Ein immer noch aktuelles Problem: die Klimaerwärmung

Dürre am Lubéron
Dürre am Lubéron (Südfrankreich)

Leserbrief an das Medienhaus Bauer, Marl, zum „Phänomen : Die CO2 –Hysterie“, Leserbrief von Dr. Sunder-Plassmann vom 21. Mai 2009:

Dr. Sunder-Plassmann sieht mächtige Interessengruppen die CO2-Problematik bestimmen und zu falscher Klimapolitik verleiten. In der Tat, Wissenschaften sind interessenbestimmt. Daher wäre aber auch zu fragen: Wer ist daran interessiert, eine Verursachung der globalen Erwärmung durch anthropogene CO2 -Emissionen zu verneinen? Wer würde davon profitieren, wenn auf eine drastische Reduzierung dieses Treibhausgases verzichtet wird?

Ein anderer Aspekt: Immer wieder kommen Wissenschaftler zu Ergebnissen, die einander auszuschließen scheinen und einen Expertenstreit auslösen, weil sie auf keinen gemeinsamen Nenner gebracht werden können. Es ist ein erkenntnistheoretisches Problem, das, wie wir beim Treibhauseffekt sehen, praktische Folgen haben kann.

Es gibt keine (wissenschaftliche) Objektivität. Es gibt lediglich einen Konsens über Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung. Und nicht selten einen Dissens über ein vermeintlich objektiv dargestelltes Faktum. Man spricht von einem Bild der Wissenschaft. Die Landkarte ist nicht das Land, das sie darstellt. Wir haben es – wie bei den Geisteswissenschaften – mit Abstraktionen zu tun. Mit Zahlen, Ideen, Gedankenkonstruktionen.

Geologen, Geo- und Astrophysiker denken in anderen Zeiträumen [„wir müssen 4,5 Mrd. Jahre zurückblicken bis an den Anfang unseres Sonnensystems“] als Klimaforscher, die die gegenwärtige Klimaerwärmung untersuchen, mit früheren Epochen vergleichen und dabei feststellen, dass der Globus seit der Industrialisierung immer mehr und immer rapider aufgeheizt wird, während die Klimaschwankungen früherer und frühster Epochen viel mehr Zeit gebraucht, länger angedauert haben, also der Mensch Hauptverursacher dieses Treibhauseffektes sein muss.

Experten sind, wie der Name sagt, Fachwissenschaftler. Sie bearbeiten einen bestimmten Sektor, einen verhältnismäßig kleinen Bereich nach Methoden, die ihrem Fach entsprechen. Ein Chemiker sieht anderes als ein Physiker. Selbst innerhalb eines Faches gibt es Spezialisierungen. Dies verleitet dazu, die Ergebnisse seiner Untersuchungen in den Mittelpunkt zu stellen, monokausal zu urteilen und Teilursachen als Hauptursachen zu bezeichnen.
Um die Komplexität der Naturereignisse zu begreifen und zu verstehen, bedarf es einer ganzheitlichen Sichtweise, einer fachübergreifenden, interdisziplinären Kooperation von Wissenschaftlern, einer Zusammenschau aller durch Einzelnanalysen gelieferten Fakten und Faktoren.

Die Klimaforschung ist auf diesem Weg und wird, zusammen mit der Politik, sich nicht nur um die Reduzierung der Treibhausgase kümmern müssen.

Auch ich halte die anthropogenen CO2 -Emissionen nicht für die einzigen und nicht für die Haupt-Ursachen der Klimaerwärmung. Da sind weitere Faktoren „am Werk“: Abholzung, Brandrodung ganzer Urwälder besonders in den Regengebieten, großflächige Trockenlegung und Versiegelung, Städte- und Straßenbau, Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts durch die industrielle Land-, Forst- und Fischwirtschaft u. a. Es ist also doch der Mensch, − wir sind es, die sich hier nicht aus der Verantwortung stehlen sollten.

[Am 28. 05. 2009 in den Zeitungen des Medienhauses Bauer veröffentlicht.]

Brief an Dr. Sunder-Plassmann:

Recklinghausen, den 10. Juni 2009

Sehr geehrter Herr Dr. Sunder-Plassmann,

vielen Dank für Ihre Antwort auf meinen Leserbrief zum CO2-Streit. Ihre Beschreibung klimatischer Prozesse ist exakt und plausibel. Daraus lässt sich schließen, dass der Mensch auf das Klima keinen nennenswerten Einfluss hat. Ich denke auch, die Klimarelevanz der anthropogenen CO2-Emissionen wird überschätzt, sehe aber, dass die Pro- und Kontra-Fixierung auf das CO2 die Sicht auf andere anthropogene Faktoren verstellt.

Ich bin seit Anfang der 60er Jahre an ökologischen Fragen interessiert, seitdem auch politisch für den Naturschutz engagiert − bis 1990 bei den Grünen − und kann somit einen verhältnismäßig kleinen Zeitraum von fast 50 Jahren überblicken. Dabei habe ich auf unserer dünnen Erdkruste enorme Veränderungen beobachtet. Zustände um 1988 sind in meinem Essay «ASPEKTE EINER ÖKOLOGISCHEN POLITIK» [ https://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/2015/08/09/aspekte-einer-oekologischen-politik-essay-1988/ ] be- und dem Faktor MENSCH zuschrieben.

Inzwischen ist noch mehr geschehen: Der Mittelmeerraum trocknet aus und versteppt, Wüsten breiten sich aus oder entstehen. Besonders dramatisch ist die Situation in Spanien, Griechenland und in der Türkei. [Anhang] Das Süßwasser wird knapp. Stellenweise ist es vergiftet. Gülle, Pestizide und Industrieabwässer bedrohen Bäche, Flüsse und Seen. Die industrielle Landwirtschaft verursacht ein Artensterben von Pflanzen und Tieren. Die Ostsee leidet unter Sauerstoffmangel. Plastik- und andere anorganische Abfälle verschmutzen die Meere. Fische sterben, Korallen verkümmern.

Aquakulturen schädigen in Südostasien die Küstenränder. Durch Umleitung und Aufstauung großer Flüsse und durch künstliche Bewässerung wird das ökologische Gleichgewicht erheblich gestört. Anfangs fruchtbare Böden versalzen und versteppen. In 20/30 Jahren ist der Brasilianische Regenwald verschwunden. In weniger als 20 Jahren danach werden es auch die Sojafelder, die Kaffee- und Obstplantagen sein, denen der Urwald weichen musste: Der Boden ist dann ausgelaugt. Dürre und Hunger in Afrika, z. B. in der Sahelzone. 2007 hingegen gab es dort schwere Überschwemmungen, die Millionen Menschen obdachlos machten. Ebenfalls in China: Dürre- und Hochwasserkatastrophen. Orkane (Taifune, Hurrikane) häufen sich.

Wetterextreme sogar in bisher gemäßigten Zonen. Alles „nur“ Folgen der Sonnenaktivitäten, einer Erdachsverschiebung und anderer natürlicher Phänomene? Oder – auch − Folgen der rücksichtslosen Eingriffe des Menschen in die Natur? Das ist schwer zu ermessen.

Zumindest trifft dies für das Mikroklima zu. Ein Beispiel: Wir wohnen am Rande einer mittleren Großstadt, in Recklinghausen-Ost. Gleich hinter unserer Siedlung liegen Felder und kleine Waldstücke. Unser Haus, inmitten dieser Siedlung, hat einen 718 ha großen halbwilden Naturgarten mit alten, zum Teil hohen Laubbäumen (Wallnuss, Birke, Felsenbirne, Quitte, Apfel, Pflaume und drei Pappeln), mit heimischen Sträuchern, Kräutern und Blumen. Das Regenwasser wird aufgefangen und teils in einen kleinen Teich geleitet, teils als Gießwasser gespeichert. Die Einfahrt ist nicht versiegelt. Hier steht unser Auto, 3 Jahre alt, ein Sparmodell. Den Benzinverbrauch habe ich – in dieser Jahreszeit – durch eine entsprechende Fahrweise auf unter fünf Liter senken können (Stadtverkehr!). Der Wagen hat einen Außenthermometer. So kann ich die Temperaturen auf unserem Grundstück und in der Innenstadt bzw. auf dem Adenauerplatz exakt messen und vergleichen. Der Unterschied: je nach Wetter 2°-3° C mehr in der Stadt. Und dies nicht erst nach den städtischen Kahlschlagaktionen.

Man wird das höhere Stadtklima wohl kaum den Sonnenaktivitäten zuschreiben können. Ich denke schon, dass wir das Klima nicht nur unserer Städte, sondern ganzer Erdregionen beeinflussen, das globale Klima sicherlich nicht. Wäre es nicht dennoch zu begrüßen, wenn, obwohl sich ein anthropogener CO2- Effekt als unhaltbar erweist, ökologische Maßnahmen dagegen ergriffen werden? Die Energieeffizienz erheblich gesteigert, der Ressourcenverbrauch drastisch gesenkt und die Gewinnung alternativer, nämlich regenerativer Energien ständig verbessert wird?! Die Grenzen der fossilen Rohstoffvorkommen und des ökonomischen Wachstums in den Industrieländern sind längst überschritten. Dem Zeitalter der Verschwendung muss ein Jahrhundert der Genügsamkeit und rigoroser Sparsamkeit folgen. Andernfalls werden ganze Zivilisationen zusammenbrechen. Ist das Finanz- und Wirtschaftsdebakel für uns nicht ein Warnsignal?

Beste Grüße Ihres Dietrich Stahlbaum

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