Ehrung für Kriegsherren? Kommentar zur Verleihung des Aachener Karlspreises 2007

„Keine Ehrung für Kriegsherren!“ fordert die Aachener Initiative gegen die Verleihung des Karlspreises 2007 an den ehemaligen NATO-Generalsekretär Javier Solana. Das mag, wenn man die Begründung liest, ohne weiter darüber nachzudenken, ganz sinnvoll erscheinen. Wenn man jedoch die europäische Geschichte zurückblättert und auf den Namensgeber dieses Preises stößt, nämlich auf Karl, genannt „der Große“, lat. Carolus Magnus oder, wie die Franzosen sagen, Charlemagne (ca. 748 – 814), dann stellt sich die Frage, ob nicht zu allererst er selber, der Namengeber Karl, genannt „der Große, gemeint sein müsse. Denn friedlich hat der Herrscher über Europa das Frankenreich, das sich um 800 von den Pyrenäen bis zur Nordsee und vom Atlantik im Westen bis in das heutige Ungarn im Osten erstreckte, nicht geschaffen. Erinnert sei beispielsweise an das Blutgericht von Verden.

Karl hatte während der Sachsenkriege 782 die Hinrichtung von 4.500 Niedersachsen befohlen. Die Aller soll von dem vielen Blut der Enthaupteten (zivile Friedensboten und Schutzbefohlene, die die Sachsen Karl als Geiseln gestellt hatten) rot geflossen sein. [Quelle: Wikipedia: Blutgericht von Verden →  http://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:Suche?search=Blutgericht+von+Verden&fulltext=Volltext ]

Aus heutiger Sicht ein Fall für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Saddam Hussein wurde kürzlich wegen ebenso grausamer Taten gehängt.

Und eine zweite Frage stellt sich mir: Steckt hinter jeder Verleihung des Karlspreises nicht auch die stille Rechtfertigung gewaltsamer „Befriedigung unbotmäßiger“ Völker? (Balkan, Afghanistan, Irak…)

Die dritte Frage: Hat Solana den Preis wirklich verdient?

*

Karl „der Große“ und seine Historiografen

Historiografie, Geschichtsschreibung, ist nicht objektiv, kann es nicht sein. Denn schon die Auswahl der Fakten, der Ereignisse, der „nackten Tatsachen“, deren Einordnung und Beschreibung, der Duktus, die Art und Weise der Beschreibung, werden, falls überhaupt, nicht allein von wissenschaftlichen Interessen bestimmt, sondern viel mehr noch von politischen und das sind zumeist Machtinteressen, Herrschaftsinteressen, aber auch vom Interesse an humanistischer Aufklärung, mithin von ethischen Interessen.

Es sind also (systemkonformes oder systemkritisches) Bewusstsein und unbewusste (tiefenpsychische) Faktoren, die Zielsetzung und (historische) Wahrnehmung und das, was dabei herauskommt und dann in unseren Schulbüchern steht oder an den Hochschulen gelehrt wird, bestimmen. Kurz: Der Blickwinkel des Historikers entscheidet über das, was er sieht, beschreibt, beurteilt.

Deshalb erscheinen uns die „Geschichten der Geschichte“ voller Widersprüche. Das ist bei Alltagsereignissen, die Menschen unmittelbar erleben und in Aufregung versetzen, bei Straftaten oder Unfällen zum Beispiel, selten anders. Solcher Zeitzeugen bedienen sich auch die Historiker, die dann aus den verschiedensten Quellen „die Wahrheit“ herauszufischen versuchen oder sie bewusst und im Interesse ihrer Dienstherren verfälschen.

Mein Eindruck ist: Unter der jungen Historiker-Generation macht sich der Hang zu Konformität, Anpassung und Dienstwilligkeit bemerkbar. Eine Mentalität, die der geistigen Verfassung und dem Sozialverhalten in unserer Gesellschaft entspricht, Symptom der Angst um den Verlust des (gegenwärtigen oder künftigen) Arbeitsplatzes, der Anerkennung, und bei jungen Wissenschaftlern besonders die Angst, sich die eigene Karriere durch „zu viel Kritik“ zu verbauen.

Kritische Geschichtsforschung und -schreibung werden daher zu ideologischem Machwerk erklärt und unter dem Vorwand vermeintlicher Objektivität samt der 68er Bewegung in den Orkus geschickt oder in den Lokus gekippt; – die Kirche setzte die Schriften ihrer Kritiker auf den Index und verbrannte deren Bücher.

Hier ein Beispiel für kritische Geschichtsschreibung:

Karl der Große — Schutzherr der abendländischen Christenheit

„Unsere Aufgabe ist es, mit Hilfe Gottes die heilige Kirche Christi nach außen gegen den Einbruch der Heiden und die Verwüstung durch die Ungläubigen mit den Waffen zu verteidigen und nach innen durch Anerkennung des katholischen Glaubens zu festigen. Eure Aufgabe ist es, wie Moses mit zu Gott erhobenen Händen unsern Kriegsdienst zu unterstützen, damit das christliche Volk, dank Eurer Fürbitte, von Gott geführt und ausgestattet, stets und überall den Sieg über die Feinde seines Namens habe.“

Mit diesen programmatischen Sätzen an Leo III. hat Karl der Große seine Rolle als „Schutzherr der Abendländischen Kirche“ beschrieben, die Kriegszüge gegen Sachen und Awaren lieferten den „historische[n] Kommentar“ dazu. Mit dem Feldzug Karls gegen die Sachsen im Jahre 772 begannen jene über drei Jahrzehnte andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen, die das Land unzählige Male verwüsteten und verheerten, die Bevölkerung dezimierten, dem Christentum aber zu siegreichem Einzug verhalfen. „Kein Krieg, den das Volk der Franken unternahm, ist mit solcher Ausdauer, Erbitterung und Anstrengung geführt worden“, schreibt Einhard, der Biograph des fränkischen Herrschers.

Mag der Angriff von 772 noch „eine der üblichen Strafexpeditionen zur Sicherung fränkischer Grenzgebiete“ gewesen sein, schon damals legten die Franken den Grund für die erbitterten Kämpfe der nächsten Zeit, die sehr bald den Charakter eines „Religionskrieges“ annahmen. Karl eroberte nicht nur die Eresburg, eine sächsische Grenzfeste, er ließ auch die Irminsul, das alte Stammesheiligtum der Sachsen, vernichten. Drei Tage verbrachten dort die fränkischen Truppen, „um die Zerstörung zu vollenden“ und erbeuteten die heiligen Geräte, reiche Gold- und Silberschätze. Als die Sachsen mit zwölf Geiseln für den Frieden bürgten, zog Karl ab.

Obgleich die Quellen von Taufe oder Taufversprechen noch nichts wissen, dürfte schon bei den ersten Kriegszügen die Einführung des Christentums eine Rolle gespielt haben. Scharen von Priestern begleiteten Karls Heer, „damit sie“, wie der Biograph eines der eifrigsten Sachsenbekehrer, des Abtes Sturmi von Fulda, schreibt, „das Volk, welches seit Anfang der Welt von den Fesseln der Dämonen umstrickt war, durch heilige Unterweisung im Glauben unter das sanfte und süße Joch Christi beugten“. Drastischer drückte sich Karl der Große aus, nachdem die Sachsen 774 auf einem Rachezug bis Fritzlar vorgedrungen und von fränkischen Truppen zurückgeschlagen waren. Er beschloß jetzt, „das treulose und eidbrüchige Sachsenvolk mit Krieg zu überziehen und nicht eher abzulassen, bis die Sachsen entweder als Besiegte sich der christlichen Religion unterworfen hätten oder gänzlich ausgerottet sein würden“.

Das Karolingerreich „erweiterte seine Grenzen nur, indem es zugleich die Grenzen der Kirche erweiterte“, war doch deren Verwaltungsapparat das beste Instrument, die verschiedenen Reichsgebiete zusammenzuhalten und Neuerobertes einzugliedern.

Den Kriegszug von 775 gewann Karl schon mit den Mitteln, die die Sachsen endgültig niederwerfen sollten: Bestechung und Gewalt. Kampflos ergaben sich die Ostfalen. Unter ihrem Führer Hessi, „der von Karl mit Ehren überhäuft wurde“, leisteten sie den Treueid und stellten Geiseln.

Durch „Versprechen, Gold und Geschenke“ hatte Karl fast gesiegt. Nur mit den Westfalen unter Widukind waren die Franken zunächst zu einem Scheinabkommen gezwungen, ehe sie den völlig überraschten Stamm angriffen und vernichtend schlugen.

Die angewandte Taktik sicherte Karl auch in den Kämpfen der nächsten Jahre den Erfolg. Hand in Hand mit der gewaltsamen Repression jeder Erhebung ging die freigebigste Belohnung der Treu gebliebenen. Die Zeitgenossen haben ihr nicht geringere Wirkung zugeschrieben als der Gewalt. Die Verbindung des Frankenkönigs mit der sächsischen Aristokratie war für den gesamten Kriegsverlauf charakteristisch. Während sich das Volk immer wieder gegen die Zwangs Christianisierung empörte, zeigte sich der Adel stets zu Vertragsabschlüssen bereit; Christentum und Kirche sollten ihm helfen, „seine Stellung in der sächsischen Verfassung zu festigen“. Kirchliche Missionspolitik und Feudalismus vertrugen sich ebenso prächtig wie Heidenkriegsideologie und fränkischer Expansionsdrang. »Solange die Sachsen Heiden waren, war in den Kämpfen, die die Franken mit ihnen auszufechten hatten, das Recht in den Augen der ganzen Welt natürlich immer auf fränkischer Seite. Das, was man etwa das Weltgewissen der Christenheit in dieser Zeit nennen könnte, sympathisierte selbstverständlich mit den christlichen Franken. Und dabei konnten sich diese gegen die Sachsen jedes Mittels bedienen. Die Tatsache, daß hier Christen gegen Heiden kämpften, rechtfertigte alles.

[Aus: Karlheinz Deschner: Kirche und Krieg. Der christliche Weg zum Ewigen Frieden, Stuttgart 1970, S. 161 ff.]

Die 16 Quellenhinweise und Anmerkungen hierzu habe ich weggelassen. dst.

Von blog.de (16. 01. 2007) übernommen.

Ein Gedanke zu “Ehrung für Kriegsherren? Kommentar zur Verleihung des Aachener Karlspreises 2007

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s