Das individuelle und das kollektive Gewaltpotential

Wir wissen nicht, ob unser Schiff, das auf den Eisberg zusteuert, von seinem Kurs abgebracht werden kann oder ob der Eisberg bis zum kritischen Moment weggeschmolzen sein wird. Dies oder das zu glauben, hilft da auch nicht weiter. Das Einzige, was wir wissen: Noch ist Zeit, die Kapitäne von der Kommandobrücke herunterzuholen (auf legale, auf demokratische Weise, versteht sich), die TITANIC zu stoppen und auszusteigen, umzusteigen in eine andere Lebensweise.

Uns prägen Kindheitserlebnisse und spätere Jugenderfahrungen. Sie bestimmen unser Weltbild, unser Lebensgefühl, unser Sensorium und damit die Art und Weise unserer Wahrnehmungen (der Plural ist gewollt). Gerade deshalb empfehle ich das Buch von Claude AnShin Thomas: Krieg beenden, Frieden leben. Ein Soldat überwindet Hass und Gewalt.
Er beschreibt – möglicherweise ist das in meiner Rezension * nicht deutlich genug formuliert -, wie ihn die Traumen seiner Kindheit veranlasst haben, selber gewalttätig zu werden und als Siebzehnjähriger (wie ich übrigens auch **) in den Krieg zu ziehen, um „sich zu beweisen„, wie er als Neunzehnjähriger mit einer Kriegspsychose heimkehrt und Jahre später, nach weiteren Versuchen, sich selber zu entfliehen, seine Traumata verarbeiten und sie schließlich loswerden kann. Er steht als Zeitzeuge für Generationen von Kriegsveteranen, von denen es einigen wenigen gelang, aus eigener Kraft – wie es der authentische Buddha selber praktiziert und gelehrt hat – sich von seinem Leiden, einem geistigen Elend, zu erlösen, sich zu – emanzipieren: ein freier Mensch zu werden. Mit Esoterik hat das nichts zu tun.

Es wird sich erweisen, ob die destruktiven Energien, die sich in der gesamten Menschheit aufgeladen haben, kulturell transformiert werden können oder ob eine Selbstzerstörung nicht mehr aufzuhalten ist. Selbstzerstörerisch sind ja nicht allein Selbstmordattentäter/innen. Diesem kollektiven und zugleich individuellen Gewaltpotential entsprechen die heutigen und künftigen Waffenarsenale.

Seit der Steinzeit hat der Mensch zwar seine Technik weiter entwickelt, nicht jedoch sich selber. Liegt es vielleicht daran, dass wir unsere intellektuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten überbewerten und unsere im Endeffekt destruktiven Eigenschaften unterschätzen, weil unsere emotionale Intelligenz (Daniel Coleman) völlig unterentwickelt ist? Bei Albert Einstein und Bertrand Russell waren intellektuelle und emotionale Intelligenz komplementäre Eigenschaften wie Yin und Yang. Deshalb scheuten sie sich auch nicht, dem Fortschrittsglauben entgegenzutreten und vor technokratischer, am Ende selbstzerstörerischer Hybris zu warnen.
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* Die Rezension: → http://www.mx-action.de/dietrich/Einleitung_und_Themen/Pazifismus/pazifismus.html#Wunden
** Ich habe nach meiner Rückkehr aus Vietnam (1954) zehn, elf oder zwölf Jahre lang Nacht für Nacht, an die Wand gestellt, auf Gewehre gestarrt, habe manchmal Unverständliches geredet, auch herumkommandiert und sehr oft aufgeschrien. Als Pimpfe hatten wir noch gesungen: „Frischauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd, ins Feld, in die Freiheit gezogen! Im Felde, da ist er Mann noch was wert, da wird sein Herz erst gewogen…“ Unsere Großväter sangen dieses Lied noch nach 1918. Unsere Väter haben es nach 1945 nicht mehr gesungen.

Von blog.de (26. 11. 2009) übernommen.

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