Vorschläge für eine ganzheitliche Gesundheitsreform

Es ist keine Gesundheitsreform, was da bisher in Berlin ausgehandelt worden ist. Es ist lediglich eine Reform der Kranken- und Unfallversicherungssysteme. Eine Gesundheitsreform, die diesen Namen verdient, kann nur eine ganzheitliche sein. Ganzheitlich besagt, dass alles einbezogen und beachtet wird, hier eben alles, was zur Gesundheit beiträgt oder ihr schadet. Es geht dabei also nicht allein um die Frage der Kosten.

Ich kann nicht sagen, ob es mir gelingt, alle relevanten Fakten und Faktoren zusammenzutragen. Versuchen will ich es. Denkbar wäre auch, dies zusammen mit anderen zu tun – mit Ihnen/euch, denn sicherlich wird Ihnen/euch einiges einfallen, das mir entgangen ist. Kommentare!

1. Was ist Gesundheit? Nach der Definition der WHO ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Es ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess. Dabei ermöglicht ein intaktes Immunsystem eine permanente Regeneration (Erneuerung) des Somas, des Körpers: ein Kreislauf, bei dem Zellen absterben und wieder durch neue ersetzt werden, bis bei Überalterung der Tod eintritt.

2. Welches sind die Voraussetzungen für eine stabile Gesundheit? Lebensbedingungen, die der Konstitution und den elementaren Bedürfnissen des Menschen, des Tiers, der Pflanze entsprechen, und beim Menschen eine geistige Verfassung, die Problemen und Störungen gewachsen ist.

3. Was ist zu reformieren (Ursachen und Wirkungen von Fehlentwicklungen) und auf welche Weise?

3.1. Ökologie und Gesundheit: Viele Gesundheitsschäden entstehen durch ökologische Versäumnisse. Die meisten machen sich erst nach längerer Zeit, mitunter Jahrzehnten, bemerkbar.

3.1.1. „Umwelt“gifte in der Land- und Gartenwirtschaft: Pestizide, Gülle, Überdüngung. „Der Gifte sind viele. Aber auf die Menge kömt es an.“ War es nicht Paracelsus, der das gesagt hat? Natürlich ist gegen Jauche ohne chemische Rückstände gedopter Tiere in wohl dosierten Mengen nichts einzuwenden.
Eine Umwandlung in ökologische Bewirtschaftung ist dringend not-wendig und vom Staat zu fördern. Die Massentierhaltung muss abgeschafft werden, ebenso die Subventionierung von Überschüssen (die z. T. vernichtet werden). Bei artgerechter Tierhaltung wären die verheerenden und kostenträchtigen Seuchen wahrscheinlich gar nicht erst entstanden. Ein Verbot gentechnisch manipulierter Pflanzen, sowie von Nahrungsmitteln mit Zusätzen aus Gentec-Pflanzen versteht sich von selbst. Es gibt keine beweiskräftige Folgeabschätzung. Niemand kennt die Schäden, die wie bei mittlerer nuklearer und bei elektromagnetischer Strahlung erst nach langer Zeit auftreten können.
…in der Industrie: Die Atomkraftwerke müssen so schnell wie irgend möglich geschlossen und durch Techniken zur Gewinnung regenerativer Energien ersetzt werden. Ebenfalls ersetzt werden muss die Petrochemie durch eine „sanfte Chemie“. Herstellung, Vertrieb und Verarbeitung aller „umwelt“- und damit auch gesundheitsschädlichen Produkte sind einzustellen. Auch hier muss für „umwelt“- und gesundheitsverträglichen Ersatz gesorgt werden. Dazu der »Vorschlag, die Bereiche der Forschung, die sich mit der Suche nach umweltschonenden Ersatzstoffen beschäftigt, finanziell zu unterstützen, um somit die Forderung nach „geringst möglicher Belastung der Umwelt und Gesundheit“ in Realitätsnähe zu rücken.«
Die Ökologisierung der Wirtschaft muss sozial abgefedert und in allen Industrieländern vorangetrieben werden, notfalls gegen Widerstände, sei es in Deutschland, sei es in anderen Ländern oder transnational.

3.2. Der Straßenverkehr überlastet, bedingt durch die geografische Lage, besonders in Deutschland die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze. Nach der jüngsten Studie des Bundesumweltamtes sterben jährlich Tausende durch Dieselauto-Abgase. Eine noch größere Anzahl von Menschen erleidet Spätschäden (Krebs, Asthma, Kreislaufbeschwerden, Allergien). (FR 23.7.03) Die Industrie muss verpflichtet werden, binnen kurzer Zeit Rußfilter in alle Dieselfahrzeuge und Industrieanlagen, in denen fossile Stoffe verbrannt werden, einzubauen. Auch Unfälle und Ozonschäden machen weitere Geschwindigkeitsbeschränkungen auf allen Straßen not-wendig, vor allem aber eine Reduzierung des PKW- und des LKW-Aufkommens durch Ausbau des Schienenverkehrs, mit Preisminderung, höherer Dieselölbesteuerung, Autobahn-Maut und kürzeren Transportwegen durch mehr regionale Selbstversorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs.
Nicht minder gesundheitsschädlich ist der Flugverkehr, zumal über Mitteleuropa (Ozon, Klimaerwärmung). Geboten ist eine spürbare Kerosinsteuer für Flugzeuge in ganz Europa.

3.3. Lärm- und Lichtverschmutzung, Überreizung durch Medien (Fernsehen, Musikkulissen, Dauersurfen im Internet…) machen krank. Nerven- und Hörschäden, Hyperaktivität und Lernschwäche (besonders bei Kindern) sind die Folgen. Auch das lässt sich vermeiden.

3.4. Ernährung: Im Gesundheitsbericht 2002 der WHO sind die wichtigsten Gesundheitsrisiken hoher Cholesterinspiegel: 7,6%, Übergewicht, Fettleibigkeit: 7,4%, zu wenig Obst und Gemüse: 3,9%

**. „Lebensmittel“ mit Spaßfaktor wie Bärchenwurst und Fruchtzwerge sollen – so will es die Industrie – vor allem Kinder zum Konsum von Fun-Food animieren. Fast-Food, in Mengen einverleibt, ist ebenso schädlich. Es ist eine Schande, dass in unserer Überflussgesellschaft Kinder an Mangelerscheinungen (Vitamine, Mineralien…) leiden. Die industriellen Nahrungsmittel müssen durch Lebensmittel, durch Naturkost, ersetzt werden. Hier sind Aufklärung, schärfere Gesetze und Lebensmittelkontrollen vonnöten.

3.5. Suchtvorbeugung, -therapie und –versicherung. Die WHO beziffert die Gesundheitsrisiken für Tabak und Zigaretten mit 12,2%, für Alkohol mit 9,2% und illegale Drogen mit 1,8%**. Auch die Medikamentensucht ist in hohem Maße schädlich. Die Ursachen sind vielfältig, und man macht es sich zu einfach, wenn man hier von Selbstverschuldung spricht, was nicht heißen soll, jegliche Eigenverantwortlichkeit zu negieren. Jede/r Süchtige hat eine Lebensgeschichte, die in eine Sackgasse geführt hat. Die Ursachen müssen also individuell erforscht und therapiert werden. Hier ist der Staat gefordert, Programme aufzulegen und zu finanzieren, auch für die Suchtprävention (Werbeverbote, soziale Maßnahmen u. v. m.). Außerdem muss bei nachweisbarem Suchtverhalten eine Risikoversicherung vorgeschrieben werden.

3.6. Arbeit und Gesundheit: Durch die rapide Technisierung und Elektronisierung (Computer) hat sich die Arbeitswelt völlig verändert. Dauerstress durch z. T. unerträgliche Zeitverdichtung und Geschwindigkeit von Arbeitsabläufen erhöht zwar die Produktivität, gleichzeitig aber auch die nervliche Belastung und die Unfallgefahr. Aus dem Arbeitsmenschen wird das Letzte herausgeholt. Die Folgen sind Verletzungen, Invalidität, frühzeitiger Verschleiß und Berufskrankheiten, die als solche zumeist nicht anerkannt werden. Deshalb ist die Ergonomie weiter auszubauen und anzuwenden, mit Ruhe- und Entspannungspausen und Arbeitszeitverkürzung.

3.7. Medizinische Aspekte:

3.7.1. Hightec verführt zum übermäßigen Apparategebrauch, wovor selbst Mediziner warnen. Es wird zu viel operiert! So manche Brust und so manche Prostata landet unnötigerweise im Abfalleimer. Jede Operation erbringt ja Honorar. Und schon zu Zeiten meines Vaters (Jahrgang 1899) überboten sich junge Chirurgen mit Geschwindigkeitsrekorden bei Blinddarmoperationen. Hier hilft wohl einzig Mäßigung und Selbstkontrolle.

3.7.2. Medikamente. Das besondere Interesse an größtmöglichem Verbrauch und damit Umsatz hat verständlicherweise die Pharmaindustrie. Sie sorgt dafür durch Werbung und „Ärzteberatung“. Waren es früher Vertreter, die die Messingklinken putzten, so sind es heute in der Mehrzahl selber Ärzte, die keinen Job in ihrem Beruf gefunden haben und nun ihre Kollegen sachkundig bearbeiten. Außerdem sind Pharmakonzerne bei Ärztekongressen äußerst spendabel. Die Folge ist dann sehr häufig eine Übermedikation und nicht selten ein Exitus. (Siehe Suchwort „Übermedikation“ im Internet!) Denn Entgiftungen kommen dann meistens zu spät. Auch hier ist Reformbedarf!

3.7.3. Das Schmerzempfinden der Bundesbürger hat deutlich zugenommen. „Die Menschen werden immer wehleidiger“ (Der Schmerzexperte Klaus Klimczyk in der FR am 11.11.02) Schuld daran sind nach Ansicht des Mediziners vor allem mangelnde Bewegung, seelische Probleme und zunehmende Belastung im Beruf. Bei vielen älteren Patienten seien chronische Schmerzen zum Kommunikationsobjekt geworden: „Sie sind für die Betroffenen das wichtigste Gesprächsthema.“ Dies wird immer noch ignoriert, und man greift mit oder ohne Rezept lieber zur Pille, zur Kapsel, zur Spritze. Konsumismus in der Medizin!

3.7.4. Beratungs- und Behandlungsdauer: „Nur 18 Sekunden habe ein Patient bei einem Arztbesuch im Durchschnitt Zeit, bevor er zum ersten Mal unterbrochen und womöglich aus dem Konzept gebracht wird.“ (Wolfgang Merkle) Dabei „lassen sich“ „70 Prozent der Diagnose (…) durch Zuhören erstellen.“ (Thure von Uexküll, Nestor der Psychosomatik, 94 Jahre alt)***. Daraus folgt: ÄrztInnen und Krankenkassen müssen daran etwas ändern. Zeit kann auch Kosten sparen helfen!

3.7.5. Die Psychosomatik sollte zu ganzheitlicher Medizin weiter entwickelt werden. Die dazu erforderlichen Forschungsgelder und die Mittel für die medizinische Ausbildung müssen vom Staat bereitgestellt werden.

3.7.6. In der Alternativen Medizin gibt es Akupunktur und Hypnosebehandlung gegen Schmerzen, die durch Angst und Stress entstehen, nun auch beim Zahnarzt.
Und es gibt Spontanheilung bei Krebs (Spontanremission) dank innerer Heilkräfte, stimuliert durch naturheilkundliche Verfahren, spirituelle Methoden wie Musik- und Kunsttherapie, Yoga, Meditation. Weltweit geschätzt: 1:100 000 bzw. 20-30 jährlich. Hiroshi Oda**** nennt es “Selbsttransformation“, wobei die Krankheit den Part (…) des inneren Signals zur überfälligen Generalüberholung des eigenen Lebens spielt. Die Betroffenen erleben die Genesung vom Krebs als eine Art Begleiterscheinung einer viel umfassenderen Persönlichkeitsveränderung hin zum bislang verschütteten und verleugneten „inneren Selbst“.

3.7.7. Ebenso wichtig ist die Präventivmedizin die, anders als in Asien, hier im Westen völlig unterentwickelt ist und staatlicher Förderung bedarf. Krankheit verhindern heißt auch Kosten sparen!

3.8. Soziale Aspekte: In unserer Gesellschaft, am meisten in Westdeutschland, bedeuten materieller Wohlstand, Spaß und Genuss, Eigennutz, Karriere und Status mehr als Uneigennützigkeit, Bescheidenheit, Besorgtheit, Toleranz, Solidarität und andere humane, kulturelle Werte. Viele, vor allem behinderte, ältere und alte Menschen leiden an der sozialen Kälte, die ihnen oft entgegenschlägt, und an Vereinsamung. Das macht sie krank. Dies können und müssen wir ändern, indem wir uns selber ändern.

3.9. Eine soziale Finanzierung des Gesundheitswesens versteht sich eigentlich von selbst. D h. spürbare Entlastung der Kleinverdiener und –rentner/innen und, was noch zu diskutieren wäre: die Bürgerversicherung und ähnliches. Dazu gehört allerdings auch die private Unfallversicherung bei Risikosportarten (Rennsport, Motorradfahren, Paragliding, Fallschirmsprung, Drachenfliegen…).

3.10. Obwohl hier zuletzt, nicht zuletzt: Kosten sparen durch drastische Kürzung des Rüstungsetats, durch Vermeidung von Fehlinvestitionen (siehe Bundesrechnungshof-Jahresberichte), Abschaffung anachronistischer Staatsrituale und und und…
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* Wolfgang Merkle, Mediziner in der Psychosomatischen Abteilung eines Hospitals. S .a. unter ***
** lt. RZ 31.10.02
*** bei einer medizinischen Tagung (FR 9.11.03)
**** jap. Gesundheitsanthropologe, lehrt an der Hokkaido-Universität in Sapporo. (FR 4.6.02) Vergleiche auch Volker Tschuschke: Psychoonkologie. Psychologische Aspekte der Entstehung und Bewältigung von Krebs, Stuttgart 2002.

Von blog.de (27. 08. 2009) übernommen.

Ein Gedanke zu “Vorschläge für eine ganzheitliche Gesundheitsreform

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