Religion und Politik. Weitere Beiträge zur Islam-Kontroverse

Vorangestellt sei ein Leserbrief, der am 20.07.07 unter dem Titel „Zitate willkürlich interpretiert“ in der Recklinghäuser Zeitung erschienen ist:

– Von: Dietrich Stahlbaum, Recklinghausen – Betr.: „Debatte hat erst begonnen“. Leserbrief von Georg Schliehe – RZ vom 13. Juli 2007

Georg Schliehes Islam-Kritik basiert u. a. auf einer umfangreichen Streitschrift anonymer Verfasser mit dem Titel „Das Islam-Prinzip“. Gemeint ist damit nicht etwa der islamistische Fundamentalismus, der seit einiger Zeit in der Türkei wieder Boden zu gewinnen und die Politik zu beherrschen versucht, sondern der Islam insgesamt, mithin auch der alevitische Islam und damit etwa ein Viertel der türkischen Bevölkerung. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich die Absurdität des „Islam-Prinzips“.

Die Methode, mit der der Islam inkriminiert werden soll, ist dieselbe, die islamistische Fundamentalisten anwenden: Es werden Koranstellen aus Text- und Sinnzusammenhängen herausgerissen, es werden Zitate willkürlich interpretiert; es wird weder die „blumige“, nämlich poetische Sprache, in der der Koran verfasst ist, berücksichtigt, noch werden die Zeitbedingtheit, Ungenauigkeit und Vieldeutigkeit arabischer Wörter und daher auch die unterschiedlichen Übersetzungen, die Mentalität arabischer Völker, ihre Fabulierfreude und -kunst u. v. a. m. beachtet.

Schliehe und die anonymen Verfasser der Streitschrift warnen vor einer „schleichenden Islamisierung Deutschlands und Europas“. Die in der Mehrzahl türkischen Einwanderer waren aber bereits Muslime, und ihre hier Nachgeborenen sind es zumeist geblieben. Von massenhaften Übertritten „alt“deutscher und anderer Europäer zum Islam ist nichts bekannt. Oder meinen Schliehe und die Verfasser des Islam-Prinzips etwa, es drohe ein islamischer Gottesstaat Deutschland bzw. Europa? Auf solche abstrusen Gedanken kommt nicht einmal der zurzeit amtierende Bundesinnenminister.

RZ 20.07.07

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Sogar Lenin, der in seiner Kirchen- und Religionskritik nicht gerade zimperlich war und die „völlige Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche“ verlangt hat, sowie „die uneingeschränkte und vorbehaltlose Erklärung der Religion zur Privatsache“, sagte am 19. November 1918 auf einem Arbeiterinnenkongress:
„Im Kampf gegen religiöse Vorurteile muß man außerordentlich vorsichtig vorgehen; großen Schaden richtet dabei an, wer in diesem Kampf das religiöse Gefühl verletzt. (…) Die tiefsten Quellen religiöser Vorurteile sind Armut und Unwissenheit; eben diese Übel müssen wir bekämpfen.“

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[Religiöse] Glaubensfragen sollten psychologisch verstanden und philosophisch diskutiert werden. Verhindert werden muss jeder Versuch, eine Religion zu politisieren. Selbstverständlich trifft dies auch auf den Islam zu. Nur wäre es falsch, hier nicht zu differenzieren, nicht zu unterscheiden zwischen willkürlicher Exegese (Auslegung) religiöser Texte durch einige Geistliche, um damit Machtmissbrauch und Unterwerfung zu ermöglichen und zu rechtfertigen und – auf der anderen Seite − friedlicher (pazifistischer), Menschenfreundlicher und Weltoffener Religiosität.

1. Der KORAN – Aufklärung statt Verbote

(Ein Brief aus 2004)

Lieber …,

um es vorweg zu sagen:
Von Verboten halte ich nichts, denn sie bedeuten eine Entmündigung und sind, wie die Erfahrung zeigt, leicht zu unterlaufen. Eine absolut sichere Kontrolle ist in unserem Zeitalter der elektronischen Kommunikation unmöglich, es sei denn in einem totalen Überwachungsstaat, der das, was ein Staat schützen soll, die Freiheitsrechte – mithin das Recht auf Glaubens- und Gedankenfreiheit, das Recht auf Meinungsäußerung und –bildung, das Recht auf Selbstentfaltung usf. – abgeschafft hat.

Geistige Autonomie und Immunität können nicht dadurch entstehen, dass man anfällige, nämlich leichtgläubige und autoritätshörige Menschen auf Quarantäne setzt und versucht, sie von allem, was sie infizieren könnte, fernzuhalten, sondern allein durch eine zwar mühsame, langwierige, aber nachhaltig wirkende geistige Auseinandersetzung mit allem, was wir Menschen hervorbringen, kurz: durch eine umfassende Bildung und Aufklärung in allen Schichten und auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Es hat lange Zeit gebraucht und viele Generationen haben sich schwer getan, bis der Humanismus, der Wert und Würde jedes einzelnen Menschen betont, das, was wir heute Menschenrechte nennen, in Westeuropa verbreitet war, im 14. und 15. Jh. Und es war nicht die Leitkultur des christlichen Abendlandes, an der sich der Humanismus orientiert hat, sondern die klassische Antike. Ebenso wie die Aufklärung des 17./18. Jh., deren Früchte viel Zeit zum Reifen gebraucht haben, bis am 26. August 1789 die Menschen- und Bürgerrechte in der französischen Nationalversammlung verkündet worden sind. Und auch heute sind diese Rechte im Bewusstsein der europäischen Völker noch nicht genügend verwurzelt und daher gefährdet.

Aufklärung ist keine einmalige Angelegenheit, die bestenfalls in der Schule stattfindet, sie ist ein permanenter Prozess, ein Lernprozess, der nie endet, denn stets von Neuem entsteht „Verdunkelungsgefahr“.

Mit den besten Grüßen aus dem Ruhrgebiet,
in dem es letztendlich immer wieder gelungen ist, EinwanderInnen trotz unterschiedlichster Ethnien und Kulturen in unsere Gesellschaft zu integrieren,
Dietrich Stahlbaum

2. Müssen wir anderen Völkern helfen,
sich aus der islamistischen Zwangsjacke zu befreien?

Das Völkerrecht verbietet, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Völker einzumischen. Menschenrechte verlangen dies, wenn sie missachtet werden. Die Frage ist, welche Art der Einmischung wäre gerechtfertigt? Das sollte von der Völkergemeinschaft, von den Vereinten Nationen (UN), geklärt und von Fall zu Fall entschieden werden.
Der Islamismus und der islamistisch begründete Terrorismus sind nicht zuletzt Folge einer Identitätskrise in den islamischen Ländern, hervorgerufen durch neokolonialistische Globalisierung und Korrumpierung arabischer Ölmagnaten durch westliche Staaten und Konzerne, in erster Linie US-amerikanischer und britischer. Viele Moslems sehen sich durch den Westen gedemütigt und von ihren eigenen Herrschern verraten. Sie sehen ihre Kultur durch unsere modernistische Zivilisation bedroht und geraten in den Bann fanatischer Mullahs, die ihnen das Paradies versprechen. Das macht sie gewaltbereit und gewalttätig bis zur Selbstaufopferung.

Was können wir dagegen tun? Da gibt es viele Möglichkeiten, auf politischer Ebene wie auf privater. Auf jeden Fall sollten wir uns mit allen Moslems und Moslimen, die sich von den alten patriarchalen, autoritären Strukturen des Islams befreit haben oder befreien wollen und Reformen anstreben, wie z. B. der marokkanische König und seine Frau, solidarisieren und sie, soweit möglich, unterstützen. Auch ist der Friedensnobelpreis 2003 an die iranische Bürgerrechtlerin Schirin Ebadi ein gutes Signal. Und wir müssen selber vorleben, was wir von anderen erwarten: demokratisches Verhalten, eine hoch entwickelte Kultur freier Diskussion und fairer Entscheidungen, gewaltfreien Umgang mit Konflikten und Toleranz.

3. Sind Religionen Brutstätten der Gewalt? Oder machen sie gegen Gewalt immun? Ethik und Gewalt, Spiritualität und Gewalt, Geist und Macht, besser gesagt: UNGEIST und Macht

…und andere Beiträge aus dem ZEITFRAGENFORUM (HP) zum Thema RELIGIONEN
http://www.mx-action.de/dietrich/Einleitung_und_Themen/Religionen/religionen.html

Externe Beiträge:

Der aufgeklärte Islam hat das Wort
http://www.arte.tv/de/geschichte-gesellschaft/Aufgeklaerter-Islam/TV-Programm/1626714.html

Heba Raouf Ezzat: „Leider stimmt es, dass der Islam missbraucht wird. Aber auch Liberale oder Sozialisten missbrauchen ihre Ideologien. In unserem globalen Zeitalter müssen wir uns über Ideologien, Religionen und Kulturen hinwegsetzen und uns gemeinsam vor Extremisten jeder Art schützen. Durch konstruktive Debatten könnten wir demokratische Erfahrungen sammeln, die Hegemonie und Arroganz in unserer Welt wegfegen würden und dem Islam erlaubte, seine Botschaft der Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und der wiederzuerlangen.“

Heba Raouf Ezzat ist Dozentin für Politologie und Wirtschaft an der Universität in Kairo, Ägypten. Sie ist in ihrem Heimatland bekannt als gemäßigte Islamistin, Publizistin und Frauenrechtsaktivistin. Sie arbeitet außerdem als Beraterin für den Internetdienst IslamOnline.net, in der englischsprachigen Abteilung. Sie berät in Fragen des zeitgenössischen Islam und der Politikwissenschaften. ber
[Frankfurter Rundschau 04.10.2004]

Anhang:

Aus Koran und Bibel

In der Koran-Ausgabe, die ich besitze [Übersetzung des anerkannten jüdischen Religionswissenschaftlers Lazarus Goldschmidt aus dem Jahre 1920, neu erschienen beim Komer Verlag, Frechen 2000], steht z. B. in der Sure 3,110: „Die an Gott glauben und an den Jüngsten Tag, Fug gebieten, Böses verhindern und im Guten eifrig sind. Diese sind die Rechtschaffenen.“

Gemeint sind die „Schriftleute“, die Schriftgelehrten oder Schriftkundigen! Vorher heißt es nämlich: „Unter ihnen gibt es Gläubige, aber die meisten ihrer sind Gottlose.“ [Sure 3/107]
„Sie sind aber nicht gleich. Und unter den Schriftleuten gibt es eine rechtschaffene Gemeinde (…)“ [Sure 3/109]

Dagegen heißt es im Neuen Testament, Lutherübersetzung): „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ [Matthäus 10,34-39]

Sure 4/34 in meiner Ausgabe:
„Wer dies in Frevelhaftigkeit und Ungerechtigkeit tut, den braten wir einst im Fegefeuer; und leicht ist dies für Gott.“

Gemeint ist hier der Umgang mit den „Weibern“ und mit dem ererbten Vermögen.

N. T. Paulusbrief an die Korinther:
„Der Mann aber soll [beim Beten] sein Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz. Denn Der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne. Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen. Darum soll die Frau eine Macht [Anmerkung: „bedeutet wohl: Schleier“] auf dem Haupte haben um der Engel (!) willen.“ [Kor. 11,7-10]
Im A. T. heißt es: „Die Frau sei dem Manne untertan.“ (Aus dem Gedächtnis)

Die (weltweite) Verbreitung des Christentums war, wie in Deschners Kriminalgeschichte nachzulesen ist, alles andere als eine friedliche und Menschenfreundliche. Die Verbreitung des Islams dagegen war es, wo es durch den Handel und Kulturaustausch geschah. Zum Beispiel in Spanien.

Ergänzungen:

Neue Studie widerlegt Schliehe, WIR & Co:

„Mehr Muslime, besser integriert“

Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge:

In Deutschland leben deutlich mehr Muslime als bisher geschätzt. Nach einer neuen Studie wohnen zwischen 3,8 Millionen und 4,3 Millionen in der Bundesrepublik, was einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von rund fünf Prozent entspricht. Dies ist eines der zentralen Ergebnisse der repräsentativen Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, die das Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz erstellt hat.

Bisher waren die Behörden von 3 bis 3,5 Millionen Menschen muslimischen Glaubens ausgegangen. Laut der Studie haben 45 Prozent der in der Bundesrepublik lebenden Muslime ausländischer Herkunft einen deutschen Pass.

Integration besser als angenommen…

Die Integration der Muslime in die Gesellschaft ist nach den Erkenntnissen der Studie besser als vielfach angenommen. So sind zum Beispiel mehr als die Hälfte der Muslime Mitglied in einem deutschen Verein. Die Untersuchung bestätigt aber auch Defizite bei der sprachlichen Integration.

Generell weisen Muslime niedrigere Integrationswerte auf als Angehörige anderer Religionen aus denselben Herkunftsländern. Die Autoren der Studie schlagen deshalb vor, vorschulische, schulische und außerschulische Förderung der muslimischen Migranten konsequent voranzutreiben.

… deutliche Defizite bei türkischen Migranten

Deutliche Integrationsdefizite gibt es auch bei der großen Gruppe der türkischen Migranten, die bei der Schulbildung schlecht abschneiden. Dies ist teilweise auf die extrem schlechten Werte der türkischen Frauen der ersten Zuwanderergeneration zurückzuführen. In Deutschland geborene Muslime (die sogenannte zweite Generation) sind insgesamt deutlich besser integriert als ihre Eltern, die häufig aus bildungsfernen Schichten stammen.

Viele Muslime sehen sich als gläubig

Die Mehrheit der Muslime bezeichnet sich selbst als gläubig. Ein gutes Drittel stuft sich als „stark gläubig“, die Hälfte als „eher gläubig“ ein. Knapp 14 Prozent gaben an, „eher nicht“ oder „gar nicht“ zu glauben. In religiösen Vereinigungen oder Gemeinden ist allerdings nur eine Minderheit aktiv.

Religiöse Veranstaltungen besucht nur ein gutes Drittel „häufig“, die Mehrheit „selten oder nie“, wobei Frauen häufiger als Männer fernbleiben. Der Wunsch nach einem islamischen Religionsunterricht ist indes stark. 76 Prozent sprechen sich dafür aus. Das in der Öffentlichkeit besonders umstrittene Kopftuch tragen 70 Prozent der muslimischen Frauen nie. Der Unterschied zwischen der ersten und zweiten Generation ist hier gering, wobei ein Viertel der zuerst zugewanderten Musliminnen immer ein Kopftuch umbindet.

Fast alle Muslime leben in den alten Ländern

Diese erste repräsentative Studie belegt in den Augen der Autoren die Vielfältigkeit des muslimischen Lebens in Deutschland. Es wurden 6004 Personen ab 16 Jahren aus 49 muslimisch geprägten Herkunftsländern zu Religion und Integration befragt. Mit den Angaben über Haushaltsmitglieder stützt sich die Auswertung auf fast 17.000 Personen. Fast alle Muslime (98 Prozent) leben in den alten Bundesländern einschließlich des Ostens Berlins.

[ARD-Tagesschau vom 23.06.2009 22:08 Uhr]

Ergänzend aus der Frankfurter Rundschau:

„Die gern mit Allgemeinvertretungsanspruch auftretenden muslimischen Dachverbände sprechen nur für knapp 25 Prozent der Muslime hierzulande.“ [FR vom 24.06.2009]

Volltext → http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1809326&

Von blog.de (21. 06. 2009) übernommen.

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