Tiefe Wurzeln – Eine Kurzgeschichte aus dem Jahre 1954 zum Reformationstag 2015

Ich habe gestern, am Reformationstag, lange überlegt, ob ich diese Geschichte hier wieder veröffentlichen soll. Dann habe ich mir gesagt: Man muss die Wurzeln, die gekappt werden sollen, zuerst einmal kennen und benennen. Man muss sie zeigen, auch wenn das als sehr peinlich empfunden wird. Die Geschichte erschien 1968 in der Zeitschrift Lynx. Ich habe sie damals bei Lesungen vorgetragen und damit heftige Diskussionen ausgelöst, besonders unter Theologiestudenten.

Zum Titel dieser Geschichte: Im Zweiten Weltkrieg wurde auf vielen Plakaten mit der Parole „VORSICHT! FEIND HÖRT MIT!“ vor Spionen gewarnt.

FEIND HÖRT MIT

Die Ursache der Geräusche, die durch den Fußboden heraufdrangen und mir den Schlaf verkürzten, war Alkohol. Es waren die Stimmen von Männern, Gesangvereinsstimmen, Bässe, Tenöre und ein Bariton. Stimmen, Getrampel und die dumpfe Resonanz einer Holzplatte, ich vermute: eines Tisches. Chor der letzten Goten, Wodansbrüder, Werwölfe mit aufgekrempelten Oberhemdsärmeln, Hosenträgern und Bäuchen. Die Nachtgesänge des Männerbunds Kümmel & Korn e.V. Auf der Stelle tretende Marschbeine, die Faust des Dirigenten und der Wind vor den Fenstern. Regen, herniederklatschende Schwaden aus schwarzem Himmel. Sie sangen in Mark und Bein dringende Texte. „Oh du schöner Westerwald! „ „SA marschiert.“ „ Denn wir fahren.“ „ Wildgänse rauschen.“
Ein harter Gegenstand durchschlug eine Glasscheibe und zersplitterte auf dem Hof. „Es zittern im Arsch die Knochen.“ Die Geräusche drangen nun an die Öffentlichkeit. „Panzer rollen.“ Es war fünfundzwanzig Uhr.

Ich öffnete das Fenster. „Führer befiehl!“ „Ah, da kommt der Fritz! Achtung! S-t-ill-ges-tanden!“ Ein Tenor. „Komm, trink einen!“ Kontrapunktische Bewegungen. Bässe, Bariton. „Bist doch auch einer von uns. Ach, mach dich nicht so. Wir halten schon dicht, Fritz.“ Cantus firmus. „Kannst dich drauf verlassen, hier ist keiner, der dich verrät.“ Tenor. „Solange du die Schnauze hältst. Hier, Herr Friedrichsen, das ist der Fritz! War damals im… Waren schon vierunddreißig… Sahst besser aus im schwarzen Tüch, Fritz. Wenn wir wieder dran sind, dann wirst Polizeichef. Hier ist der Mann, der für Ordnung sorgt! Du bist auch in Ordnung, Fritz. Hast deinen Schießprügel nich dabaiii? Naja, wenn für Ordnung sorgen musst. Guckst nach der nächsten Runde mal wieder aaain, nich?“ Die Tür zum Hof knallte auf.
Ein Glatzköpfiger kam heraus, auf Gummibeinen, stellte sich vor den knorrigen Stamm einer entblätterten, deutschen Eiche und spritzte sein Wasser an die Rinde. Er schwankte gegen den Baum, sein Kopf schlug gegen Holz, er stützte seinen schweren Körper auf eine Hand und schüttete seinen Mageninhalt auf die Wurzel, die wie ein Arm aus dem Stamm in die Erde hineinlangte. Er bog den Kopf in den Nacken zurück, sah herauf durch die kahlen Äste, redete. Er redete Unverständliches. Er sah mich nicht. Ich stand im Dunkeln auf nackten Füßen, in gestreiftem Pyjama. Seine Kopfhaut glänzte. Er torkelte durch den Schatten der Hauswand, fand die Tür, schlug sie hinter sich zu. Ich nahm den kristallenen Ascher vom Tisch und klopfte Zeichen durch den Fußboden hinunter:
…- — .-. … .. —- –
..-. . .. -. -..
…. —. .-. –
— .. —
„Still! Da klopft einer! Schnauze! Halt die Fresse, Karl!“ Der Lärm brach ab. Jetzt sang das Wasser. Geheul herniederklatschender Wolken.
Ich klopfte noch einmal:
…- — .-. … .. —- –
..-. . .. -. -..
…. —. .-. –
— .. –
„Das ist der Heilige Geist hahaha!“
„Mensch, halt die Fresse! Verunglimpfe uns nicht die Re-li-gi-on! Leute, nun hört mal zu!“
Der Tenor. „Jetzt spricht der Dokter!“
„Ich will euch mal was sagen: Christus…“
„Ruhe! Ja, Herr Dokter, Christus, was ist mit dem Christus?“
„Nun hört mal zu, Leute! Christus, das war der Mann, der durch die Juden starb. Schimpft nicht auf die Religion! Auch Gott hat die Juden verflucht. Und auch aus Martin Luther hat Gott gesprochen, als er sagte: Ein solch verzweifelt, durchböset, durchgiftet, durchteufelt Ding ists um diese Juden, so diese tausendvierhundert Jahr unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewest und noch sind. Summa haben wir rechte Teufel an ihnen.“ *
Ich knipste die Nachttischlampe an, schrieb, was des Doktors Gedächtnis reproduzierte – oder las er es ab? – schrieb die Anfänge dieser Sätze, denn mein Skizzenblock steckte im Koffer, auf ein Papiertaschentuch.
„Und er sagte…!“ Der Doktor begann nun zu schreien: „Es ist hie zu Wittenberg an unser Pfarrkirchen eine Sau in Stein gehauen; da liegen junge Ferkel und Juden unter, die saugen; hinter der Sau steht ein Rabbin, der hebt der Sau das rechte Bein empor, und mit seiner linken Hand zeucht er den Pirzel über sich, bückt sich und kuckt mit großem Fleiß der Sau unter dem Pirzel in den Talmud hinein, als wollt er etwas Scharfs und Sonderlichs lesen… Denn also redet man bei den Deutschen von einem, der große Klugheit fürgibt: Wo hat ers gelesen? Der Sau im, grob heraus, Hintern! Und er sagte: Dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke, und was nicht brennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien und solch öffentlich Lügen, Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen wissentlich nicht geduldet noch gewilligt haben.* Das hat Luther geschrieben. Das könnt ihr nachlesen in seinen Schriften, also! Und was haben wir gemacht mit den Juden? Wir haben Gottes Befehl ausgeführt, jawoll! Christus gerächt. Auch unser Führer war Gottes Werkzeug. Er wusste es nicht. Sonst hätte er die Kirche in Ruhe gelassen, und es gäbe keine Juden mehr auf der Welt und das Großdeutsche Reich wäre heute ein Weltreich und wir wären die Herren, jawoll! Es lebe der Führer und Martin Luther! Zur Ehre Gottes und Seines Sohnes Jesus Christus: hoch! hoch! hoch! hoch! Deutschland, Deutschland über ahalleeees…“
Ich knipste die Lampe aus, klopfte ein drittes Mal:
.- —- – ..- .- –.
.- —- – ..- .- –.
Der letzte Vers war aus ihren Kehlen heraus. Jetzt gossen sie Köm und Bier hinterher, denn sie gewährten ihrem Atem eine Pause. Es war still unter mir. Von oben herab sang das Wasser. Ich klopfte:
.- —- – ..- .- –.
…- — .-. … .. —- –
..-. . .. -. -. .
…. —. .-. –
— .. –
„Achtung!“ Der Bariton. „Achtung! und… Feind hört mit?… und… Vorsicht…. Feind hört mit! heißt das. Feind hört mit! Passt auf, gleich morst der wieder! Wirt, wer is das da oben?“
„Ein Fremder. Um die Dreißig herum. Aus Schweden. Ein Herr.“
„Deutscher?“
„Dem Namen nach ja.“
Stimmen im Korridor, unter der Treppe: „Bist du verrückt? Jens, mach keinen Quatsch!“
Ich schloss die Tür ab, hängte mich halb aus dem Fenstern heraus und sah, dass ich notfalls am Regenrohr hinunterklettern konnte.
„Mann, bleib hier! Mach keinen Quatsch! Es ist besser…“
„Ja, der Wirt hat Recht, nich, Herr Dokter? Kann man das oben, ich
meine…?“
Ich schloss das Fenster, kroch unter die Bettdecke und hörte den Wind.
———
* Luther-Zitate: Erlanger Ausgabe XXXII. 233 ff., 242
[Aus: Dietrich Stahlbaum: Der kleine Mann. Geschichten, Satiren, Reportagen aus sechs Jahrzehnten. Ein Lesebuch. Recklinghausen 2005. Die Printausgabe ist vergriffen. Jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_title-de-dietrich-stahlbaum-der-kleine-mann ]

Ein Gedanke zu “Tiefe Wurzeln – Eine Kurzgeschichte aus dem Jahre 1954 zum Reformationstag 2015

  1. Den Reformationstag feiern? Luther hat die Bauern verraten und sich auf die Seite der Fürsten geschlagen, er hat die freiwillige Unterwerfung unter die weltliche Obrigkeit gefordert und auf schlimmste Weise die Juden verhöhnt. Mit seinen „Judenschriften“ lieferte er die theologische Begründung für die Verfolgung der Juden und 470 Jahre später für den Holocaust.
    Wissen sollte man auch, dass Luther die Willensfreiheit bestritt und einen theologisch begründeten Determinismus vertrat („Gott lenkt…“), während der Humanist Erasmus von Rotterdam die Willensfreiheit aus theologischen und ethischen Gründen für unerlässlich hielt. Ein Streitpunkt zwischen beiden.
    Heute sieht man das – nach Erkenntnissen der Hirnforschung und der Tiefenpsychologie – relativ.

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