Menschenrechtsverletzungen bei der Fremdenlegion. Leserbrief eines Ex-Legionärs

…an das Medienhaus Bauer, Marl, zu „Schikane-Fotos aus der Fremdenlegion“ vom 24. Februar 2009:

Ich kann bestätigen, dass in der französischen Fremdenlegion Schikanen, die als Menschenrechtsverletzungen bezeichnet werden müssen, üblich waren. Das habe ich 1949/50 selber erlebt und in meinem autobiografischen Roman Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht beschrieben. Ausschnitte daraus:

(Ich habe den Originaltext für den Leserbrief gekürzt. Der volle Text hier am Schluss. *)

Heute muss sich der Legionär verpflichten, die Menschenrechte stets und überall zu achten und seinen Auftrag „im Respekt der Gesetze, Kriegsgebräuche, internationalen Abmachungen und wenn nötig, im Einsatz seines Lebens“ auszuführen.

Im RZ-Bericht heißt es: „Jeder Rekrut erhält für die Dauer seiner Dienstzeit eine neue Identität.“ Das suggeriert, Legionäre seien durchweg Kriminelle und benutzen diese Truppe, um unterzutauchen. Laut Webseiten der Legion wird der Rekrut „eventuell mit einer neuen Identität ausgestattet“ und „kann der Legionär baldmöglichst unter seiner reellen Identität (…) dienen. Sie kann nach einem Dienstjahr (…) beantragt werden. “

Ich selber habe von Anfang an –  1949 bis 54 –  unter meinem richtigen Namen gedient, wurde in Vietnam Pazifist und rate von jeglichem Militärdienst ab.

Am 26.02.09 mit dem Romantext in den Zeitungen des Medienhauses Bauer, Marl, erschienen.

Führungszeugnis
Führungszeugnis

* Miros und ich hatten Brieffreundinnen in der Bretagne, und so arglos, wie wir waren, ließen wir uns ihre Post an die Adresse dieser Familie in Sétif senden und am Kasernentor abgeben.

Eines Mittags wurden wir in das Büro des Sicherheitsoffiziers befohlen. Mit knurrenden Mägen mußten wir fast zwei Stunden lang auf dem Korridor warten, stehend, bis wir nicht mehr konnten und uns auf den Boden hockten. Es war siesta, Mittagspause, und erst als diese zu Ende war, wurden wir hereingerufen. Auf dem Tisch des Offiziers lagen zwei Briefe, geöffnet, harmlose Briefe, wie wir fanden, als sie uns ausgehändigt worden waren. »Warum haben Sie diese Briefe an eine Privatadresse und nicht hierher schicken lassen? Wissen Sie nicht, daß dies verboten ist?«
Ich kann mich nur noch daran erinnern, daß Miros geantwortet hat: »Die Post ist wochenlang unterwegs, bis sie uns hier in der Kaserne erreicht. Was wir über diese Privatadresse bekommen, das ist in wenigen Tagen da.«

Wir wurden bis zum späten Abend verhört, am nächsten Tag zu zehn Tagen Arrest verurteilt, kahlgeschoren und in einem Keller eingeschlossen. Wir haben nie erfahren, ob eine zivile Briefkastenadresse wirklich verboten war.

Morgens gegen fünf, die Nacht war noch nicht gewichen, und auf dem Kasernenhof regte sich nichts, hörten wir nebenan eine Stimme und das Geräusch eines Riegels, der auf- und wieder zugeschoben wurde. Wir traten ans Fenster, es war vergittert, und hörten das Schnauben eines Igels. So hörte es sich an. Dann sahen wir drei Legionäre. Sie robbten an uns vorbei. Ihnen war ein mit schwerem, sperrigem Inhalt gefüllter Rucksack auf den Rücken geschnallt. Wir hörten wieder die Stimme, eine gedämpfte Kommandostimme, und sahen die massive Gestalt eines Sergent-Chefs. Er trieb die Robbenden an und hatte offenbar keine Skrupel, da und dort auch mit einer Stiefelspitze nachzuhelfen. Bald lagen die drei platt am Boden und keuchten. Konnte uns das nicht passieren? Wir hatten Angst.

Als zum Wecken geblasen wurde, waren die drei wieder in ihrer Zelle. Von älteren Legionären erfuhren wir: es waren Ziegelsteine, die in den Rucksäcken für kaputte Rücken sorgten; dieser Sergent-Chef sei ein gefürchteter »Spezialist für Schikanen«, und die Offiziere »sehen weg«, das heißt, sie schliefen noch, wenn er sich, besonders an jungen Soldaten, abreagierte.

Alle Gefangenen mußten nun antreten, und wir beide durften bekotzte und beschissene Latrinen säubern, zehn Tage lang. Wir waren in etwa zwei Stunden damit fertig, denn wir hatten keine Lust, diese Tätigkeit zu verlangsamen, wie dies andere bei anderen Tätigkeiten taten, zum Beispiel beim Küchendienst. Wir wurden wieder eingeschlossen. [S. 17. f.]

Am nächsten Tag, beim Mittagsappell, steht der Sergent-Chef wie immer breitbeinig in dem kleinen, runden Schatten einer Palme und verliest Befehle. Er hat sein Käppi halb über das Gesicht gezogen. Uns hingegen schießen die heißen Sonnenstrahlen ins Gesicht. Es fällt uns schwer, still und stramm zu stehen. Wer sich bewegt, wird herausgerufen, muß sein Käppi abnehmen, dicht an die Hauswand treten, das Käppi neben sich auf den Boden legen, sich umdrehen und mit der Nase die Wand berühren. Ihm wird ein Bogen Papier vor die Nase geschoben, und es wird »Festhalten!« befohlen. »Hände auf den Rücken! Füße zusammen!« Mit der Nase wird das Papier an die Hauswand gedrückt. Unendlich lang wird hierbei die Zeit.
Wer schwarz zu sehen beginnt und schließlich das Bewußtsein verliert, wacht bestenfalls wie aus dem Wasser gezogen wieder auf, manchmal erst in der Krankenstube. Man hat ihm einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen.

Auf dem Kasernenhof gab es kein Thermometer. Aber es gab auch niemanden, bei dem wir uns hätten mit Erfolg beschweren können. Dem Einfallsreichtum der Ausbilder beim Bemühen, uns, wie es in einer Bataillonsorder hieß, »den Erfordernissen einer Elitetruppe anzupassen«, waren keine Grenzen gesetzt.

*

Vor unserer Einschiffung nach Indochina sollen wir »scharfgemacht« werden. So sagte es der Sergent-Chef, als er beim nächsten Mittagsappell ein Manöver, an dem mehrere Bataillone, auch Legionäre anderer Garnisonen, algerische und marokkanische Infanteristen, sowie eine französische Panzereinheit teilnehmen sollen, ankündigt. Mit dem Fallschirm springen wir über dem Atlasgebirge ab. Tagelange Märsche durch Halbwüsten und Steppen bei extremer Hitze und kalten Nächten. Wir schleppen uns, unsere Waffen und unsere Verpflegung über einen hohen, nackten Berg, der ein weites Tal umschließt: das letzte Ziel des Manövers. Vulkangestein und Staub. Aus allen Richtungen schlängeln sich gleich Herden nahezu erschöpfter Schafe die Kolonnen talwärts, vorbei an den Felsen und Falten des Berges. Wer zusammenbricht und liegenbleibt, wird am Schluß der Kolonne aufgelesen und auf einen Mulikarren geladen.

Auf unserem ist kein Platz mehr. Wir sind am Ende unserer Kräfte, ausgedörrt wie diese Landschaft. Die Wassersäcke sind leer. Die Hitze müßte sich im nächsten Augenblick mit einer gewaltigen Explosion entladen.

In der Talsohle, dort endet eine asphaltierte Straße, soll ein Heerlager eingerichtet werden und am Abend eine Feldparade stattfinden.
Vorn an der Spitze des Bataillons tippelt der kleine, agile Capitaine, unser Kommandeur. Damit er nicht allein unten ankommt, laufen rechts und links neben unserer Kolonne aufgeregte Unteroffiziere hin und her und treiben die zähe Masse fast erschöpfter Menschen an. Ich ziehe den Kopf ein, so gut es geht, um nicht aufzufallen, und stolpere über die eigenen Füße. Sie wollen mir nicht mehr gehorchen. Der Sergent-Chef hat es gesehen. Vielleicht nimmt er mir das Maschinengewehr ab und läßt einen anderen die schwere Waffe tragen oder trägt sie selbst. Das ist alles, was ich noch denken kann. Aber er nimmt meinem Nebenmann den Sack voller Brote von der Schulter und hängt ihn mir um. Das letzte, was ich sehe, ist sein Grinsen. Ich falle in ein schwarzes Nichts, wache, auf dem Rücken liegend, kurz auf, und in dieser Minute äußerster Wachheit sage ich zu mir: Wenn du jetzt nicht aufstehst, stehst du nie mehr auf!

Ehe sich das Herz ganz zusammenzieht, bin ich wieder auf den Beinen, taumele wie ein angeschossenes Tier im Kreis, gehe ein paar Schritte, spüre, wie der Kreislauf sich reguliert, und sehe, daß Miros den Brotsack vom Boden aufhebt und sich umhängt und auch mein Maschinengewehr schultert. Der Sergent-Chef hat dies scheinbar unberührt mit angesehen, sagt dann aber: »Das war wohl zu viel.«

In der Einsamkeit dieses beinahe tödlichen Augenblicks wurde mir bewußt: In solchen Momenten gibt es niemanden, der dir helfen kann, keinen Menschen und keinen Gott. Du mußt dich selber aus dem Sumpf herausziehen.

Der Himmel explodierte, und es ergossen sich gewaltige Wassermassen ins Tal. Sie verwandelten sich in Ströme von Schlamm und Gestein. Wir hatten das Tal erreicht, standen bis zu den Knien in der Pampe und sollten hier unsere Zelte aufbauen. Irgendwie haben wir das dann auch geschafft.
Am Abend fand die Parade statt. Allerdings brauchten wir nicht zu laufen. Wir wurden auf Lastwagen, die unsere Seesäcke mit den Paradeuniformen und den weißgestrichenen Gamaschen mitgebracht hatten, an einem General und seinen Stabsoffizieren vorbeigefahren, in eben diesen Paradeuniformen mit den weißen Gamaschen und einem frischbezogenen Képi blanc. Vorher wurde uns beim Umkleiden im LKW Akrobatik abverlangt: an der Felduniform und an unseren Händen klebte halbgetrockneter Schlamm.

Es spielte keine Kapelle. Diese war im Schlamm steckengeblieben, mit allen Panzerfahrzeugen, die sie begleitet hatten, und man wartete, etwa fünfzehn Kilometer von uns entfernt, auf Bergungsfahrzeuge. General und Stabsoffiziere standen auf einer Tribüne aus rohem Holz. Sie und wir sahen voneinander nicht viel mehr als Umrisse. Denn längst war die Nacht hereingebrochen, und es begann, als der Regen schlagartig, wie er gekommen war, aufhörte, aus allem Gestein, das nicht vom Schlamm überzogen war, zu dampfen.

Da wir beide gelernt hatten, beim Exerzieren auf dem Kasernenhof aus voller Kehle Befehle zu erteilen, wurden Miros und ich nach unserer Ausbildung zum Caporal befördert. [Printausgabe S. 21 ff.]

Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht, Aachen 2000, Printausgabe vergriffen, jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_ebook-dietrich-stahlbaum-der-ritt-auf-dem-ochsen-oder-auch-moskitos-toeten-wir-nicht/

Von blog.de (25. 02. 2009) übernommen.
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