Christentum in der Kritik

Es ist schon lange her, dass ich mich mit kritischer Theologie und mit der Geschichte der Kirche(n) eingehend beschäftigt habe. Viele Details davon, in denen bekanntlich der Teufel steckt, habe ich vergessen. Ich kaufte damals, Anfang der 60er Jahre, vier Exemplare des Neuen Testaments, schnitt drei davon auseinander und klebte die gleich lautenden oder inhaltlich übereinstimmenden Textstellen der synoptischen Evangelien [Matthäus, Markus, Lukas] nebeneinander auf eine Papptafel und verglich sie. Dabei fiel mir u. a. auf, dass ein Text so gar nicht in das gängige Bild von dem „friedlichen und menschenfreundlichen“ Jesus passt, und dass dieser Text lediglich bei Matthäus vorkommt:

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“                                                                                                                                     [Matthäus 10,34-39]

Da vieles im N. T. aus dem Alten T. stammt (und vieles im A. T. aus außerbiblischen Quellen!), hier jedoch nichts darauf hinweist, nahm ich an, diese Rede Jesu sei entweder aus dem jüngeren Markus- und dem noch jüngeren Lukas-Evangelium „gestrichen“ worden, weil sie ungeheuerlich ist oder nicht echt. Auch wenn man davon ausgeht, dass Jesus nicht immer der sanfte Heilige war, so, wie er auf manche Schlafzimmerbetten herabschaut, sondern durchaus auch in Zorn geraten konnte, wie die Geschichte von der Tempelaustreibung nahe legt, [Matth.21,12ff; Markus 11,15ff; Lukas 19,45ff; Johannes 2,13-16], wäre Matthäus 10,34-39 , falls authentisch, ein völliger Bruch mit dem pazifistischen Charakter und Geist des Nazareners.

Darüber kann auch der Theologe Martin Stöhr nicht hinwegtäuschen. Seine Predigt über diesen Text → http://www.jcrelations.net/Predigt+%FCber+Matth%E4us+10%2C34-39.2317.0.html?L=2 ist ein Meisterstück theologischer Fantasie und Spitzfindigkeit.

Jede Religion, bei der Befehle erteilt werden und unbedingter Gehorsam verlangt wird, ist ihrem Wesen nach autoritär.

Sowohl im N. T. als auch im A. T. heißt es wörtlich: „Du sollst…“ bzw. „Du sollst nicht…“ Zumeist wird dann auch zugleich mit Strafen gedroht bzw. mit Konsequenzen, die als Strafen verstanden werden und Angst machen sollen.

Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon hat das kürzlich bei einem TV-Disput als Fremdbestimmung bezeichnet und anti-emanzipatorisch genannt. Ich denke, zu Recht. Es behindert die Entwicklung des Menschen zu geistiger Autonomie.

„Ziel jeder Erziehung«, schrieb schon in den sechziger Jahren der Psychologe Hans Strotzka, »ist die Selbständigkeit und spätere Ablösung (des Kindes) von den Eltern…. NATÜRLICHKEIT, SICHERHEIT, VERTRAUEN und FREIHEIT sind die Leitbegriffe für eine gesunde Entwicklung.“ [In: Strotzka: Einführung in die Sozialpsychiatrie]

Das erste Gebot lautet:

„Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.“

Gibt es da noch Zweifel am totalitären Charakter des Monotheismus?

Den nachfolgenden Kommentar von Ulrich Häpke erhielt ich heute per Email (dst):

Lieber Dietrich,

Deinen Christentums-kritischen Text habe ich gelesen. Für Deine Empörung habe ich Verständnis. Trotzdem glaube ich, dass wir Menschen als Kinder Regeln erlernen müssen, die in der Art und Weise der so genannten Gebote „Du sollst …“ formuliert sind. Ich sehe nicht, dass Summerhill im Familienalltag, außerhalb der von den Eltern finanzierten Insel, die das Internat darstellt und durch die sich diese Eltern von ihrer persönlichen Fürsorgepflicht freigekauft haben, funktionieren kann.
Zugleich halte ich es für unverzichtbar, dass man solche Regeln immer wieder in Frage stellt. Dabei werden manche Regeln im Laufe der Zeit gestrichen und andere neu hinzukommen.

Das hat mit dem Christentum nur insoweit zu tun, als dass es dort neben mehr oder weniger zeitgemäßen Interpreten auch Dogmatiker gibt, die auch an veralteten Regeln festhalten.

Was nun den Monotheismus angeht, so halte ich es mit dem Kölner Kabarettisten Jürgen Becker (obwohl ich als früherer Düsseldorfer eigentlich ein Antikölner sein müsste), der den Monotheismus für einen religionsgeschichtlichen Hitzeschaden hält.

So albern seine Argumentation zu sein scheint: es steckt eine ganze Menge bedenkenswerter Gedanken darin, nicht zuletzt die These, dass der Monotheismus gescheitert ist, weil die Menschen (zumindest in unseren Breiten?) mit einem Gott nicht auskommen. Im Christentum allgemein haben sie mit Gott, Heiligem Geist und Christus schon einmal drei Repräsentanten, zu denen im Katholizismus immerhin noch die Gottesmutter Maria und zählbare, aber von mir ungezählte Heilige hinzukommen.

Und wenn man sich von dem Blick auf die Kirche ein bisschen entfernt, dann findet man noch viele andere, sozusagen säkulare (Ersatz-) Götter – vom Konsum bis zu den modernen Naturwissenschaften. Ob diese besser sind als die Heiligen, ist durchaus fraglich.

Ich persönlich sehe vielmehr Probleme in dem durchgängigen schlechten Gewissen (Stichwort Erbsünde seit Adam und Eva und: Jesus ist für jeden von uns gestorben), das den Menschen eingetrichtert wird und in der – für mich absurden – Idee, dass ich durch den Tod eines Menschen, noch dazu vor 2000 Jahren in irgendeiner Weise von diesen alten und den von mir selbst begangenen Sünden befreit worden sein sollte – ein Thema, über das man noch ausführlicher diskutieren müsste.

Viele Grüße und wie immer danke für Deine Anregungen zum Nachdenken

Ulrich

Replik

Dietrich Stahlbaum:

Ohne Regeln geht es nicht, da hast du Recht, Uli. Zu fragen ist, wer sie aufstellt, worauf sie sich beziehen, was sie beinhalten, ob sie empfohlen oder befohlen, rational begründet oder ohne Begründung oktroyiert werden.

Kinder lernen durch Anleitung, Nachahmung und eigene Erfahrung. Mein Enkelsohn ist gerade mal 2,3 Jahre alt. Er hat in diesen zwei Jahren und drei Monaten einen für sein Alter überdurchschnittlich großen Wortschatz und hat sein Denkvermögen so weit entwickelt, dass wir uns über alle möglichen konkreten Alltagsdinge und über abstrakte Fragen unterhalten können. Er selber berichtet, erzählt, fragt und antwortet in ganzen Sätzen und erinnert sich z. B. an den letzten Urlaub im Mai mit seiner Mutter an der Nordsee. Heute guckte er auf die Zeitung, zeigte auf ein Bild und fragte: „Wer ist da abgebildet?“ Wir mussten es ihm erklären.

Man kann also schon sehr früh anfangen, die mentale, geistige und motorische Entwicklung eines Kindes und – was ebenso wichtig ist – die Entwicklung seiner Sinne zu fördern. Je früher dies gelingt, desto schneller wird es alle wichtigen Lebensregeln verstehen und ohne Zwang beachten lernen. Man braucht sie ihm nicht, wie es früher üblich war, einzubläuen. Das Kind lernt von selbst, wenn die Eltern und anderen Bezugspersonen keine Nervenbündel und ambivalente Charaktere sind, sondern in sich gefestigte Vorbilder, auf die es sich einstimmen kann.

Zuneigung, Liebe, Selbstlosigkeit kann man nicht erzwingen. Kein Befehl, kein „Du sollst…!“ kann das bewirken, sondern allein das Verhalten von Erwachsenen, die dem Kind nahe stehen. Das Kind verinnerlicht es, nimmt es an oder wehrt es ab. Wenn Kinder schlechte Erfahrungen mit ihren Eltern gemacht haben, werden sie die ungelösten Konflikte mit sich herumtragen und sie später, oft noch als Erwachsene, auf andere Menschen übertragen und auszuagieren versuchen. Gute Erfahrungen hingegen helfen ihnen, sich bald zu emanzipieren, selbständig zu werden und eine positive Emotionalität zu entwickeln, gütig, liebevoll, friedfertig und einsichtsvoll zu sein.

Meine Kinder waren, als 1969 A. S. Neills Buch unter dem irreführenden Titel Theorie und Praxis der anti-autoritären Erziehung  in Deutschland erschien, sieben, fünf und zwei Jahre alt. Meine Frau und ich, wir beide waren in der 68er Bewegung aktiv, sie feministisch und ökologisch, ich ökologisch und pazifistisch. Neill und sein Konzept wurden damals bei uns 68ern diskutiert, auch wir beide „probierten“ manches aus. Einige Prinzipien ließen sich übernehmen, andere nicht. Summerhill bot (und bietet heute) andere Bedingungen als eine kleine Familie mit den Großeltern unter einem Dach, deren Sozialisierung zuhause und in der Schule unter Ohrfeigen und Stockschlägen stattfand, und wo gegenüber Erwachsenen, Vater, Mutter, Lehrern und anderen Amtspersonen absoluter Gehorsam verlangt wurde. So wuchsen unsere Kinder nicht unter besten Bedingungen auf, sondern in einer Familie voller Widersprüche. Alle drei haben sich dann auch nicht ohne Probleme gemausert.

Zwar hat sich einiges daran geändert, aber Summerhill und die heutigen Kleinfamilien sind eben doch verschiedene Welten…

Überhaupt können Erziehungsfragen und -probleme nicht nach Schema F gelöst werden. Jedes Kind braucht individuelle Zuwendung und  – möglichst früh –  Gruppenerfahrung.

Herzliche Grüße

Dietrich

Nachtrag:

Kollektive Erziehung

1976. Bei einer Besichtigung der BUNA-Werke in Leipzig wurde die Besuchergruppe, der ich angehörte, zum Kinderhort geführt. Im Korridor vor dem Spielsaal standen lauter Nachttöpfe. Es können etwa zwanzig gewesen sein. Die Hälfte davon war besetzt. Einige der Knirpse, die darauf saßen, waren eingeschlafen, die anderen verharrten geduldig auf ihren Pötten oder rutschten mit ihnen hin- und her.

Auf unsere Frage, wie lange die Kinder bereits auf den Töpfen sitzen, bekamen wir die Antwort: „Eine ganze Weile schon.“ Und auf die Frage, wie lange sie noch sitzen müssten: “Bis sie ihr Geschäft gemacht haben. Wir erziehen sie zur Pünktlichkeit.“

Wir befanden uns hier also bei der Produktionsgenossenschaft K (wie Kinder). Sie saßen ja hier, um etwas zu produzieren. Ihre Produkte zeigten sie dann stolz ihren Erzieherinnen, die sie begutachten mussten. Ob deren Bemühen, den Kindern ihre Individualität auszutreiben oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen, Erfolg hatte, weiß ich nicht.

Einen Tag vor unserer Rückreise „in den Westen“ traf sich eine kleine Gruppe von uns in der „konspirativen“ Wohnung einer jungen Frau. Wir hatten sie nachmittags kennengelernt und waren zu ihr eingeladen worden. Wir hatten ein sehr interessantes Gespräch und hätten beinahe die rechtzeitige Rückkehr zu unserm Quartier, das pünktlich um Mitternacht abgeschlossen wurde, verpasst. Wir sprachen auch über unsern Besuch im Kinderhort und über die sozialistische Erziehung in der DDR. Als einer von uns eine kritische Bemerkung machte, lachte sie und sagte: „Mir hat das nicht geschadet. Ich bin in einem Heim aufgewachsen. Wir wurden sehr streng erzogen und empfanden vieles als ungerecht. Weil es uns alle traf, – keine wurde bevorzugt, es ging wie bei den alten Preußen zu: Ordnung, Sauberkeit, Disziplin und die strikte Befolgung der Regeln, das stand an oberster Stelle -, da haben wir uns miteinander solidarisiert, eine verschworene Gemeinschaft gebildet – gegen unsere Erzieherinnen. Und wir haben, alle zusammen, so etwas wie passiven Widerstand geleistet, einen subtilen, keinen offenen. Das hatten die Erzieherinnen wohl noch nicht erlebt. Sie haben schließlich ihr Verhalten ändern müssen. Ich war damals dreizehn, vierzehn, fünfzehn.“

Sie hat dann studiert und ist Model geworden. Eine bildhübsche Frau. dst.

Von blog.de (26. 06. 2007) übernommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s