde, erpicht waren, als Verbündete gegen die Papstkirche. Ohne sie wäre auch seine Reformation gescheitert, und er selber wäre auf dem Scheiterhaufen gelandet, wie Hus, den er sehr verehrt hat.

    Die Befreiung der Bauern, aller Leibeigenen, die Gleichstellung der Frauen, allgemeine Bildung für alle, Einführung kirchenfreier Schulen und schließlich, Entmachtung des Adels, das hat er damals, schon im 16. Jh. (!) angestrebt und propagiert! Davon zeugen seine Schriften, aus denen Beutin lange Passagen zitiert. In meiner Rezension kann ich nur einen kleinen Teil davon vermitteln. Gewiss, die „dunklen Seiten“ seines Charakters und seiner Agitation sollen wir nicht übersehen. Sie sind schlimm genug. Aber sie sind nur ein Teil von ihm. Auch Engels – Beutin zitiert ihn mehrmals – hatte die politische Bedeutung Luthers und der Reformation erkannt:

    „Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. Die Männer, die die moderne Herrschaft der Bourgeoisie begründeten, waren alles, nur nicht bürgerlich beschränkt. Im Gegenteil, der abenteuernde Charakter der Zeit hat sie mehr oder weniger angehaucht. Fast kein bedeutender Mann lebte damals, der nicht weite Reisen gemacht, der nicht vier bis fünf Sprachen sprach, der nicht in mehreren Fächern glänzte. (…)
    Luther fegte nicht nur den Augiasstall der Kirche, sondern auch den der deutschen Sprache aus, schuf die moderne deutsche Prosa und dichtete Text und Melodie jenes siegesgewissen Chorals, der die Marseillaise des 16. Jahrhunderts wurde. Die Heroen jener Zeit waren eben noch nicht unter die Teilung der Arbeit geknechtet, deren beschränkende, einseitig machende Wirkungen wir so oft an ihren Nachfolgern verspüren. Was ihnen aber besonders eigen, das ist, daß sie fast alle mitten in der Zeitbewegung, im praktischen Kampf leben und weben, Partei ergreifen und mitkämpfen, der mit Wort und Schrift, der mit dem Degen, manche mit beidem. Daher jene Fülle und Kraft des Charakters, die sie zu ganzen Männern macht.“
    [Friedrich Engels – Dialektik der Natur in: Karl Marx/ Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 20. Berlin/DDR. 1962]

    Marx und Engels haben „den ganzen Luther“ nicht gekannt. Denn damals war der gesamte schriftliche Nachlass des Reformators noch nicht erschlossen und allgemein zugänglich. Vieles schlummerte in Kirchenarchiven. Einiges, frühneuhochdeutsche Luthertexte und Aufzeichnungen von Zeitgenossen, hat Wolfgang Beutin ins heutige Deutsch übersetzt. So erbrachte die Lutherforschung bisher unbekannte Aspekte und ergab eine Neubewertung der Werke und der Bedeutung des Reformators.

    Luther ist auch in der DDR später etwas anders bewertet worden als von Marx und Engels in „Luther und Münzer“ (Werke, Band 7,S. 342-358
    Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960):
    http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/DO01_3-12-430084_n3f4dq.pdf

    Beutin hat an zwei Luther-Kongressen in der DDR teilgenommen. Er berichtet darüber Interessantes in seinem Buch. In der DDR vollzog sich in den 70er/80er ein Wandel der Kulturpolitik. Stichwort: „Aneignung der bürgerlichen Kultur“. Dies führte auch zu einer Neubewertung und Würdigung Luthers mit Gedenkfeiern und Reformationstagen. –

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  2. Auch dies war Luther:

    „… aus Bettlern Herren zu machen“

    In einem Roman Jörg Wickrams, eines Zeitgenossen der Reformation, steigt ein armer Bürgerlicher, durch Unterricht und Universitätsbildung befähigt, in höchsten Staatsämtern auf und wird zum Herrn bestimmt über seinen adligen Altersgenossen und Ziehbruder. Auch eine bürgerliche Umwälzung, auf friedlichem Wege. Die Notwendigkeit einer soliden Erziehung und Unterrichtung in Schulen und Universitäten begründete in seinem theoretischen Schrifttum Martin Luther („An die Ratsherrn aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und unterhalten sollen“, 1524; „Eine Predigt, daß man Kinder zur Schule anhalten solle“, 1530). »Erziehung wider Adelsprivilegien«, so heißt die Leitlinie; sie heißt: »Bildung contra Geburtsadel«. Es wird deutlich: Die Reformation setzte eine „Bildungsreform“ größten Ausmaßes auf die Tagesordnung, und das Ziel lautete: Einholung der Adelsprivilegien durch Aneignung von Wissen und Bildung; Beteiligung des Bürgertums an der Macht.

    (…) So sollen wir erkennen, daß Gott große Wunder tut. Es ist geradezu seine Hantie¬rung, aus Bettlern Herren zu machen, so wie er alle Dinge aus nichts verfertigt. Solch Handwerk wird ihm keiner verbieten noch behindern. Er läßt darüber unter allen Menschen Großes rühmen (Ps. 113,5-8): „Wer ist wie der Herr, der in solcher Höhe sitzt und so tief hernieder sieht? Der den Geringen aus dem Staube aufrichtet, den Armen aus dem Kot erhöht, um ihn Platz nehmen zu lassen zwischen den Fürsten, wahrhaftig zwischen den Fürsten seines Volks?“ Schau um dich her: Was gilt die Wette, daß dieser Psalm sich bewahrheitet und daß es dafür an allen Königs- und Fürstenhöfen, in Städten und Pfarreien viele überzeugende Beispiele gibt? Da wirst du sie finden: Juristen, Doktoren, Räte, Schreiber, Prediger, die in der Regel arm gewesen sind und bestimmt alle einmal Schüler waren, sich dann durch die Wissenschaft hochgeschwungen haben und in die Höhe flogen, so daß sie jetzt Herren sind, wie es dieser Psalm aussagt. Wie die Fürsten selber helfen nunmehr sie Land und Leute regieren. Gott will es nicht haben, daß geborene Könige, Fürsten, Barone und der Adel allein regieren sollen und herrschen. Er wünscht auch seine Bettler dabeizuhaben. Sonst dächten jene Adligen, die edle Geburt allein mache Herren und Regenten und nicht Gott allein.
    Man sagt – und das ist die Wahrheit -: Selbst der Papst ist einstmals zur Schule gegangen. Darum verachte mir nicht die jungen Leute, die vor der Tür betteln: „Panem prop-ter Deum“ („Brot, in Gottes Namen“). Ich bin auch früher ein solcher „Partekenhengst“ gewesen (Schüler, der um des Brots willen singt) und habe das Brot vor den Haustüren gesammelt. Besonders in Eisenach, meiner lieben Stadt. Allerdings schickte mich später dann mein lieber Vater, der liebevoll für mich sorgte, auf die Universität zu Erfurt. Er hat mühevoll arbeiten und sauren Schweiß vergießen müssen, damit ich dahin käme, wo ich hingekommen bin. Aber die Wahrheit ist: Ich bin ein Partekenhengst gewesen und dem angeführten Psalm gemäß durch die Schriftstellerei so weit gelangt, daß ich jetzt nicht mit dem türkischen Sultan tauschen möchte um den Preis, daß ich für seine Besitztümer mein Wissen hingeben müßte. Ja, ich wollte alle Güter der Erde selbst verdoppelt und verdreifacht nicht dafür annehmen. Und doch wäre ich zweifellos nicht dahin gelangt, wenn ich nicht in die Schule gegangen und an die wissenschaftliche Schriftstellerei geraten wäre.
    433

    Es erschien dem Reformator als eine unabweisliche Notwendigkeit, in den protestantischen Territorien das gesamte Erziehungswesen neu zu ordnen.
    Es war in den Anfangsjahren der Reformation nahezu völlig zusammengebrochen. Bis dahin hatte es in den Händen der alten Kirche gelegen. Mit ihrer Zurückdrängung, besonders auch mit der Verminderung der Anzahl der Klöster und Klostergeistlichen ging die Ausbildung zurück, und zwar nicht bloß die klösterliche. Es verfielen ebenfalls Schulen und Universitäten. Adressat der Forderungen Luthers waren insbesondere die Räte und Bürger der Städte. Den Eltern schärfte er wiederholt ein, daß von allen „Werken“ die Erziehung das Gott genehmste sei:

    Das aber sollen die Eheleute wissen, daß sie Gott, der Christenheit, der ganzen Menschheit, sich selber sowie ihren Kindern keine bessere Ausrüstung, keinen höheren Nutzen schaffen können, als wenn sie sie gut erziehen. Es ist nichts mit Wallfahrten nach Rom, nach Jerusalem, nach St. Jakob. Es ist nichts mit dem Kirchenbau, Messenstiften oder was immer sonst zu den „Werken“ gerechnet werden kann, nichts verglichen mit dieser einzigartigen Tat: daß die Eheleute ihre Kinder auferziehen….
    ———
    431 Heiliger (16. 9.), geb. ca. 200-258 (in Karthago enthauptet)
    432 In: „Vom ehelichen Leben“ (l 522) Vgl. WA 295 ff..

    [Aus Beutin, »Der radikale Doktor Martin Luther«, . S.264 f.]

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