Kapital gegen Geist. Zu den Protesten der Studierenden Ende der 60er Jahre

«Auch die Unis bleiben von deformierenden Reformen nicht verschont: Studiengänge sollen gestrichen werden, Lehrstühle wegfallen, alles, was nicht der Wirtschaft dient, soll eingespart werden. Stattdessen plant man Studiengebühren und den Wegfall der Rentenanrechnung von Studienjahren. Wenn das so kommt wie angekündigt, haben wir bald wieder eine Klassengesellschaft, die nur diejenigen studieren lässt, die reiche Eltern haben oder einen Sponsor. Die Burschenschaften werden Zulauf haben, und Karl Marx dreht sich mit lautem Getöse im Grabe um»,

…schrieb ich im November 2003 in einem Leserbrief. Inzwischen ist es längst so gekommen, wie angekündigt. Ein Rückblick:

«Ende der 60er Jahre rochen Studenten „den Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ ihrer Professoren, und bald breitete sich eine Bewegung aus. Man ging daran, Fenster und Türen unserer Universitäten zu öffnen, und hängte die Talare in den Wind. Die rebellierenden Studenten und nicht wenige Professoren, die sich auf ihre Seite stellten, erstritten im Laufe der Jahre eine Reform des gesamten Bildungssystems. Die soziale Komponente wurde Schwerpunkt und Ausgangspunkt. Parole: „Bildung für alle!“
Nun konnten auch Arbeiterkinder ohne Einschränkungen studieren und Karriere machen. Manche von ihnen gelangten bei ihrem „Marsch durch die Institutionen“ bis ganz nach oben. Sie gehören heute zu der so genannten Elite und wissen nicht mehr, was da unten vor sich geht, denn sie leben in einem anderen Teil der Welt.

Jeder Reform folgt eine Gegenreform. An dieser Gegenreform arbeiten schon seit langem Kräfte, die ihre Privilegien und Profite in vollem Umfang wiederhaben wollen. Die beste Gelegenheit dazu bietet sich jetzt. Der Sozialismus ist ad absurdum geführt durch den real existierenden Ostblock, nun liegt unsere durch ökonomische Krisen, hohe Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und Wählerschwund geschwächte Regierung der Wirtschaft zu Füßen. Die Opposition wartet nur noch darauf, dass Rotgrün die Schmutzarbeit zu Ende bringt, um der Regierungskoalition den Todesstoß zu versetzen. Sie kann dann ernten, was andere für sie gesät haben.

Da Geist, es sei denn als Dekor des politischen Theaters, nicht mehr gebraucht wird, zumal der widerspenstige und pazifistische, der aus der Frankfurter Schule hervorgegangen ist und nicht nur in Soziologie und Politologie Wurzeln geschlagen hat, sondern in allen anderen Kulturwissenschaften, werden die entsprechenden Fakultäten als Erste ausgehungert werden. Geist ist ein Störfaktor in einer Spaßgesellschaft. Und Spaß fördert den Konsum.»

Dietrich Stahlbaum, Recklinghausen

Recklinghäuser Zeitung vom 4.11.03 und Frankfurter Rundschau vom 13.11.03

Von blog.de (18. 11. 2009) übernommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s