Überfremdung? Eine Replik

Hallo Herr R…,

ich habe mir Ihre Seite angesehen und bin da auf drei Vorschläge gestoßen, die ich sehr bedenklich finde:

1. Überfremdung
Schluss mit neuen Zuwanderungen aus allen Ländern und kriminelle Ausländer ruckführen!“

Dieser Begriff ist historisch belastet. Hitler und Goebbels haben ihn in ihren Reden und Schriften verwendet, um die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Menschen, die nicht den deutsch-völkisch-national“sozialistischen“ Wahnideen entsprachen, zu begründen. Sie wurden als gefährliche „Fremdkörper im Volke“ bezeichnet und sollten deshalb „aus dem deutschen Volkskörper“ ausgeschieden werden (Slawen, Juden, Roma, Farbige u. a. nicht „arische“ Ausländer).

Wenn man heute vor „Überfremdung“ warnt, dann zeugt dies von Unkenntnis der europäischen und damit auch der deutschen Geschichte und Kultur.
Das Gebiet östlich der Elbe einschließlich der Halbinsel Wagrien (Ostholstein) war einst von Slawen bewohnt. Ortsnamen wie Hagenow, Wustrow, Güstrow, Lüchow sind slawischen Ursprungs. Im Schleswig-Holsteiner Oldenburg steht, ausgegraben und rekonstruiert, die slawische Wallanlage der Burg Starigard.

Deutschland ist seit dem späten Mittelalter stets Zu- und Einwanderungsland gewesen, ausgenommen die 12 Jahre Naziherrschaft. Schon die Römer, die große Teile Germaniens erobert, besetzt und kolonialisiert hatten, haben in Deutschland ihre Spuren hinterlassen. Manch deutscher Familienname deutet auf eine römische Herkunft. So könnte ein Vorfahre von Günter Ropenus, von Johann Wilhelm Buderus und von Dieter Delius ein römischer Soldat oder Beamter gewesen sein, in Deutschland sesshaft geworden. Nicht geringer sind die französischen Einflüsse auf unsere Kultur seit der Revolution und auf unser Militärwesen seit Napoleons Feldzügen quer durch Europa.

Schauen Sie sich einmal das Telefonbuch an! Da finden Sie, am meisten hier im Ruhrgebiet, Namen polnischer und tschechischer, nämlich slawischer Herkunft, eingedeutscht: Marschewski, Pietrowski, Rafalski, Jadanowski, Jankowiak, Prochazka, Frontzek, Pawlik usw. Sie stammen größtenteils von Einwanderern, die im 19. Jh. als Arbeiter in Zechen und Fabriken geholfen haben, die Industrialisierung Deutschlands voranzutreiben, unter frühkapitalistischen d. h. unmenschlichen Bedingungen. Viele ihrer Nachfahren sind heute Handwerksmeister, Kaufleute, Akademiker. Sie sind voll integriert.

Die neuen Zuwanderer stammen ebenfalls aus Osteuropa und aus Ländern, die von europäischen Kolonialherren ausgebeutet, ausgeplündert worden sind: Asien, Lateinamerika, Afrika. Sie wollen von dem Kuchen, den wir ihnen weggenommen oder schlecht bezahlt haben, etwas abhaben. Sie wollen am Reichtum, den wir ihnen verdanken, teilhaben. Ist das verwunderlich? Abgesehen von der materiellen Not, die z. B. Afrikaner auf Nuss-Schalen über das Mittelmeer und viele von ihnen in den nassen Tod treibt, sind es politische Gründe: Der Kolonialismus hat die Stammesstrukturen, die ein relativ friedliches Zusammenleben in Afrika ermöglicht hatten, weitgehend zerstört bzw. deformiert. Der Neokolonialismus ließ korrupte Warlords zur Herrschaft gelangen, Ausbeuter und Unterdrücker aus dem eigenen Land, viele von ihnen im Sold transnationaler Konzerne, die keine fairen Preise für afrikanische Naturgüter zahlen. Ein weiterer Grund für die Flucht nach Europa sind Hunger und Elend, verursacht durch eine Kette von Folgen: Abholzung von Urwäldern > Anlegen riesiger Obst- und Ölpalmen-Plantagen, großflächiger Anbau in Monokultur von Futtermitteln für die europäische Massentierhaltung (Getreide, Mais, Soja) > Bodenerosion und Austrocknung > Wassermangel > Ausbreitung von Wüsten.
Wir haben nicht allein in Afrika die Naturvölker ihrer Ressourcen und ihrer Würde beraubt und profitieren davon noch heute. Daran sollten wir denken, wenn wir auf unseren Straßen und Plätzen farbigen Menschen begegnen.

Straßenmusiker in Recklinghausen
Straßenmusiker in Recklinghausen

Straßenmusiker in Recklinghausen

Der weitaus größte Teil von Zuwanderern stammt aus den ärmsten Regionen der Türkei. Wir haben sie als „Gastarbeiter“ ins Land geholt, als wir Arbeitskräfte brauchten, um unsere Wirtschaft in ein „Wachstum“ zu bringen, das seine Grenzen inzwischen längst überschritten hat. Sie brachten ihre patriarchalische Kultur und einen anfangs toleranten Islam mit. Die nachfolgenden Generationen dieser Einwanderer haben sich in unsere Gesellschaft integriert; immer mehr Deutsche (!) türkischer Abstammung entwickeln sich trotz widriger Umstände weiter, lösen sich von den anachronistischen Traditionen ihrer (Groß-) Eltern, sind in allen Berufen präsent und zahlen brav ihre Steuern. Von einer „schleichenden Islamisierung Deutschlands“ zu reden und zu schreiben, ist maßlos übertrieben.

Die Ärztinnen und Ärzte, die mich vor zweieinhalb Wochen in einer deutschen Klinik operiert und behandelt haben, sind fast zur Hälfte Immigranten aus den verschiedensten Kontinenten, darunter ein indischer Mediziner, in Deutschland ausgebildet wie seine Kolleginnen und Kollegen. Auch die Krankenschwestern und Pfleger, die mich bestens versorgt haben, stammen zumeist aus dem Ausland. Ohne sie müssten viele Kliniken in Deutschland wegen Personalmangel schließen.
Kurzum, Deutsche wandern aus, Ausländer wandern ein, mal mehr, mal weniger. Wenn wir nicht zu einer Seniorenrepublik vergreisen wollen, müssen wir für Nachwuchs sorgen – nicht im Sinne der national“sozialistischen“ Rassentheorien. Sie handeln von der „Reinerhaltung des deutschen Blutes“.

Ihre Forderungen

„2. Verantwortung
Im Mittelpunkt der Politiker sollte der Deutsche stehen und nicht Kriegseinsätze, Finanzstandorte

3. Volk
Politik für Deutschland, nicht für das Ausland“

sind heute, im Zeitalter der Globalisierung, reaktionär; denn das Zeitalter der Nationalstaaten ist vorbei, wir alle — Menschen, Völker, Staaten, Nationen — sind voneinander abhängig und aufeinander angewiesen. Eine friedliche Welt erreichen wir nicht durch Abschottung, sondern durch Weltoffenheit, globale Gemeinsamkeiten und Kooperation. Der größte deutsche Dichter verstand sich bereits als Kosmopolit, als Weltbürger: Goethe.

S. auch Wikipedia, Stichwort „Überfremdung“ → http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfremdung

Von blog.de (14. 02. 2010) übernommen.

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