Wissenschaft, Ganzheitlichkeit, Mystik

„Wir müssen lernen, neu zu denken“ fordern Wissenschaftler und Philosophen in ihrem «Potsdamer Manifest» [→  http://www.vdw-ev.de/index.php/de-DE/projekte-der-vereinigung-deutscher-wissenschaftler-vdw-ev/potsdamer-manifest1 ] , mit dem sie im Einstein-Jahr 2005 an die Öffentlichkeit getreten sind. Diese Schrift hat den Untertitel «Das materialistische Weltbild der klassischen Physik trägt nicht mehr», und das hat Konsequenzen für uns alle, denn die neue, von Einstein begründete Physik impliziert ein neues Weltbild.

Mein Kommentar zu diesem Thema:

Wissenschaft, Ganzheitlichkeit, Mystik

Im 20. Jahrhundert haben völlig neuartige Erkenntnisse unsere Welt tiefgreifend verändert. Erkenntnisse, die die Grenzen unserer Erfahrung und des sinnlich Wahrnehmbaren überschreiten, sie transzendieren. Erst auf Grund dieser Erkenntnisse konnten viele der neuen Technologien entwickelt und Techniken erfunden werden, derer wir uns heute bedienen: Computer, Handys, Transistoren, Photozellen, Laser, Funk-, Quarzuhren, Videokameras, digitales und Satelliten-TV, die gesamte Elektronik; – zu verdanken der Neuen Physik, ihren Begründern Einstein, Planck, Bohr, Heisenberg und andere.

Es sind Dinge, mit denen wir täglich umgehen, während wir hier in den westlichen Kulturen zumeist immer noch in den Kategorien der alten Physik, der klassischen, und ihrem materialistischen und mechanistischen Weltbild denken. Das betrifft die Naturwissenschaften ebenso wie die Geisteswissenschaften. [Selbst die klassische Psychoanalyse bedient sich mechanistischer, linearer, monokausaler Denkmuster, ganz im Sinne Freuds, der die PsA „wie eine Naturwissenschaft betreiben“ wollte. Z. B. sprach Freud von einem «Abwehrmechanismus» und nicht von «Abwehrreaktionen», womit das Prozesshafte zum Ausdruck käme.]

Wir sind der alten Vorstellungswelt, damit dem Materialismus und der Mechanik zu sehr verhaftet, um das aus der Neuen Physik weiter entwickelte Weltbild zu akzeptieren und unser Denken darauf einzustellen. Typisch dafür sind die Abwehrreaktionen von Wissenschaftlern, die auf das Repertoire des kartesianisch-newtonschen* Welttheaters zurückgreifen und alles, was sie nicht verstehen können, als unwissenschaftlich, esoterisch und mystizistisch abqualifizieren.

Die ersten Atomphysiker waren, je weiter sie in die Materie eindrangen und über das Wesen der Materie nachdachten, auf Phänomene gestoßen, die in die herkömmlichen Denkkategorien nicht eingeordnet werden konnten: Sie waren logisch nicht zu erfassen, also a-logisch, paradox. Zum Beispiel die Doppelnatur des Lichts: Welle und Teilchen zugleich, je nach Anordnung der Versuche sowohl elektromagnetische Strahlung als auch Partikel, Materie, zu Energiepaketen gebündelt; Einstein nannte sie «Quanten», später «Photonen». Daraus wurde die Quantentheorie entwickelt, die Grundlage der elektronischen Technologien und ihrer Technik.

Bald musste die gesamte Physik neu definiert werden. Die Begriffe «Raum» und «Zeit» bekamen eine andere Bedeutung, und über die Grenzen der klassischen Physik hinaus entstand ein neues Weltbild, ein ganzheitliches, ein ökologisches.
Die ersten Atomphysiker waren eben keine „Fachidioten“ und erkannten, wie alle großen Naturwissenschaftler, auch die philosophischen Implikationen ihrer Entdeckungen:

Albert Einstein:
Ein menschliches Wesen ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Es erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle als etwas von allem anderen Getrenntes – eine Art optischer Täuschung seines Bewusstseins. Diese Täuschung ist für uns eine Art Gefängnis, das uns auf unser persönliches Verlangen und unsere Zuneigung für einige wenige und nahe stehende Personen beschränkt. Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien.

Julius Robert Oppenheimer:
Die allgemeinen Vorstellungen über die menschliche Erkenntnis (…), wie sie durch die Entdeckungen der Atomphysik anschaulich werden, sind nicht ganz fremd oder unerhört. Sogar in unserer eigenen Kultur haben sie ihre Geschichte, und im buddhistischen oder hinduistischen Denken nehmen sie einen noch bedeutenderen Platz ein. Sie setzen Beispiele für, bestätigen und verfeinern die alte Weisheit.
[In: «Science and the Common Understanding» (Oxford University Press, London 1954), S.8-9]

Niels Bohr:
Um zur Lehre der Atomtheorie eine Parallele zu finden… müssen wir uns den erkenntnistheoretischen Problemen zuwenden, mit denen sich bereits Denker wie Buddha und Lao-tzu auseinandersetzten, wenn wir einen Ausgleich schaffen wollen zwischen unserer Position als Zuschauer und Akteure im großen Drama des Daseins.
[In: «Atomic Physics and Human Knowledge» (John Wiley & Sons, New York 1957), S. 20]

Werner Heisenberg:
Z. B. könnte der große wissenschaftliche Beitrag in der theoretischen Physik, der seit dem letzten Krieg von Japan geleistet worden ist, als Anzeichen für gewisse Beziehungen zwischen den überlieferten Ideen des Fernen Ostens und der philosophischen Substanz der Quantentheorie angesehen werden.
[In «Physik und Philosophie» (Ullstein, Berlin 1973), S. 170]

Dies hat mit christlicher Mystik, mit Okkultismus, mit animistischen Naturreligionen und dergleichen nichts zu tun. Hier hat die Aufklärung von Pierre Bayle (1647-1706), Voltaire (1694-1778), Denis Diderot (1713-1784) bis Ludwig Feuerbach (1804-1872) und Rudolf Karl Bultmann (1884-1976) ganze Arbeit getan. Immanuel Kant (1724-1804) hat zwar auch zur Entzauberung der Glaubenswelt beigetragen, indem er die Gottesbeweise widerlegte, aber er hat dann den lieben Gott durch eine Hintertür wieder hereingelassen.

Die philosophischen Implikationen der neuen Physik sind in erkenntnistheoretischer Hinsicht viel radikaler als Kants Kritiken:

Danach ist alle Erkenntnis relativ, nämlich abhängig von Denk- und Erkenntnismodellen und -methoden, von Apparaturen, vom „Auge des Wissenschaftlers“, von seinen Interessen und Zielen. Es gibt also keine absolut gesicherten Erkenntnisse, sondern allein Erkenntnisse von mehr oder minder hoher Wahrscheinlichkeit.

Wissenschaftliche Objektivität ist Illusion. Selbst das „Objektiv“ eines vollautomatischen Fotoapparates reproduziert kein objektives Bild, sondern eins aus dem subjektiven Blickwinkel des Fotografen, aufgenommen in einem vom Fotografen bestimmten Moment, mit einer von ihm ausgewählten Brennweite und einer von ihm bestimmten Belichtungszeit oder Blendenöffnung. Außerdem bestimmen Art und Weise der Entwicklung und das Fotomaterial das Endergebnis, das Bild. Wenn es eine objektive Welt gäbe, dann können wir sie nie anders als subjektiv wahrnehmen.

Dies alles weckt Skepsis auch bei mir:

1. Auf unsere Urteilsfähigkeit ist kein Verlass.
2. bin ich nicht davon überzeugt, dass wir allein mit dem Kopf, mit dem Intellekt, allein aus Vernunftgründen fähig sind, nach Kants «Kategorischem Imperativ» zu handeln. Dazu bedarf es mehr als Logik und Vernunft, nämlich Mitempfinden, Mitgefühl, «emotionale Intelligenz» (Goleman).

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* kartesianisch-newtonsches Welttheater, nach Descartes und Newton, dessen mathematischen Reduktionismus schon Goethe abgelehnt hat. Goethe war ein ganzheitlich denkender Mensch, Pantheist und „decidierter Nichtchrist“ [in einem Brief an Lavater, 29.7.1782].

Weitere Beiträge, u. a. ein paar Sätze zur Frage «Was ist Materie?», auch auf der Seite «Philosophie» im ZEITFRAGENFORUM: http://www.dietrichstahlbaum.de
S. a. meinen Essay «Aspekte einer ökologischen Politik» [darin altes und neues Weltbild] unter
https://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/2015/08/09/aspekte-einer-oekologischen-politik-essay-1988/

Von blog.de (29. 11. 2005) übernommen.

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