Die Geschichte vom Karpfen

KarpfenDie Geschichte vom Karpfen

Mit ruhigen Worten, aber etwas lauter als bisher, sprach der Rôshi * weiter:

„Als ich in Frankreich studiert habe, waren mein buddhistischer Lehrer Thây Ngoc Loan und ich einmal Gäste im Hause der Eltern eines Kommilitonen. Wir Jungen tanzten und die Alten diskutierten mit dem Thây. Am Abend lud der Hausherr uns beide zu einem Gang durch seinen Garten ein. Wir setzten uns auf eine Bank an einem kleinen Teich und genossen die relative Stille. Es war natürlich jedes Mal, wenn die Verandatür geöffnet wurde, Musik zu hören, leise zwar, aber sie drang ins Ohr.

Doch der Hausherr hatte uns nicht zum Meditieren an den Teich geführt. Er begann ein Gespräch und sagte, er sei Philologe und habe unter anderem auch einige buddhistische Texte analysiert. Ergebnis: Der Buddhismus sei voller Widersinn und entspräche daher in keiner Weise seinem rationalen Weltverständnis.

Thây Ngoc Loan hatte bei seinem langen Aufenthalt in Frankreich immer wieder die Erfahrung gemacht, daß man hier seine Ansichten eher mit Hauen und Stechen verteidigt, als sie zu ändern. Nun sagte er:

Ihr Sohn studiert Physik. Nach meiner Kenntnis gehört Physik zu den Wissenschaften, bei denen es auf äußerste Exaktheit ankommt. Ein Denkfehler, eine falsche Berechnung, kann eine Katastrophe zur Folge haben, besonders bei hochsensibler Technik. Aber auch in der Natur verläuft nicht alles nach den Gesetzen der klassischen Logik. So gibt es in der Atomphysik Phänomene, die dem Grundsatz dieser Logik, dem Satz von der Identität, widersprechen.

Der Hausherr rezitierte: Alles ist sich selbst gleich.
Richtig. Sie wissen sicherlich, daß Licht, also Strahlung, Wellen und zugleich Teilchen, Partikel sind, je nachdem, unter welchem Aspekt Sie es betrachten. Strahlung und Materie, Materie und Energie, Wellen und Teilchen – je weiter man die Natur, die Wirklichkeit erforscht, desto mehr Paradoxa wird man entdecken. Paradoxa lassen sich nicht analysieren. Und haben Sie von dem Kreter gehört, der gesagt hat: Alle Kreter lügen?
Darauf er: Es gibt natürlich Ausnahmen. Da haben Sie recht.

Thây Ngoc Loan: Der Buddhismus weist über das Denkbare hinaus – wie das Leben selbst. Und was geschieht, wenn man darangeht, es zu analysieren? Erlauben Sie mir, Ihnen eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte vom Karpfen.
Gern. Bitte!
Sie hat zwei Teile. Der erste:

Monsieur, Sie sitzen am Ufer eines Teiches und schauen auf das Wasser.
Blütenstaub auf einem Spiegel. Am Ufer, Ihnen gegenüber, stehen alte Weiden, wie hier. Lange Äste hängen tief über dem Wasser. Ein Karpfen kommt herangeschwommen, in ruhigen, bedachtsamen Zügen, ein großes Tier. Der Fisch sieht Sie an. Sie erwidern den Blick. Er öffnet sein Maul. Er wartet darauf, daß Sie ihn füttern. Auf der Wasseroberfläche sind Muster entstanden und überlagern die Spiegelung der Weiden. Lichtreflexe. Sie holen aus der Tasche Ihrer alten Jacke eine Handvoll Krümel heraus. Die Krümel sind vom Abendbrot übrig geblieben. Sie streuen die Krümel ins Wasser. Der Fisch schnappt zu. Er verschlingt die Krümel, ehe sie in der schwarzen Tiefe versinken. Jetzt zieht er Schleifen durchs Wasser, aber Ihre Hand ist leer. Er umkreist die Stelle, an der die Krümel ins Wasser gefallen sind. Neue Muster entstehen und zerfließen. Der Fisch ist weggetaucht. Die Oberfläche des Teiches ist blank. Auch die Lichtreflexe sind verschwunden. Der Fisch taucht wieder aus dem Wasser hervor. Er schaut Sie an…

Der zweite Teil:

Sie stehen am Ufer Ihres Teiches und warten auf den Karpfen. Sie haben eine dicke, lange Bambusstange mitgebracht. Am Ende der Stange ist ein Netz, befestigt an einem Reifen aus Draht. Ein Kescher. Den Kescher stecken Sie ins Wasser. Der Karpfen kommt herangeschwommen und öffnet sein Maul. Er schnappt nach dem Netz. Er schnappt ins Leere. Sie drehen den Kescher und ziehen ihn vorsichtig dem Fisch über den Kopf. Der Fisch verfängt sich im Netz. Könnten Sie hören, Sie würden ihn schreien hören. Aber Sie hören nichts. Sie beugen sich nach vorn, um Schwung zu holen, und ziehen den Kescher mit dem schweren Fisch aus dem Wasser. Sie warten nicht, bis es abgetropft ist; mit einem harten Schlag auf den Kopf betäuben Sie den Fisch. Zu Hause legen Sie ihn auf ein Brett. Er zappelt nicht mehr. Sie ziehen Gummihandschuhe an. Sie streifen das Netz von dem leblosen, glitschigen Körper herunter und öffnen ihm mit einem scharfen, sägenartigen Messer den Bauch. Blut und Eingeweide quellen hervor. Die Eingeweide legen Sie ordentlich an den oberen Rand des Brettes. Auch die Schwimmblase. Vorsichtig trennen Sie das Fleisch vom Skelett, nehmen die Augen heraus und schneiden die Flossen ab. Jetzt zerlegen Sie das Ganze in lauter kleine Teile. Sie untersuchen Stück für Stück. Auch den Darminhalt. Um besser sehen zu können, halten Sie eins nach dem andern ins Licht. Unter einer Lupe zerlegen Sie die Stücke in noch kleinere Stücke, dann die Stücke in Stückchen und die Stückchen… Nun brauchen Sie ein Mikroskop. Sie nehmen das Brett mit allem, was da drauf ist, und gehen in Ihr Labor. Dort setzen Sie die Untersuchung der winzigen toten Teile eines ehemals Ganzen und Lebendigen fort…

Wissen wir nun, was ein Karpfen ist? Er schaut uns nicht mehr an!“

– – –
* Rôshi: Lehrer des Zen-Buddhismus, Zen-Meister

Aus: Dietrich Stahlbaum: Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht. Ein Roman, Aachen 2000, S. 296 ff. Printausgabe vergriffen, jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_ebook-dietrich-stahlbaum-der-ritt-a…/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s