Prof. Mohssen Massarrat: Statistik der Unterbeschäftigten

Leserbrief zu: „Weniger Arbeitslose“, FR-Wirtschaft vom 1. Dezember 2016:

Haben Sie in den letzten Jahren schon mal davon gehört, dass in Deutschland die Zahl der Arbeitslosen ansteigt? Pünktlich zu Ende November verkündete die Bundesagentur für Arbeit mit gut 2,5 Millionen Arbeitslosen den tiefsten Stand seit 1991. Sämtliche Medien verbreiteten diese fröhliche Nachricht. Nur „ZDF Heute Plus“ um Mitternacht vom 30. November wollte sich mit dem „Vierteljahrhundertereignis“ nicht abfinden.

„Die Zahlen auf dem Arbeitsmarkt werden nämlich seit Jahren vor allem schöngerechnet“, kommentierte die Moderatorin. „Bei Statistiken hängt alles von der Berechnungsmethode ab“, wurde im anschließenden Bericht konkretisiert. Und sie „wurde seit 1986 nämlich 17-mal verändert. Überraschung – fast immer danach sind auch die Arbeitslosenzahlen gesunken“. Denn wer arbeitslos ist, wird immer wieder neu definiert.

Konkret wurden bei aktuellen Zahlen 74 866 Arbeitslose nicht mitgezählt, weil sie im Augenblick krankgemeldet sind. Mitgezählt wurden auch nicht 173 782 Arbeitslose, die gegenwärtig eine Fortbildung machen. Aus der Arbeitslosenstatistik fallen auch 160 834 Personen heraus, weil sie über 58 Jahre alt und schwer vermittelbar sind. Nicht mitgezählt werden ferner 87 668 Ein-Euro-Jobber, die bei kommunalen Einrichtungen tätig sind, um ihr Arbeitslosengeld aufzustocken.

Alle diese Gruppen, die im Grunde arbeitslos sind und auch Arbeitslosengeld erhalten, werden unter dem Begriff „Unterbeschäftigte“ zusammengefasst, deren Zahl insgesamt im letzten November an eine Million heranreicht, so die „Heute Plus“-Redaktion. Ohne eine derartige Manipulation der Zahlen wäre die Arbeitslosenquote im November 2016 in Wirklichkeit 7,8 Prozent und nicht, wie behauptet, 5,7 Prozent.

In den Ohren von mindestens 3,5 Millionen Arbeitslosen, die keine Aussicht auf einen Job haben, muss die Ungeheuerlichkeit der mit großem Tamtam auf Pressekonferenzen der Bundesagentur für Arbeit verbreiteten Nachricht, dass die Arbeitslosenzahlen einen neuen Tiefpunkt erreicht haben, ziemlich zynisch klingen. Man braucht sich also auch nicht zu wundern, wenn die betroffenen Menschen ihr Vertrauen in eine Politik verlieren, die – statt auf einen substanziellen Politikwechsel – auf ein Schönrechnen der Zahlen setzt.

Wohin dieser Vertrauensverlust führt, zeigen die Wahlsiege der AfD bei den letzten Landtagswahlen, die nachweislich auf einen großen Zulauf der Arbeitslosen zu dieser Partei zurückzuführen sind.

Prof. Mohssen Massarrat, Osnabrück

[Frankfurter Rundschau vom 10./11.12.2016]

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