Raus aus der NATO? Die Friedensbewegung im „Kalten Krieg.“ Eine Diskussion aus dem Jahre 1983 – im Wesentlichen immer noch aktuell!

Raketen
Collage mit dem Holzschnitt „Die Mutter“ von Käthe Kollwitz

Am 7. Dezember 1983 diskutierten in Recklinghausen Vertreter/innen von Parteien (DKP, SPD, DIE GRÜNEN), Friedensgruppen, ein junger evangelischer Pfarrer und zwei Redakteure einer Alternativzeitung über die NATO und Protestaktionen in Deutschland. Ich habe hier die Positionen der GRÜNEN, die auch meine eigenen waren, eingebracht. Ausschnitte aus dem Tonbandprotokoll:

Redakteur der Alternativzeitung: Wie soll es nach der Stationierung der Pershing II-Raketen mit der Friedensbewegung weitergehen? Was sind nun die Hauptforderungen? Müssen die Methoden und Formen der Arbeit verändert werden? Radikalisierung?

Dietrich Stahlbaum: Stichwort inhaltliche Diskussion. Zunächst einmal zur Analyse: Den Eindruck, den ich auch in Gesprächen gewonnen habe und den ich aus meinen Erfahrungen, was die Buchausleihe in der Bücherei betrifft, bestätigt finde, ist der, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Stationierung einerseits ablehnt, andererseits aber zum großen Teil resigniert und sich obrigkeitsfixiert in die Dinge fügt: „Wir können nichts tun, die machen ja doch, was sie wollen.“

Das ist ein Punkt, über den wir uns klar werden müssen, der auch zur inhaltlichen Diskussion gehört… Zunächst einmal, meine ich, müssen wir uns – alle Initiativen und Gruppen, die dieser Gesamtfriedensinitiative angehören in Recklinghausen – über die Inhalte einig werden, die wir durch unsere weitere Friedensarbeit, durch unsere Aktionen, vermitteln wollen. Ich glaube, es genügt nicht, wenn wir auf der militärisch-rüstungstechnischen Ebene stehen bleiben und nur die Rüstungspolitik und die Militärpolitik, die Strategien und dergleichen kritisieren. Wir müssen positive Elemente hineinbringen. Wir müssen die militärische und rüstungstechnische Ebene verbinden mit der wirtschaftlichen, mit der sozialen, mit der psychologischen und mit der ökologischen Ebene. Da besteht ein ganz enger Zusammenhang, da greift eins ins andere.

Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit, die Friedenspolitik. Ich meine, wir sollten versuchen, Friedenspolitik nicht nur von der Negation her zu verstehen, sondern auch vom Positiven her. Das heißt, etwas muss in unseren Köpfen geschehen, etwas muss psychologisch weiter, etwas muss auch in unserem Bauch passieren; und wir müssen nicht nur Nein sagen zu den Raketen, zu der Rüstungspolitik, sondern auch das Aggressionspotential ansprechen, das sich in unserer Gesellschaft angestaut hat, bedingt vor allem durch die sozialen Verhältnisse, durch die soziale Krise, durch die Arbeitslosigkeit, durch den unmittelbaren Druck, unter dem der größte Teil der Bevölkerung steht.

Wie kann dieses Aggressionspotential, das manipuliert und gesteuert werden kann – durch Feindbildprojektion – abgebaut und umgesetzt werden in aktives Verhalten, in friedenspolitisch aktives Verhalten, auch individuell?

Unter Friedenspolitik verstehe ich mehr als antimilitaristische Politik. Ich verstehe darunter auch eine Art von Friedenspädagogik oder Friedenspsychologie. Es gibt da ein hervorragendes Buch von Hans-Eberhard Richter, mit dem man sehr gut arbeiten kann: Zur Psychologie des Friedens (Rowohlt, Reinbek 1984).

Das sind Dinge, die wir aufarbeiten müssen, um dann praktisch damit arbeiten zu können. Es geht darum, Ängste abzubauen, falsche, irrationale Ängste. Es gibt auch reale, gesunde Ängste: Ängste vor der realen Bedrohung durch die Hochrüstung, das Hochschrauben der Rüstungsspirale, was sich jetzt wieder durch das Stationieren von SS 21 zeigt. Die Bevölkerung muss befähigt werden, die realen Ängste zu erkennen und aktiv zu werden, um die Ursachen dieser Bedrohung zu beseitigen. Das heißt also: die militärisch- rüstungstechnische Ebene verbinden mit der politischen, mit der sozialen, mit der wirtschaftlichen, mit der psychologischen Ebene, um dadurch der Friedensbewegung (FB) eine neue Qualität zu geben, mittel- und langfristig. Wir haben ja gesehen, wie lange es dauert, bis sich Bewusstsein so weit entfaltet, dass die Leute sagen: „Nein, ich bin dagegen!“ – wie lange es dauert, bis die Leute aktiv werden.

Wir müssen also auch mittel- und langfristig denken. Denn ich gehe davon aus, dass der Abbau der Raketen, abgesehen von einem Abbau der atomaren, biologischen und chemischen Rüstung, erst mittel- oder vielleicht auch langfristig zu erreichen ist, ganz abgesehen von den konventionellen Waffen.

Noch ein Punkt, der eingebracht werden muss und der zu den positiven Aspekten der FB gehört: die Alternativen zur gegenwärtigen Abschreckungspolitik, militärisch gesehen; soziale Verteidigung als Stichwort.

Zu den Widerstandsformen ganz kurz: Das sind Dinge, die, glaube ich, wohl kaum insgesamt von der ganzen FB getragen werden können; geschweige denn, dass jeder einzelne dem zustimmt, was in dem Rosa-Block-Papier (?) gefordert wird oder in anderen Papieren vor allem der Autonomen: Aufkündigung der Loyalität gegenüber dem Staat oder ziviler Ungehorsam.

Das sind Dinge, die wohl in der Verantwortung jedes Einzelnen liegen
müssen, bzw. in der Verantwortung von Gruppen, die bereit sind, solche Widerstandsformen zu praktizieren.

[…]

D. St.: Ich glaube, wir sind in der Diskussion eigentlich schon einen Schritt zu weit gegangen. Wir überlegen uns, wie es möglich ist, die Bevölkerung anzusprechen, aufzuklären, zu aktivieren. Ich sehe, dass in der Bevölkerung immer noch eine sicherlich nicht unbegründete Angst vor der Sowjetunion besteht. Das wird als Antikommunismus bezeichnet oder als Antisowjetismus.

Das ist in diesem Falle eine ganz reale Angst. Bei Großteilen der Bevölkerung, überwiegend bei den Älteren, die den Krieg erlebt haben und vielleicht auch in der Sowjetunion gekämpft haben, oder denjenigen, die jetzt den Kalten Krieg der Nachkriegszeit erleben, und auch bei den Jüngeren ist eine Angst vorhanden, die sie jetzt wieder bestätigt finden durch die Nachrüstungsmaßnahmen der Sowjetunion.

Sowohl der Westen als auch der Osten betreiben eine höchstgefährliche Politik. Ein Teil der Bevölkerung mag sich immer noch geschützt fühlen durch die NATO, durch die USA, durch den „atomaren Schutzschild“. Das kann aber abbröckeln. Andererseits gibt es die Frage: „Ja, und die Sowjetunion? Die rüstet ja auch. Also müssen wir ebenfalls rüsten.“ Daher liegt den Duisburger Beschlüssen der Grünen die Forderung nach einer blockübergreifenden Friedenspolitik von unten zugrunde.

Das heißt also: nicht mehr systemimmanent argumentieren, indem nur die Rüstungspolitik des Westens aufs Korn genommen wird, sondern genauso die Rüstungspolitik des Ostens kritisieren. Wir fordern eine einseitige Abrüstung. Wir fordern aber ebenso, dass die Sowjetunion jetzt nicht ihrerseits die Rüstungsspirale weiter hochdreht, sondern Wege sucht, um dieses gegenseitige Hochschaukeln der militärischen Bedrohung abzustoppen.

Ich meine, eine Möglichkeit wäre gewesen, die geplante Stationierung der
Kurzstreckenraketen in der DDR und in der CSSR – die ja nur 3 Minuten brauchen, um hier zu sein, die Pershing braucht 5-6, um Moskau zu erreichen – nicht durchzuführen. Die Sowjetunion müsste aufgefordert werden, ihrerseits die militärische Bedrohung nicht noch weiter zu verschärfen. Denn da zeigt sich die Fragwürdigkeit der Friedenspolitik auch des Ostens.

Das ist ein Punkt auf der militärischen Ebene, auf den wir sicherlich immer wieder in den Gesprächen mit der Bevölkerung angesprochen werden. Die werden uns sagen: „Ja Gott, seht ihr, es geht ja weiter.“ Die Friedensbereitschaft ist nirgends vorhanden. Wie gefährlich die ganze Sache geworden ist, allein durch die Stationierung der Pershing, zeigt sich einmal darin, dass (Bundeskanzler) Kohl in seiner Rede gesagt hat, es müsse jetzt versucht werden, politisch und wirtschaftlich mit dem Osten zu kooperieren. Offenbar ist es denen heiß unterm Hintern geworden.

Ein anderer Punkt ist der, dass nach einer kleinen Notiz der Frankfurter Rundschau vom Freitag der US-Senat angeregt hat, eine atomare Alarmzentrale einzurichten, zusammengesetzt aus Vertretern der UdSSR und der USA. Dies deutet darauf hin, dass sie damit zugeben, es könne auch durch technisches Versagen oder andere Dinge ungewollt ein Atomkrieg ausgelöst werden. Das ist ein Punkt, glaube ich, den wir in unserer Argumentation sehr deutlich machen müssen. Dadurch allein sind die Bundestagsabgeordneten – die 268 –, die der Stationierung zugestimmt haben, im Grunde schon widerlegt.

Wenn man die Reden einmal verfolgt, die da vom Stapel gelassen wurden – dieser Versuch, die Bedrohung herunterzuspielen! Auch typisch die Sprachverschleierung durch Fernsehen und Presse. Die Dinge werden nicht mehr beim Namen genannt, sondern es werden harmlose Begriffe dafür eingeführt. Das ist ein Punkt, über den wir auch praktisch sehr viel Aufklärungsarbeit betreiben müssen, um den Leuten mal klar zu machen, wie hier die Gefahr, in der wir stehen, verschleiert wird.

[…]

D. St.: Ich glaube, G. (die Vertreterin der SPD)  hat auch einmal davon geträumt, dass die SPD sich geschlossen gegen die Stationierung ausspricht, und das ist eingetroffen. Das heißt, es ist ganz wichtig, dass man Utopien hat, die dann eines Tages auch Wirklichkeit werden. Und eine der Utopien, die wir haben, ist tatsächlich der Austritt aus der NATO, eine Auflösung der Blöcke. Eine gesamteuropäische Friedenspolitik, Sozial- und Ökologiepolitik und darüber hinaus eine globale Friedenspolitik.

Aber etwas anderes will ich einbringen aus eigenen Erfahrungen:  G. (die Vertreterin der SPD) sagte ganz richtig, dass diese Zahl 71% (Ablehnung weiterer Stationierung von US-Raketen in Europa, lt. Meinungsumfragen) keine abgesegnete Zahl ist. Es sind ja mehr Stimmungen, die sich hier ausdrücken, als ein klares Bewusstsein der Gefahren, in denen wir stehen, das durch Wissen fundiert ist. Wer hat sich denn mit den militärstrategischen Rüstungsfragen befasst? Das wird mehr gefühlsmäßig abgelehnt. Das ist keine im Bewusstsein der Bevölkerung abgesicherte Haltung.

Was jetzt möglicherweise in Gang kommt, ist ein ähnlicher Prozess, wie ich ihn als Kind im Zweiten Weltkrieg erlebt habe. Nämlich das, was ich als 15-, 16-jähriger erlebt habe: die Militarisierung der Köpfe bzw. Herzen. Das hat eine Bereitschaft in der Bevölkerung bewirkt nach dem Motto: „Lieber frei sein, als tot sein!“ Also Freiheit oder Untergang in der Parallele zu „Lieber tot als rot“.

Ich will das nicht mit dem Begriff der Todessehnsucht beschreiben; aber es gibt Beispiele wie etwa Massenselbstmord, so vor einigen Jahren in Amerika. Es ist denkbar, dass die Masse der Menschen auch weit über Europa hinaus das Gefühl bekommt, die Uhr des Menschen ist abgelaufen, es geht zu Ende.

Es kann also ein psychischer Mechanismus in Gang kommen – Todestrieb, das ist der Begriff aus der Psychoanalyse –, der die Menschen von einem gewissen Trieb her dahin führt. Wir haben historische Beispiele dafür, dass ganze Völker untergegangen sind, sich in die Schlacht gestürzt haben, bis zum letzten Mann gekämpft haben. So etwas ist denkbar, eine Hypothese.

Wenn so etwas möglich sein sollte, in der Resignation vieler zeigt es sich ja, dass diese negative Einstellung zum Leben sich durchsetzt, müssen wir dem etwas Positives entgegensetzen.

G. (SPD): Sie ist noch nicht einmal überzeugt davon, dass eine Volksbefragung über die geplante Stationierung weiterer Raketen ein taugliches Mittel ist… Wir treten mit dem Anspruch auf, die Mehrheit zu beweisen, von der wir behaupten, dass wir sie hätten. Wir laufen Gefahr zu beweisen, dass wir die Mehrheit nicht haben… Um bei der nächsten Wahl an allen 90 Wahllokalen in Recklinghausen eine Volksbefragung durchführen zu können, brauchen wir 360 Leute rein organisatorisch, die den ganzen Tag bereit sind, dort zu stehen. Hier kriegen wir die Leute vielleicht noch, glaubt ihr denn, im Sauerland, in jedem Dorf kriegt die Friedensbewegung die Leute, in Bayern auf dem Land…? Wenn die Volksbefragung schiefgeht, gibt es nämlich eine Sache, die für uns schädlicher ist, als wenn wir die Volksbefragung lassen…

Ich träume genau den Traum der Grünen „Raus aus der NATO!“ mit. Ich träume genau den Traum mit, dass es in Europa zu einer Ordnung kommt, wie sie 1958 etwa angestrebt war mit dem Rapacki-Plan, dass ganz Europa zu einer atomwaffenfreien Zone wird… Das Problem, das ich bei der Forderung jetzt habe, ist, dass die Bevölkerung soweit noch nicht ist. Also, die 71,8% haben sicher kein Verständnis dafür, wie wir das meinen. Sondern die glauben, wenn es jetzt heißt „Raus aus der NATO!“, geben wir unseren Schutz weg und machen uns erpressbar… Deswegen ist es für mich eine Frage, ob das, was ich erreichen will, nicht so formuliert werden kann, dass „Raus aus der NATO!“ irgendwann mal die notwendige und sinnvolle Konsequenz ist.

Aber dass ich das etwa jetzt laut sage als Forderung der FB, kommt mir nicht klug vor, weil ich damit einem großen Teil der 71,8%, die jetzt vielleicht emotional auf unserer Seite stehen, vor den Kopf stoße und wieder zurücktreibe zu den anderen. Deswegen bin ich damit als konkrete, aktuelle Forderung sehr vorsichtig.

D. St.: Ich sehe das auch nur als mittelfristigen Prozess. Das müsste jetzt noch umgesetzt werden in den Köpfen der Menschen. Vitus Lersch meint, bei einer Volksbefragung käme die Aussagekraft auch zustande, wenn nicht jedes einzelne Wahllokal erreicht wird. Wir müssen uns nur genau überlegen, welche weitergehenden Ziele wir damit verbinden. Wenn da „nur“ ein NEIN zur Stationierung herauskommt, wäre das sicherlich etwas zu wenig. Eine mögliche Perspektive der Volksbefragung wäre es gerade auch, wenn sie am Tage der Europawahlen stattfindet, in der vorhergehenden Diskussion zu verbinden mit der Frage eines atomwaffenfreien Europas. Das ist natürlich einerseits ein Traum, andererseits jedoch nicht so weit weg. Hier muss man auch ein bisschen die Prioritäten sehen, wenn man die Forderung atomfreies Europa mit der Forderung Austritt aus der NATO vergleicht. Ich denke, wenn wir realistisch sind, dann müssen wir sagen, dass der Schritt eher so ist, dass sich eine atomwaffenfreie Zone in Europa – egal wie groß sie ist – nur durch Verhandlungen zwischen den beiden Militärblöcken herstellen lässt. Erst danach könnte man langfristig überhaupt als reale Möglichkeit eine Auflösung der Militärblöcke ins Auge fassen. Andersrum würde man den zweiten Schritt vor dem ersten tun…

Bei der Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten am 10. Oktober 1981  (Foto © Dietrich Stahlbaum 1981)
Bei der Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten am 10. Oktober 1981
(Foto © Dietrich Stahlbaum 1981)

Der Pfarrer: Stichwort Todestrieb. Also für mich gibt es keinen Todestrieb an sich, sondern einen Todestrieb in einem Kontext. Das ist eine Ohnmachtserfahrung, die letztendlich in so eine Art Fatalismus endet. Der individuelle oder der kollektive Suizid, eigene Vorwegnahme der Vernichtung, ist dann doch im Grunde der letzte souveräne Akt. Für mich wäre es wichtig, diesen Ablauf, der sicher stattfinden kann, zumindest, dass er im Fatalismus endet, aufzuhalten… Im Folgenden über den Vorschlag Volksbefragung.

D. St.: Unser (grüner) Antrag zur Volksbefragung ist ja abgeschmettert worden im Bundestag. Wir hatten das… so abzusichern versucht, dass Manipulationen weit möglichst ausgeschaltet werden können. Ein allgemeines Problem für uns ist, dass über die Friedensbewegung kaum inhaltlich berichtet wird. Unsere Forderungen und unsere Argumente werden weitgehend totgeschwiegen. Es werden nur Umstände beschrieben nach dem Motto „Sind schon Steine geschmissen worden? Hat es Verletzte gegeben? Hat die Polizei eingegriffen?“

Oder was unsere Bundesversammlung anbetrifft: „Wie viele Hunde laufen dort herum? Wie viele Babys sind im Saal? Wie viel Schmutz bleibt übrig, wenn die Grünen nach Hause gehen?“

Inhaltlich wird kaum etwas vermittelt und wenn, dann nur das, womit man meint, uns madig machen zu können. Das geht der Friedensbewegung genauso. Deshalb hatten wir in unserem Antrag auch gefordert, dass die Friedensinitiativen entsprechenden Zugang zu den Medien haben und zwar ohne Zensur. Uns war natürlich klar, dass dies nicht durchgeht; aber es war notwendig, das einzubringen.

Wenn eine Volksbefragung jetzt von uns aus in Gang gebracht wird, dann stellt sich eben das Problem der Öffentlichkeit. Wie weit gelingt es uns, eine eigene, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen gegen die Medien.. Denn wir müssen wieder damit rechnen, dass – ganz abgesehen von unserer Lokalpresse hier – auch Fernsehen und überregionale Presse versuchen werden, die Volksgemüter ihrerseits zu beeinflussen.

Auch durch die Bundesregierung wird eine Militarisierung der Köpfe stattfinden. Sie wird versuchen, die Mehrheit auf ihrer Seite zu behalten oder auf ihre Seite zu ziehen. Das scheint für mich gerade auch bei Versuchen, eine Volksbefragung hier in Recklinghausen durchzuführen, ein ganz großes Problem zu sein.

D. (DKP): Für mich ist es eine wichtige Frage, inwieweit die Organisationseinheit, die sich hier in Recklinghausen herausgebildet hat, die Zusammenarbeit der Friedenskräfte, inwieweit diese Organisationseinheit erhalten werden soll und unter welchen Bedingungen sie überhaupt zu erhalten ist…

(Die DKP hat befürchtet, ihren Einfluss in der Friedensbewegung zu verlieren. Diesen Einfluss verdankte sie vor allem den organisatorischen Erfahrungen der Kommunisten und ihrem persönlichen Einsatz, sowie ihrer dialektischen Schulung. Da sie die Aktivsten waren, befand sich nahezu der gesamte organisatorische Bereich in ihren Händen. Ihr inhaltlicher, ideologischer Einfluss hingegen ist umstritten und wird sicherlich überbewertet. Kommunisten haben es zwar immer verstanden, Wasser auf ihre Mühlen zu lenken, aber die Partei hat nach 1968 wohl kaum davon profitiert. Anmerkung D. St., 1996)

Nach dem Statemant des Pfarrers meint G. (SPD), dass wir, „die hier am Tisch sitzen, wieder eine Organisationseinheit finden können. Wenn das in die Richtung geht, dass wir sagen, wir müssen jetzt nicht weiter fordern: ´Die Waffen weg!`, das ist klar, also darauf dürfen wir uns nicht festreiten. Sondern das militärische Denken, das dahinter steht, ist das, was eigentlich weg muss. Nämlich das Gleichgewicht des Schreckens hat ausgedient, und zweitens müssen wir deutlich machen, welche Verbindungen es zwischen Problemen im sozialen Bereich und in der Dritten Welt und der Rüstung gibt. Drittens als konkrete Forderung müssen wir versuchen, daraufhin zu kämpfen, dass der (Olaf) Palme-Vorschlag mehr Resonanz in der Bevölkerung findet, bekannt wird und als real angehbares Ziel begriffen wird.“

Allgemeine Zustimmung zum weiteren Ausbau der Friedensinitiativen in Recklinghausen.

D. St.: Ein Punkt ist der, den ich als Feindbildpsychose bezeichnen möchte in der Bevölkerung. Wir müssen, verbunden mit einem Sicherheitsbedürfnis, versuchen, diese Feindbildprojektionen in der Bevölkerung abzubauen. Diese Feindbildprojektionen, die sich zu einer Psychose, zu einem Bedrohungssyndrom verstärkt haben.

Nicht nur gegenüber der Bundesrepublik im Osten, sondern auch umgekehrt dem Osten gegenüber in der BRD. Nicht nur international, sondern auch innernational, in der Gesellschaft, beispielsweise in der Bundesrepublik. Ich denke da an die Angst vor den Ausländern. Das ist Angst, die sich zeigt als Forderung: „Ausländer raus!“ zum Beispiel. Eine soziale Angst der Bevölkerung, die ausgenutzt wird und verstärkt wird mit politischen Parolen, die älter sind als der Faschismus selbst…

Es gibt reichlich andere Bereiche, in denen dieses Feindbild auch
innergesellschaftlich vorhanden ist gegenüber allen möglichen Minderheiten. Wir müssen damit rechnen, dass dieses Feindbild jetzt auf die FB projiziert wird, noch mehr als bisher. Wenn nämlich in der FB Aktionen des zivilen Ungehorsams in Gang kommen, Aktionen so nach dem Motto: „Wir sind nicht aufzuhalten durch die Straßenverkehrsordnung“ und dergleichen. Wir müssen damit rechnen, dass man uns nicht nur kriminalisiert, sondern uns regelrecht zum Feind der Gesellschaft macht, also nicht nur zum Feind des Staates. Zum Verfassungsfeind kann man uns noch nicht machen. Auch das wird man möglicherweise versuchen. Aber man wird zumindest versuchen, uns in einen Gegensatz zur Gesellschaft zu bringen. Das, meine ich, sollten wir verhindern.

Einen Punkt dem entgegensetzen, einen emanzipatorischen Prozess in der Bevölkerung, in der Gesellschaft in Gang setzen, den Leuten Mut machen, ihre Interessen selber wahrzunehmen und zwar in allen Bereichen, nicht nur innerhalb der Friedensaktionen und der FB, sondern auch im sozialen Bereich für die 35-Stunden-Woche zu kämpfen.

Den Leuten Mut machen auf allen Gebieten, in allen Bereichen aktiv zu werden und sich nicht einlullen zu lassen und beschwichtigen zu lassen durch falsche Informationen, durch falsche Ansätze. Das, was ich als Alternative zu dieser Feindbildprojektion nennen möchte, sind Partnerschaft und Kooperation auf allen Ebenen innerhalb der Gesellschaft. Das heißt jetzt nicht prokapitalistisch; das System an sich muss in Frage gestellt werden, das kapitalistische Gesellschaftssystem, das selbst die zerstörerischen Kräfte mobilisiert und selbst gesellschaftsfeindlich ist. Sondern natürlich Kritik am kapitalistischen System; denn es ist eine Frage des Systems in der BRD, in Westeuropa, wie übrigens auch in Osteuropa. Auch das osteuropäische System muss sich ändern, muss weiterentwickelt werden, muss emanzipatorische Entwicklungen vorantreiben, die mir sehr blockiert scheinen in Augenblick.

Das heißt, wir müssen auch hier die emanzipatorischen Bedürfnisse der Menschen ansprechen und versuchen, sie zu entwickeln, umzusetzen in Aktivität. Wir müssen gegen – man nennt das – kompensatorische Interessen arbeiten. Ein Ausweichen vor Problemen. Ich erlebe dies in der Bücherei. Ich sehe das an dem, was die Leute lesen, womit sie sich befassen. Ich möchte den Leuten sagen: „Schmeißen Sie den Dreck weg! Lassen Sie den Dreck stehen! Wir müssen ganz was anderes heute lesen!“

Ich deute das oft an, ganz praktisch, nicht so pauschal. Anhand von Büchern. Ich gebe ihnen etwas anderes an die Hand. Ich meine, in dieser Richtung müssen wir arbeiten.

Noch ganz kurz zu der Friedensarbeit auch hier in Recklinghausen. Ich meine, der Pluralismus der Friedensbewegung muss bewahrt bleiben. Das heißt, die verschiedenen Positionen innerhalb der Friedensgruppen in RE müssen zum Ausdruck gebracht werden können, aber als Position der jeweiligen Gruppe und Initiative. Sie können natürlich nicht als Positionen der Gesamtinitiative dargestellt werden.

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