„Elite“ – Ironie oder merkwürdiger Bedeutungswandel eines Begriffes?

Bitte, bezichtigt mich jetzt nicht der Wortklauberei! Aber mir ist zu den »ökonomischen und politischen Eliten in den westlichen Ländern» Interessantes eingefallen.
»Elite«. Nach WAHRIG (Fremdwörterlexikon, seit 1974) »erstklassige Auswahl«, abgeleitet von élite (frz.)! Bei KLUGE (Etymologisches Wörterbuch) bedeutet es Auswahl der Besten, ebenfalls aus dem frz. élite, das Auserwählte, abgeleitet.

Das wollte schon der weise Sokrates, dem Platon (427-347 v. u. Zr.) die Worte zugeschrieben hat: „Ehe nicht in den Staaten entweder die Geistigen (die Philosophen) Könige sein werden oder die Könige und Machthaber geistige Menschen, Kenner und Könner zumal, und dies in eines zusammenfällt: die Macht und der Geist, jenen vielen aber, die heute auf beides getrennt ausgehen, der Weg unerbittlich verlegt wird, …eher nimmt das Elend kein Ende (…), der Staaten nicht und nicht des Menschengeschlechts, und eher kann der Staat, wie wir ihn erträumen, nicht ins Wirkliche wachsen, nicht das Licht der Sonne erblicken.“ *

Die „Herrschaft der Besten“, das wollte auch Kurt Hiller, der dies auf seine Weise aus der politeia ** übersetzt und Platons Elitegedanken in seine politische Philosophie übernommen hat. Er nannte es Logokratie, eine „Teilhaberschaft an der Macht durch charakterlich und geistig kompetente Menschen“. Ich habe damals – um 1966 – seine Ideen mit derselben Verve wie er gegen alle wohlmeinenden Skeptiker verteidigt. Platon war der erste Idealist, Kurt Hiller ist wohl einer letzten gewesen.

Beide – Platon wie Hiller – sahen die Realitäten mit scharfem Blick, und Hiller kritisierte sie auch mit scharfen, bissigen Worten. Dabei verschonte er keinen der damaligen Politiker, die ihm nicht gepasst haben, weil sie seinen Idealen nicht entsprachen – seit der Weimarer Zeit. Damals waren es in erster Linie die Nazis und deren Wegbereiter.

Platon hatte über das Staatswesen nachgedacht, und aus seinen Postulaten (sittlichen Forderungen) lässt sich schließen, dass schon damals in der Politik Korruption, Macht- und Geldgier geherrscht, also nicht gerade „die Besten“ regiert haben. Auch heute sind gewisse „Eliten“ dabei, ihren Besitzstand zu vergrößern und abzusichern, auf Kosten aller anderen und des Staates, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Diese „Eliten“ sind immerhin so schlau, rund 2/3 der Gesellschaft an ihrem Reichtum – nicht jedoch an ihrer Macht – teilhaben zu lassen, um zu verhindern, dass sozialer Sprengstoff entsteht. Das dritte Drittel lebt in den noch vorhandenen sozialen Nischen von schlecht bezahlten Nebenjobs, Schwarzarbeit, Second-Hand-Waren und anderem, was vom Tisch der Reichen übrig bleibt, oder sie beschafft sich das, was sie entbehrt, auf kriminelle Weise. So versucht jedermann, jede Frau, die eigene Haut zu retten. Die Solidargemeinschaft ist kaputt, kaputt gemacht worden. Eine Verelendung nun auch der „ersten Welt“ zeichnet sich ab.

Wir bekommen amerikanische Verhältnisse. Die Amerikanisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik greift über auf die Innenpolitik. Der selbstmörderische Terrorismus, der sich gegen die Dominanz des Westens und des Nordens (Russland) richtet, bewirkt, wie seinerzeit die RAF, eine Militarisierung unserer Gesellschaft, ja, unserer gesamten Zivilisation. Am Ende steht der Überwachungsstaat mit einem Kontrollsystem, von dem die Diktatoren des 20. Jahrhunderts noch nicht einmal geträumt haben. Und wieder einmal ist es die SPD, die sich zum Büttel des KAPITALS, der „Machteliten“, machen lässt.
Soweit diese kurze Beschreibung eines Ist-Zustandes, die durchaus nicht pessimistisch verstanden werden, sondern zu der Frage anregen soll: Was muss denn nun geschehen – konkret?

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* Aus: Kurt Hiller: Ratioaktiv, Wiesbaden 1966, S.294 f.
** Der Staat

Von blog.de (13. 06. 2008) übenommen,

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