Menschenrechte, Völkerrecht – universal?

Zum Konflikt zwischen Okzident und Orient

– „Haben die Menschenrechte universellen Charakter, sollten sie also überall gelten? Oder handelt es sich bei den Menschenrechten um ein europäisch-(nord)amerikanisches Menschen- und Weltbild, das in Konkurrenz steht zu anderen, vielleicht asiatischen, afrikanischen oder anderen Menschen- und Weltbildern, die das gleiche Geltungsrecht für sich in Anspruch nehmen können?“

– „Dürfen wir Menschenrechte verletzen, um Menschenrechte durchzusetzen?“
– „Hätten der Zweite Weltkrieg und vielleicht noch viel mehr Elend verhindert werden können, wenn unsere europäischen Nachbarn gegen die ersten deutschen Eroberungen eingeschritten wären? Wie hätten sie dagegen einschreiten können?“
Fragen eines Mitdiskutanten. Ich habe darauf geantwortet:

Es ist wichtig, quer zu fragen, denn wir haben hier tatsächlich Zustände und Geschehnisse, zu denen es einfache Fragen, aber keine einfachen Antworten gibt, weil “alles etwas komplizierter“ ist, als ich es in einem kurzen Post darstellen kann. So impliziert jede Frage eine weitere und Antworten sind nur vorläufige.

Dein “Eindruck, dass die Menschenrechtsverletzungen in den Ländern des Vorderen Orients, aber auch in Afrika doch ein ganz anderes Ausmaß haben als in der EU“, ist ein Fakt, wobei wir bereits relativieren müssen, nämlich fragen: Unter welchen Verhältnissen leben die Menschen dieser Regionen, wie sind die Zustände, denen sie ausgesetzt sind, entstanden und wie werden sie von ihnen wahrgenommen, wie empfunden?

Leiden entsteht durch Bewusstsein, im Kopf. Erst wenn einer Muslima bewusst wird, dass die Burka, das Kopftuch, die Steinigung Machtmittel in einer patriarchalischen Gesellschaft sind, – erst wenn die Mutter eines Selbstmordattentäters erkennt, dass es das Paradies, in dem ihr Sohn glücklich weiterlebt, gar nicht gibt, – erst wenn die beschnittene Afrikanerin erfährt, dass sie, körperlich und sexuell verstümmelt, zum bloßen Lustobjekt des Mannes gemacht worden ist, werden diese Frauen darunter leiden.

Damit will ich nicht sagen, sie sollen es nicht erfahren, sondern dass bei der Menschenrechtsfrage Traditionen, Kulturen, Sitten und Gebräuche und deren Akzeptanz durch die Betroffenen berücksichtigt werden müssen. Aufklärung verursacht Leiden. Aufklärung sollte aber auch zugleich helfen, sich vom Leiden zu befreien.

Entwicklungshelfer/innen leisten dabei Beachtliches in Asien und Afrika.
1982 habe ich in Bochum einen Afghanen und seinen Bruder, zu dem er mit Frau und Kind aus Kabul geflüchtet war, interviewt und westliche Vorstellungen von der Stammeskultur, Lebensweise und – nach unseren Maßstäben – Armut in diesem Land revidieren müssen. Danach kann ich nur sagen: An westlichem Wesen wird Afghanistan nicht genesen. Die Menschen waren vor der sowjetischen Invasion zumindest in den „armen“ Bergregionen zufrieden und glücklich und vertrugen sich, von kleinen Stammesfehden abgesehen, besser als wir in einem hoch entwickelten, reichen Industrieland.
[Das Interview, in dem auch die dramatische Flucht geschildert wird und politische Hintergründe erklärt werden, ist in Dietrich Stahlbaums Lesebuch: «Der kleine Mann“ – Geschichten, Satiren, Reportagen aus sechs Jahrzehnten», Recklinghausen 2005, abgedruckt. Die Printausgabe ist vergriffen.
Jetzt als eBook unter → http://www.bookrix.de/_ebook-dietrich-stahlbaum-der-kleine-mann/ ]

Das ökologische und soziale, das politische, das wirdenkliche menschliche Elend in Asien, Afrika und Lateinamerika ist erst durch den Kolonialismus entstanden; dieser hat fast alle natürlichen und kulturellen Strukturen zerstört. Den Rest „besorgt“ der Neokolonialismus.
Die Menschenrechte, nach denen du fragst, haben „universellen Charakter“. Es handelt sich dabei nicht um „ein europäisch-(nord)amerikanisches Menschen- und Weltbild, das in Konkurrenz steht zu anderen, vielleicht asiatischen, afrikanischen oder anderen Menschen- und Weltbildern, die das gleiche Geltungsrecht für sich in Anspruch nehmen können.“

Die Menschenrechte und das Völkerrecht, formuliert in der «Charta der Vereinten Nationen»   →  http://www.runic-europe.org/german/charta/charta.htm , werden von 191 UN-Mitgliedstaaten aller Kontinente anerkannt. Demnach können wir sagen, sie sind allgemeingültig, zumal vieles darin und Wesentliches davon aus älterem als abendländisch-europäischem Kulturgut stammt.

Sollen sie unter Umständen auch gewaltsam durchgesetzt werden?
Das ist, finde ich, eine theoretische Frage. Sie sollte von Fall zu Fall konkret geklärt werden. Vorrang hat stets eine gewaltfreie Konfliktbearbeitung: miteinander sprechen und verhandeln anstatt aufeinander zu schießen!

Während des Kalten Krieges z. B. wurde die Tatsache, dass allein durch das militärische Einschreiten der Alliierten, also durch massive Gegengewalt, das faschistische Regime in Deutschland und Italien beseitigt werden konnte, als Argument gegen die Friedensbewegung verwendet. „Die Erhaltung“, im BILD-Zeitungsjargon „Rettung unserer christlich abendländischen Werte“, ja sogar „…des christlichen Abendlandes“ waren Parolen, die damals vor der „Gefahr aus dem Osten“ warnen und uns Deutsche wieder kriegsfähig machen sollten. Der Ost-West-Konflikt wurde gegenseitig so weit aufgeheizt, dass es 1962 beinahe zu einem Atomkrieg gekommen wäre, hätte der Kubakonflikt nicht schließlich doch in letzter Minute entschärft werden können.
Dagegen hat die Friedensbewegung stets auf Deeskalation, auf Abbau der Gegensätze, friedliche Koexistenz bis hin zu einem „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus hingewirkt und setzt sich ebenso heute für eine beharrliche, auch auf Rückschläge vorbereitete Friedenspolitik ein.

Beim Münchner Abkommen 1938 zwischen den Regierungen Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Deutschlands wollten die späteren Alliierten durch ihr Appeasement einen Zweiten Weltkrieg verhindern – vergeblich, wie wir wissen. Weil – dies ist meine Hypothese  – der Faschismus als Gefahr für den Weltfrieden zu spät erkannt worden ist.
Der Faschismus hätte wahrscheinlich verhindert werden können oder wäre eine Randerscheinung geblieben, wenn bereits im 19. Jh. durch Aufklärung und Volksbildung seinen Wurzeln der Boden entzogen und eine politische Kultur entwickelt worden wäre, die unserem heutigen Grundverständnis von Menschenrechten und Völkerrecht entspricht («Charta der Vereinten Nationen»!)
[Dazu: «Geistige Wurzeln des Nationalsozialismus im deutschen Bürgertum» → https://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/?s=Geistige+Wurzeln+des+Nationalsozialismus+im+deutschen+B%C3%BCrgertum ]

Die letzte Chance wurde 1919 verpasst: Der Versailler Vertrag verbaute den Weg zum Frieden in Europa und machte es Hitler leicht, Revanche zu predigen, das Volk zu remilitarisieren, die Industrie wieder aufzurüsten und einen Eroberungskrieg zu beginnen.
Den Fehler, Deutschland so erbarmungslos wie nach dem ersten Weltkrieg büßen zu lassen, haben die Alliierten nach dem zweiten nicht noch einmal gemacht.

Geschichte ist eine Lehrmeisterin. Es ist aber nicht alles auf die heutige Zeit und die jeweilige Situation übertragbar. Wir würden denkfaul werden, wenn es so wäre.

Von blog.de (23..02. 2006) übernommen.

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