alt werden, alt sein… Zwei kurze Geschichten

Jedes Mal, wenn sie eine Bekannte trifft, erzählt sie ihr eine Krankengeschichte. Immer dieselbe: ihre eigene. Sie hat Schmerzen in den Beinen.
Zu ihrem Beruf gehörten Hausbesuche. Darin sieht sie auch den Grund dafür, dass sie nicht mehr laufen kann. Und zwar genau seit ihrem achtzigsten Geburtstag. „Das kommt vom vielen Treppensteigen“, sagt sie.
Bis dahin hat die Rentnerin große Wanderungen unternommen, „um fit zu bleiben“. Besser als sie kennt nur der Förster den Wald, den sie durchwandert hat.
Aber nun war sie achtzig geworden. Mit achtzig, sagte sie, begönne die Gebrechlichkeit, da werde man pflegebedürftig. Seitdem nimmt sie jede Gelegenheit wahr, um sich selbst in diesem Glauben zu bestärken und sich dies als Tatsache von anderen bestätigen zu lassen, im Restaurant, im Bus, im Supermarkt oder sonst wo, stets dort, wo andere Menschen sind, die sie mit ihrem Stock herbeiwinken und denen sie sagen kann: „Ich bin behindert. Bitte helfen sie mir!“
Die Ärzte wussten keinen Rat. Man schickte sie „in die Röhre“. Auch das führte zu keinem Ergebnis: „Ihnen fehlt nichts, Frau H., es ist alles in Ordnung!“.
Einer der Doktoren bemerkte, dass sie mit dieser Auskunft nicht zufrieden war und sagte: „Eine leichte Arthrose, aber das ist in Ihrem Alter fast normal“ und verschrieb ihr einen Haufen Pillen. Die nimmt sie nun feierlich ein – wie Hostien. Ohne Erfolg. Die Schmerzen in den Beinen sind so schnell wieder da, wie sie verschwinden.
Morgen soll die bestellte Gehhilfe eintreffen, ein Wägelchen mit vier Rädern, das sie vor sich herschieben muss…

*  *  *

Ich habe meinen ehemaligen Hausarzt getroffen – er steuert auf die Neunzig zu – und habe ihn gefragt: „Wie geht es Ihnen?“ Seine Antwort, kurz und bündig: „Oben licht und unten dicht.“
Ob er wieder über die Ostsee schippere. „Nur noch entlang der Küsten. Mein Sohn fährt jetzt mit.“
Der Doktor besitzt eine Segelyacht, lebt vom frühen Sommer bis zum Herbst auf dem Boot und befuhr noch vor wenigen Jahren mit seiner Frau die ganze Ostsee.

Ich glaube, alt wird man zuerst im Kopf.

© Dietrich Stahlbaum

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