Der Buddha in den USA

So habe ich es gehört:

Zu einer Zeit weilte der Buddha in den USA, und da sich dies schnell
herumgesprochen hatte, erfuhr es auch der Präsident. *  Sein Land war
wieder von Terroranschlägen erschüttert worden, und es waren viele
Opfer zu beklagen. Allein bei Las Vegas hatte es über 1.100 Tote gegeben,
als ein Supermarkt in die Luft flog. Das war bereits der sechste
große Anschlag in diesem Jahr.
Obwohl die Regierung schärfste Sicherheitsmaßnahmen ergriffen hatte
– der Überwachungsstaat schien nahezu perfekt und alle Freiheitsrechte
waren außer Kraft gesetzt -, holte sich der Terrorismus Jahr für Jahr
seine unschuldigen Opfer. Der Präsident und seine Berater waren ratlos,
und es gelang ihnen immer weniger, dies zu verbergen. Die Stirnfalten
des Präsidenten ließen sich nicht mehr straffen. Unter seiner Schädeldecke
befanden sich keine klaren Gedanken mehr.
In diesem erbärmlichen Zustand ließ sich der Präsident, von seiner
Sicherheitsberaterin und sechs Bodyguards begleitet, im Helikopter
ans Ufer des Potomac-River fliegen, wo der Buddha unter einem
Baumdach saß – völlig allein. Man hatte ihm diesen Besuch angekündigt.
Der Hubschrauber landete etwa 200 Meter entfernt auf einer Wiese.
Der Präsident ging ohne Begleitung zum Erhabenen, legte seine Hände
zum Gruß zusammen, verbeugte sich und setzte sich neben den weisen
Mann.
So saßen sie ein paar Minuten beieinander – schweigend, denn der
Eine wollte das erste Wort nicht ergreifen und der Andere konnte es
nicht. Dann jedoch, als ihm nämlich auffiel, dass die Stirnfalten des
Anderen nicht verschwanden, sagte der Buddha: „Mr. President,
erwarten Sie von mir keine Wunder! Ich zeige Ihnen nur den Weg.
Gehen müssen Sie ihn selber.“
Und, den verzweifelten Blick bemerkend: „Mr. Präsident, Sie sitzen
hier ja total verkrampft! Zu allererst brauchen Sie Ruhe, verstehen Sie,
was ich meine? Gut. Diese können Sie finden, wenn Sie meinen Rat
befolgen. Lassen Sie, falls sie noch welche haben, alle Gedanken fahren!
Konzentrieren Sie sich auf nichts Anderes als auf Ihren Atem! Verharren
Sie so lange in diesem Zustand, bis ich erkennen kann, dass Sie
zur Ruhe gekommen sind. Aber schlafen Sie dabei nicht ein! Sie sollten
hellwach bleiben. Zählen Sie Ihre Atemzüge still vor sich her. Werden
Sie mit Ihrem Atem eins.“
Der Präsident, zuerst verwundert, dann von der Wirkung angenehm
überrascht, tat, wie ihm gesagt. Nach einer Weile klatschte der Buddha
in die Hände und begann zu reden: „Mr. President, Sie sind der
mächtigste Mann der Welt. Sie haben die oberste Befehlsgewalt über
den größten Militärapparat, den es gibt, über alle Soldaten der Vereinigten
Staaten, über das gefährlichste Waffenarsenal, über Flugzeuge
und Raketen, Panzer und Schiffe. Und Sie haben Ihre Geheimdienste
mit Vollmachten ausgestattet, die diese nicht einmal während des Kalten
Krieges hatten. Dennoch gelingt es Ihnen selbst im eigenen Lande
nicht, Terroristen davon abzuhalten, zu töten und zu zerstören, wo
immer sie wollen. Woran liegt das wohl? Was meinen Sie, Mr. President?“
Der Präsident wusste keine Antwort.
„Ist es nicht so, dass hier in Ihrem Land Wald- und Steppenbrände
manchmal mit gezielter, kontrollierter Brandlegung bekämpft werden,
vorbeugend oder wenn Brände bereits ausgebrochen sind?“
„Das ist übliche Praxis bei uns. Das hat Tradition.“
„Und Sie glauben, Mr. President, auf diese Weise auch die terroristische
Gewalt, die überall in der Welt zuschlägt, bekämpfen und eindämmen
zu können?“
„Ja. Wir werden unsere Anstrengungen verstärken, Herr Gotama.
Dann wird das eines Tages gelingen.“
„Haben Sie, Mr. President, schon darüber nachgedacht, warum es
diesen Terrorismus gibt, wodurch er entstanden ist?“
„Religiöser Fanatismus, Hass auf unsere Zivilisation.“
„… und ob die Maßnahmen, die Sie ergreifen, nicht ebenfalls Terror
zur Folge haben, Angst und Schrecken selbst bei Menschen, die den
Terrorismus ablehnen?“
„Kollateralschäden werden sich nicht immer vermeiden lassen.
Nennen Sie es nicht Terror, Herr Gotama.“
„Was empfinden Sie, Mr. President, wenn Ihnen von neuen Attentaten
berichtet wird?“
„Trauer und Wut.“
„Und?“
„Warum fragen Sie, Herr Gotama? Es versteht sich doch von selbst:
Hass. Hass natürlich auch.“
„Sehen Sie, Mr. President: Hass! Wie und wodurch entsteht Hass?
Haben Sie darüber nachgedacht?“
„Ja, durch solche Terrorakte beispielsweise.“
„Durch welche, durch wessen?“
„Ich verstehe nicht, wie Sie das meinem, Herr Gotama.“
„Mr. President, eben haben Sie gesagt, auch Sie empfänden Hass.
Also gibt es Hass auf beiden Seiten. Betrachten Sie nun diesen Hass,
unabhängig davon, auf welcher Seite er auftritt! Was ist Hass, tödlicher
Hass?“
„Es ist Sache der Philosophen, darüber nachzudenken, nicht die des
Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Der hat dazu gar
keine Zeit.“
„…sich über seine Gefühle im Klaren zu sein, Mr. President?“
„Ich kann nicht ständig eine Nabelschau veranstalten, Herr Gotama!“
„Das wird auch niemand von Ihnen erwarten. Aber wenn solch ein
Gefühl wie der Hass alles Denken und Handeln bestimmt, Tod und
Trauer verursacht, Zerstörung, Elend, unsägliches Leid, sollten wir dann
nicht endlich anfangen, danach zu fragen, wo dieser Hass, wo dieses
Gefühl der Abneigung, der Feindschaft, der Rachsucht herkommt,
welche tiefen Narben da aufgebrochen sind und ob Hass, ein Zustand,
in dem man ´außer sich` ist, nicht eine unheilvolle Krankheit des Geistes
ist?“
„ ? “
„Und wenn wir erkannt haben, dass Hass zwar eine unheilvolle, jedoch
nicht unheilbare Krankheit des Geistes ist, gibt es dann nicht auch
Mittel und Wege, diesen kranken Geist, diesen tödlichen Ungeist, zu
heilen?“
„Wie denn?“
„Versetzen Sie sich in diese Menschen, die von Ihnen gehasst werden
und die Sie hassen. Ist es nicht dasselbe Gefühl?“
„Es ist dasselbe Gefühl!“
„Ihnen gemeinsam ist der Hass. Und weil Sie dieses Gefühl gemeinsam
haben, kämpfen Sie gegeneinander. Ist das nicht absurd?“
„Sie sagen es, Herr Gotama.“
„Es sind Menschen, wie Sie einer sind, so gut und so böse wie Sie
selber. Warum lassen Sie „gut“ und „böse“ nicht fahren und gehen
aufeinander zu? Was hindert Sie daran?“
„Ich weiß es nicht, Herr Gotama.“
„Es sind die konkreten, die realen Ursachen dieses Gefühls, Ihre
Interessen und die Interessen derer, die Sie sich gegenüber stehen sehen,
Mr. President.“
„Ja, das ist es eben, was uns trennt.“
„Muss es das? Sie haben dasselbe Gefühl, den Hass, die Feindschaft,
die Rache, die Vergeltungssucht. Aber haben Sie nicht auch gemeinsame
Interessen…“
„Ich weiß es nicht, Herr Gotama.“
„..abgesehen davon, dass Sie einander vernichten wollen? Ist das nicht
verrückt, Mr. President?“
„Sie sagen es, Herr Gotama.“
„Nun, das scheinen Sie verstanden zu haben, Mr. President. Jetzt
erhebt sich die Frage, ob, wenn es gemeinsame Interessen gibt, es
möglich ist, sich über die Interessen, die Sie nicht gemeinsam haben,
zu verständigen und sich einig zu werden. Oder sagen wir es mit Ihren
Worten: Das, was Sie voneinander trennt, aus dem Weg zu räumen.“
„Das wird schwierig sein.“
„Warum meinen Sie, es sei schwierig, etwas aus dem Weg zu räumen,
das eine ständige Gefahr ist, weil es den Frieden behindert? Man hat
mir gesagt, das Öl habe für Sie eine sehr große Bedeutung, Mr. President,
denn die vielen Kriegsschiffe, die vielen Kampfflugzeuge, die vielen
Panzer, die vielen Lastwagen, die vielen Jeeps und die vielen Militäranlagen,
die Sie überall in der Welt unterhalten, verbrauchen viel Öl.
Wenn Sie dies alles abschaffen, wird sehr viel Öl eingespart und die116
Welt fühlt sich von Ihnen viel weniger bedroht! Wäre das nicht
wunderbar, Mr. President?“
„Das ist für mich eine völlig neue Sichtweise, Herr Gotama.“
„’Stehende Heere bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg
durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu sein…’ Wissen Sie, wer
dies geschrieben hat, Mr. President – vor 207 Jahren?“
„Sie wissen es, Herr Gotama.“
„Der weise Deutsche, der aus Königsberg. Kennen Sie seine Schrift
‘Zum ewigen Frieden’?“
„Lassen Sie mir Zeit, Herr Gotama!“
„Ich kann Ihnen diese Zeit nicht geben, Mr. President. Die müssen
Sie sich selber nehmen. Dann werden Sie den Terror sehr schnell
beendet haben.“
Der Buddha erhob sich, legte die Hände zusammen, verbeugte sich
vor dem Präsidenten, ging zum Fluss, entkleidete sich, bündelte sein
Gewand und schwamm ans andere Ufer. Der Präsident indes runzelte
schon wieder die Stirn. Noch lange saß er auf seinem Platz

———

* G. W. Bush

[Aus: Der kleine Mann. Geschichten, Satiren, Reportagen aus sechs Jahrzehnten von Dietrich Stahlbaum, Recklinghausen 2005, S. 112 ff., Die Printausgabe ist vergriffen. Jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_title-de-dietrich-stahlbaum-der-kleine-mann ]
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