Stürme über dem Mittelmeer. Der „Badewanneneffekt“

Ich habe ihn zwei Mal erlebt: bei einer Schiffsfahrt von Algier
nach Port Said (Suezkanal) im März 1951. (Weiter ging`s nach Nordvietnam):

«Jetzt sitzen wir in langen Reihen auf unseren Seesäcken vor
dem Bauch eines dicken Schiffes, das in Algier an der Mole vor
Anker liegt, und frösteln. Es ist die Pasteur, 30450 BRT.

Unser verdünntes Blut soll uns die Anpassung an das Tropenklima
erleichtern. Hier aber weht eine kühle, steife Brise vom Meer
herüber. Salzige Brecher klatschen auf die Mole und hinterlassen
weiße Ränder an der Mauer und auf dem Pflaster.

Bei so vielen Menschen, ich schätze achthundert bis tausend,
die auf ihre Einschiffung warten, ist immer jemand dabei, der
Bescheid weiß; und so erfahren wir, daß ein schwerer
Wintersturm acht Tage lang das Mittelmeer aufgewühlt und sich
inzwischen gelegt hat. Was wir sehen, sei der „Badewanneneffekt“:
hohe, spitze Wellen noch viele Tage nach dem Sturm. Sie erzeugen
auch den Wind, der uns frösteln macht.

Es wird Abend. Das Schiff ist hell erleuchtet. Ich weiß nicht,
wie viele Kabinenfenster und Bullaugen es sind. Überall brennt
Licht, als seien die Fahrgäste, die an Bord erwartet werden,
verwöhnte Touristen, betuchte Weltenbummler mit zwanzig
Koffern und nicht frisch ausgebildete Legionäre und Soldaten
der Kolonialtruppe mit kleinem Sold, ihre Unteroffiziere und
Offiziere, diese allerdings mit großen Holzkisten, die eben an
Bord getragen werden. Der Mann neben mir, ein älterer
Legionär, der bereits drei Jahre lang in Indochina war, sagt mit
todernster Stimme: „Die haben ihre Särge immer dabei. Ich
habe einmal in Oran löschen geholfen und mich gewundert,
daß die Särge der Offiziere viel schwerer sind als die anderen.
Es waren ja alle Zinksärge, und die sahen alle gleich aus.“

Obwohl wir neugierig zuhören, bricht er das Gespräch ohne
weitere Erklärungen ab und unterhält sich mit einem Sergent.
Es kommt Bewegung in die auf ihren Seesäcken sitzenden
Soldaten. Kommandos. Unsere Einschiffung beginnt.
Es ist Nacht geworden. Die Pasteur soll in aller Frühe ablegen.
Im Unterdeck, in einem der großen Schlafsäle, wird uns ein
Platz für die nächsten einundzwanzig Nächte zugewiesen. Hier
unten ist es mollig warm. Die meisten von uns fallen erschöpft
auf die harten Pritschen. Schon hat uns der Schlaf übermannt.
In das leise Summen der Schiffsaggregate mischen sich
menschliche Geräusche: das Atmen, Schnarchen und Furzen
von Hunderten, die nun nach Ostasien transportiert werden, als
Kanonenfutter einer Kolonialmacht.

Aber solche Gedanken lagen uns damals noch fern. Miros, der
Philosophie studieren wollte, konnte, ebenso wie ich, nicht
erkennen, daß Philosophie etwas mit dem täglichen Leben zu
tun haben könnte und sollte und daß andererseits das tägliche
Leben, also auch unseres hier, etwas mit Philosophie zu tun
haben könnte und sollte. Für uns waren es zwei Welten, eine
konkrete und eine abstrakte, die Sinnen- und die Gedankenwelt.
Und zwischen diesen beiden Welten konnten wir hin- und
herpendeln, so daß wir uns entweder auf dem einen oder auf
dem anderen Ufer befanden.

Jetzt befanden wir uns an Bord eines großen Schiffes und
ahnten noch nicht, daß es ein sehr schwankender Boden sein
sollte.

Als ich aufwachte, zitterte das Schiff am ganzen Leibe.
Mahlende Geräusche, die Getriebe der Maschinen. Sie treiben
die beiden Schrauben an, die sich durch das Wasser winden und
das Schiff bewegen. Das Vibrieren des Schiffskörpers überträgt
sich auf unsere Körper. Wir sind zu einem Teil des Schiffes
geworden.

Wir legen ab, schieben uns seitwärts. Das Zittern hört auf, und
nun geht die Fahrt aus dem Hafenbecken heraus aufs offene
Meer. Ich bin an Deck gelaufen und stehe jetzt an der Reling.
Die Sonne steigt glühend rot aus dem Meer. Vom Minarett der
großen Moschee ruft der Muezzin zum Gebet. Es ist wie ein
Klagegesang. Wie ein Abschied und eine Begrüßung zugleich.
So empfinde ich es.

Die Wellen türmen sich hoch auf, überschlagen sich, vergischen,
und schon wächst aus dem Wellental die nächste Woge. Am Bug
wälzen sich Brecher über das Deck. Ein rotes Seil,
querüberdeckgezogen, soll uns daran hindern, daß wir nach
vorn unsere Neugier befriedigen gehen. Wir sollen nicht auf
diese Weise unser Leben riskieren.

„Ein über Bord gegangener Legionär ist auch für den
französischen Staat nichts wert“, meint einer, der mit bleichem
Gesicht neben mir steht, sich erbrechen will und nichts im
Magen hat.

Jetzt sehe ich, das Schiff schiebt sich nicht nur nach vorn,
sondern es neigt sich auch gemächlich zur Seite, erst zur einen,
dann zur anderen und wieder zurück. Ich spüre es nicht, aber
ich sehe es am Horizont, an der Linie, die, ebenso wie das
„Auftauchen“ der Sonne aus dem Meer, eine optische
Täuschung ist. Selbst der Augenschein trügt! Keiner stolpert
darüber, daß wir die Sonne vergolden, sie auf- und untergehen
lassen.

Geht nicht vielmehr die Erde auf und unter und nimmt uns
dabei mit? Und dieses Schiff? Ist nicht das einzige, was hier und
jetzt sichere Gewißheit ist, sein ruhiges und beständiges
Wanken? Das Schiff, das uns trägt, es wird selber getragen. Es
schiebt sich durch das bewegte Wasser, teilt es und verdrängt
gewaltige Mengen dieser flüssigen Masse; eine Wunde, die sich
hinter uns immer wieder schließt. Und auf der uns gegenüberliegenden
Seite der Erdkugel hängen die Menschen mit ihren Köpfen nach unten?
Sie bemerken es nicht.

Was ist oben und was ist unten? Du kannst dich allenfalls an
dieser Reling festhalten, an einem Stück Eisen, das immer
wieder von neuem mit Ölfarbe überstrichen worden ist, weil
immer wieder die Ölfarbe abblättert und uns daran erinnert,
aß nichts Bestand hat außer dieser Erkenntnis. Denn eines
Tages wird auch das Eisen, aus dem die Reling besteht,
verrostet und verschwunden sein, und dann hast du nichts
mehr, woran du dich festhalten kannst.

Zum Glück lenkt mich der Hunger von solchen abstrusen
Gedanken ab. Ich gehe in den Speisesaal und sehe, daß es nur
wenige sind, die ebenfalls Hunger haben. Jetzt kann ich mich
einmal sattessen! denke ich und will über einen der langen, für
etwa hundert Soldaten gedeckten Tischen herfallen, da legt sich
der Speisesaal auf die Seite, und alles, was auf den Tischen ist:
Teller, Tassen, Bestecke, Kaffeekannen, baguettes und
Marmeladengläser… rutscht mit großem Schwung zu Boden, aufs Parkett.
Es scheppert. Die Tische richten sich langsam wieder auf und
sind  – leer. Dennoch wird gefrühstückt, wenn auch ohne Kaffee. Es ist ja,
ausnahmsweise, mehr als genug da.

Im Schlafsaal finde ich Miros in einem erbärmlichen Zustand.
Er windet sich auf seiner Pritsche. Aber wie soll ich hier einer
Landratte helfen? In diesem Mief wird ja selbst einem Seemann
schlecht. Ich rede auf ihn ein: „Wenn du hier liegen bleibst,
wirst du ersticken. Komm mit hoch an die frische Luft! Die
wird dir helfen. Da verschwindet deine Übelkeit. Du warst ja
wohl noch nie auf See.“

Ich greife ihm wie einem Betrunkenen unter die Arme. Wir
gelangen an Deck, und ich veranlasse ihn, tief und kräftig aus
und die frische, salzige Luft einzuatmen. Wenn Leichenblässe
keine Farbe ist, dann hat sein Gesicht nun wieder Farbe
bekommen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir in Port Said vor Anker
lagen. Es waren einige Stunden, denn hier am Eingang des
Suezkanals stauten sich die Schiffe. Die 16o km lange
Wasserstraße darf mit höchstens 14 km/h befahren werden.

Das sind etwa zwölf Stunden von einem Ende bis zum anderen.
Ich weiß auch nicht mehr, wie viele Tage die Pasteur von Algier
bis Port Said gebraucht hat.

Die schwere See war hinter uns, der Appetit kam wieder, und
die Köche hatten voll zu tun. Der Speiseplan war auf leichte
Kost umgestellt worden. Es wurden kleinere Mengen serviert
und dementsprechend kleinere Mengen an die Fische verfüttert.
Selbst die leichte Kost war vielen zu viel.»

[Aus: Dietrich Stahlbaum: Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht Ein Roman, Aachen 2000 S. 24 ff. Printausgabe vergriffen, jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_ebook-dietrich-stahlbaum-der-ritt-auf-dem-ochsen-oder-auch-moskitos-toeten-wir-nicht/ ]

Und auf der Rückfahrt März/April 1954 auf einem Liberty Ship:
Und auf der Rückfahrt März/April 1954 auf einem Liberty Ship:

http://de.wikipedia.org/wiki/Liberty_Ship .

Einem Vetter von mir, ehemals Kapitän zur See der Reichsmarine, ist nach dem 2. Weltkrieg das Kommando über solch eine Nussschale angeboten worden. Er hat abgelehnt. Er hatte erfahren, dass nicht nur 196 Liberty-Schiffe im Verlauf des Krieges durch Feindeinwirkung verloren gegangen waren, sondern dass etliche bei der Überfahrt von Amerika zur Normandie (Invasion) einfach auseinander gebrochen waren. Er hat mir davon erzählt –1957!

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