Benedikt XVI., der Islam und der Logos

Teil I

Benedikt XVI. Diesem Papst unterstelle ich keine bösen Absichten, nicht einmal einen Machtanspruch, denn ich sehe, dass er sich und wie er sich um eine friedliche Koexistenz * der (abrahamitischen) Religionen bemüht. (* Leitbegriff sozialdemokratischer Politik während des Ost-West-Konflikts bis zum Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme; er scheint mir hier sehr angebracht, weil es sich heute ebenfalls um einen Ost-West-Konflikt handelt.)

Joseph Alois Ratzinger oblag es 24 Jahre lang, über die Reinerhaltung und Beachtung der Glaubenslehre zu wachen. So ist ihm nicht entgangen, dass bei uns im europäischen Westen die Glaubwürdigkeit der alten Kirchendogmen durch die Aufklärung nachhaltig erschüttert worden ist und dass die Institution «Kirche» fast nur noch als Dienstleistungsbetrieb wahrgenommen wird. Darüber können auch die päpstlichen Massenevents nicht hinwegtäuschen.

Auf der anderen Seite – im Osten – wendet sich eine Art Gegenreform gegen die Kultur des Westens. Diese wird im Orient als reale Bedrohung empfunden. Und nun verwirft und bekämpft ein islamistischer Fundamentalismus nahezu alles, was bei uns infolge und dank der Aufklärung zustande gebracht worden ist, – ausgenommen Naturwissenschaft, Technik und Technologien.

Während im Westen die beiden großen Kirchen an Auszehrung leiden und schrumpfen (Gläubigen-, Mitgliederschwund, Auflösung und Zusammenlegung von Gemeinden, leer stehende Kirchen, Priestermangel etc. pp.), sieht der Vatikan seine Bastionen im Osten vom Islamismus belagert. Die Welt der Christen wird aufklärerisch-ideologisch und von einem ständig wachsenden anti-aufklärerischen Gewaltpotential massiv bedroht.

In dieser Situation versucht sich Benedikt, der Papst, als Friedensstifter und zerteppert dabei das Geschirr, das Ost und West an einem gemeinsamen Tisch hätten benutzen können. Die Bestürzung über die unfreundlichen Reaktionen auf muslimischer Seite – sie haben den Vatikan völlig überrascht – zeigt, wie sehr der Papst samt Klerus in seiner Glaubenswelt eingeschlossen, gefangen ist. Die Islamisten sind es auf ihre Weise.
So hat er die gesamte islamische Welt brüskiert, weil er nicht bedacht hat, dass ihr die Kategorien und Fragestellungen der christlichen Theologie völlig fremd sind, dass dort, wie in Europa zu Zeiten der unheiligen Inquisition, Glaubenskritik tabu ist und dass man jedes Wort, das im Westen über den Islam gesagt, geschrieben, gedruckt und ins Internet gesetzt wird, im Osten sehr genau registriert und missverstehen kann. In der gegenwärtigen Situation kann jedes falsch gedeutete Wort zu einer gefährlichen Waffe werden.
Differenziertes und metaphorisches Denken ist ja auch bei uns nicht jedermanns Sache. Auch bei uns nehmen Gläubige Bibeltexte trotz der Entmythologisierung durch Rudolf K. Bultmann (1884-1976) wörtlich. Und in den USA macht sich ein christlicher Fundamentalismus breit, verketzert Darwin und seine Evolutionstheorie und erhebt die biblische Schöpfungsgeschichte zur Naturwissenschaft (Kreationismus, „Intelligent Design“, Designergott:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20597/1.html )

Eine Glaubensbewegung Evangelikaler. Die Vorläufer dieser Absurdität sind bereits in Europa angekommen. Dagegen ist die katholische Theologie geradezu fortschrittlich.
Jetzt baut Benedikt „Brücken der Freundschaft“ zwischen Christen und Muslimen.

Teil II befasst sich mit inhaltlichen Fragen der Regensburger Vorlesung. (Logos, Glaube – Vernunft) dst.

Volltext der Regensburger Vorlesung → http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg_ge.html

Teil II

Die entschiedene Absage des Papstes an religiös motivierte Gewalt ist zu begrüßen. Ich will nicht näher darauf eingehen. Aber ich will hier ein paar erkenntnistheoretische Fragezeichen anbringen.

Wer Benedikts Rede aufmerksam gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass darin vom Kinderglauben an einen persönlichen Gott, den jeder Dorfpfarrer verkündet, keine Rede ist. Und der Schöpfergott wird nur einmal indirekt angesprochen: „der kirchliche Glaube (hat) immer daran festgehalten, daß es zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie gibt.“
Benedikt hat sich auch nicht an das „gemeine Kirchenvolk“ gewendet, sondern an „Eminenzen, Magnifizenzen, Exzellenzen“, sowie an „verehrte Damen und Herren“: an eine „Elite“ von Gelehrten und künftigen Theologen. Da redet man anders als in der Kirche.
Zuhörer waren demnach Intellektuelle, an denen Aufklärung und moderne Naturwissenschaft nicht spurlos vorübergegangen sind. In diesen Kreisen fragt man sich, ob und wie christlicher Glaube ins 21. Jahrhundert hinübergerettet werden kann. Denn auch beim „gemeinen Kirchenvolk“ sind Zweifel aufgekommen. Kirchenaustritte und Abwesenheit beim „Gottesdienst“ deuten darauf hin. Da nützt kein päpstliches Schimpfen über „Materialismus und Relativismus“. Da bedarf es einer anderen Sprache, einer neuen Glaubensinterpretation und zwar einer, die jeder Mensch versteht. Denn was Intellektuelle denken, ist so, wie sie es denken, kaum vermittelbar.

Der Papst beruft sich auf das vierte, auf das Johannes-Evangelium, nicht auf die volkstümlichen drei älteren Synoptischen Evangelien:
„Johannes hat uns damit das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt, in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden. Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist.“

Der Begriff «Logos» hat eine vielfache Bedeutung (Wort, Wort Gottes, Rede, Vernunft, göttliche Vernunft, Berechnung) und stammt aus der griechischen Philosophie.

Das vierte Evangelium weicht von den Synoptischen Evangelien ab. Nebenbei: Es ist anti-jüdisch! Entstanden erst etwa zwischen 130-150 n. u. Zr. – unter dem Einfluss griechischer Philosophie, unter dem auch Paulus gestanden hat. Eine Schrift für Intellektuelle, für die „gebildeten Schichten“ des griechischen Bürgertums.

Auch Benedikt XVI. bedient sich der Philosophie, vornehmlich der kritischen Schriften I. Kants: Kritik der reinen Vernunft (1781) und Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1787). Darin räumt Kant unter anderem mit den religiösen Vorstellungen seiner Zeit auf, unterzieht sie einer kritischen Analyse, widerlegt vermeintliche Gottesbeweise und kommt zu dem Ergebnis, dass „Gott“, da unbeweisbar, nur in den Köpfen von Menschen existiert, eine Hypothese, keine übernatürliche Autorität, die (moralische) Gesetze erlässt, sondern wir haben einen „Begriff vom göttlichen Wesen, den wir jetzt für den richtigen halten, nicht weil uns spekulative Vernunft von dessen Richtigkeit überzeugt, sondern weil er mit den moralischen Vernunftprinzipien vollkommen zusammenstimmt.“ [Kritik der reinen Vernunft, Hamburg, 1956, S.738]
Benedikt XVI.: „… es (gibt) zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie ( ).“
Das steht so im Raum, ohne wenigstens ansatzweise bewiesen zu werden. Kant hat mehrmals betont, dass, um vernunftgemäß moralisch zu handeln, der Gottesglaube nicht zwingend notwendig ist. Das Zitat (s. o.) impliziert es.
Eine «Analogie»! Das Gleiche versucht der Papst, indem er religiösen Glauben als kompatibel mit den modernen Wissenschaften darstellt. Er beweist nichts, er behauptet.
Zuerst vermerkt er ganz richtig, nämlich folgerichtig:
„Nur die im Zusammenspiel von Mathematik und Empirie sich ergebende Form von Gewißheit gestattet es, von Wissenschaftlichkeit zu sprechen. Was Wissenschaft sein will, muß sich diesem Maßstab stellen. So versuchten dann auch die auf die menschlichen Dinge bezogenen Wissenschaften wie Geschichte, Psychologie, Soziologie, Philosophie, sich diesem Kanon von Wissenschaftlichkeit anzunähern. Wichtig für unsere Überlegungen ist aber noch, daß die Methode als solche die Gottesfrage ausschließt und sie als unwissenschaftliche oder vorwissenschaftliche Frage erscheinen läßt.“
Und behauptet nun:
„Damit aber stehen wir vor einer Verkürzung des Radius von Wissenschaft und Vernunft, die in Frage gestellt werden muß. (…)

Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen. Dabei trägt, wie ich zu zeigen versuchte, die moderne naturwissenschaftliche Vernunft mit dem ihr innewohnenden platonischen Element eine Frage in sich, die über sie und ihre methodischen Möglichkeiten hinausweist. Sie selber muß die rationale Struktur der Materie wie die Korrespondenz zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen ganz einfach als Gegebenheit annehmen, auf der ihr methodischer Weg beruht. (…)“

Ein dialektischer Schachtzug? Ist damit gemeint, dass ohne Religion, ohne Gottesglauben nichts geht? A-Theisten und Agnostiker hätten da stichhaltige Argumente gegen eine solche Ansicht.

Übrigens, Das Göttliche ist der Titel eines Goethe-Gedichts. Es beginnt mit dem Vers:

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Ist es das, was der Papst meint? Der Pantheist Goethe war nun wirklich kein großer Kirchenfreund und lehnte alles Übernatürliche ab.

(Meine) Schlussfolgerung: Benedikt redet in einer Megasprache. Er bedient sich leerer Begriffe, die man beliebig mit Inhalten füllen kann. Sie sind zur Klärung der Gewaltfrage und für einen Dialog der Kulturen durchaus entbehrlich. Aber wir können wenigstens davon ausgehen, dass der Papst nach seinem metaphysischen Flug punktgenau auf dem Petersplatz wieder gelandet ist. dst.

Von blog.de (25. 09. 2006) übernommen.

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