Einstein, Zionismus, religiöser Glaube und wissenschaftliche Theorie

Replik auf „Echsenwuts“ Kommentar vom 11. 10. 2012:

Auch Wissenschaftler, sogar „höchstrangige Forscher“ („Echsenwut“) können irrige Auffassungen haben, nicht nur außerhalb ihres Fachs. Dies beweist, dass es den vollkommenen Menschen nicht gibt, es sei denn als anzustrebendes Ideal. Ist unsere Unvollkommenheit nicht geradezu das Menschliche, Allzumenschliche (Nietzsche) an uns? Warum sollte da ein Genie wie Einstein eine Ausnahme sein? Er hat sich bis zuletzt zum Zionismus bekannt und eine „jüdische Einwanderung in Palästina in den praktisch in Betracht kommenden Grenzen“ “ohne Benachteiligung der Araber in Palästina“ für möglich gehalten. Mit „in den praktisch in Betracht kommenden Grenzen“ sind die 1947 von der UN-Generalversammlung bestimmten Gebiete gemeint (UN-Teilungsplan, der einen jüdischen und einen arabischen Staat in Palästina vorsah.)

Wie irrealistisch das war, hat bereits 1948 ein jüdischer Philosoph und Politiker, der aus Deutschland nach London emigriert war und Einstein persönlich gekannt hat, erkannt: Kurt Hiller. Darauf habe ich in Leserbriefen hingewiesen.
Hiller war 1955 nach Deutschland zurückgekehrt und lebte bis zu seinem Tod 1972 in Hamburg. Ich habe mit ihm korrespondiert und ihn einmal besucht.

Ein anderer, ebenfalls aus Deutschland stammender jüdischer Politiker, der als Kind mit seinen Eltern aus Beckum, Münsterland, nach Israel ausgewandert und zehn Jahre lang Abgeordneter der Knesset war, setzt sich seit 1948 für ein „Israel ohne Zionismus“ ein: Uri Avnery. −

Ich finde, man hilft keinem Menschen, nicht einmal sich selber, wenn man wütend aufeinander losgeht. Es gibt da ein Buch von einem buddhistischen Dichter *  mit dem schönen Titel «Umarme deine Wut»!

Zu Einsteins Gottesbegriff und seinem Urteil über die Bibel: Er war Pantheist wie Goethe, der übrigens im West-östlichen Divan eine Brücke zum Orient geschlagen hat.
Goethe hat sich zur Bibel ähnlich wie Einstein geäußert.

Nach 300 Jahren Aufklärung, mit einer seit Einstein neuen Physik, einer seit Darwin neuen Biologie, einer seit Freud neuen Psychologie und daraus folgernd mit einer ganzheitlichen Philosophie kann man Religionen, besonders die monotheistischen, eigentlich nur noch kritisch betrachten. Dabei ist es schwierig, religiöse Gefühle nicht zu verletzen. Religionen sind irrational. Sie haben ihren Ursprung in unserer Gefühlswelt, während Wissenschaften rational begründet sind. Dennoch verdienen religiös gläubige Menschen denselben Respekt wie Wissenschaftler, die auf Hypothesen und Theorien bauen. Das schließt sachliche Kritik an Glaubensinhalten, Hypothesen, Theorien nicht aus.

Schon vor 2700 Jahren warnte der Buddha vor Leichtgläubigkeit:

„Es ist gut, Zweifel zu haben. Glaubt nicht an etwas, weil die Menschen viel darüber reden, oder weil es schon immer so war, oder weil es so in den Schriften steht. (…) Achtet darauf, ob es eurem Urteil widerspricht, ob es schädlich sein kann, ob es durch weise Menschen verurteilt wird, und vor alledem, ob es in der Praxis Zerstörung und Schmerz verursacht. (…) Alles, was ihr als schön betrachtet, was mit eurem Urteil übereinstimmt, was durch weise Menschen anerkannt wird und was im praktischen Leben Freude und Glück bringt, könnt ihr akzeptieren und ausüben.“

(Kalama-Sutra nach Thich Nhât Hanh, Einssein, S.40)

Erinnert dies nicht an den Wahlspruch der Aufklärung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (I. Kant)

Der vietnamesische Mönch, Dichter und Philosoph Thich Nhât Hanh hat aus den Lehrreden und Dialogen des Buddha für den von ihm gegründeten Tiêp-Hiên-Orden vierzehn Lebensregeln zusammengestellt, die als Essenz buddhistischer Ethik gelten können:

VIERZEHN TORE ZUM BUDDHISMUS

Hieraus die ERSTE REGEL:
«Schaffe dir keine Götzen in Form
von Lehrmeinungen, Theorien
oder Ideologien, einschließlich
der buddhistischen, und hänge
diesen nicht an. Buddhistische
Denksysteme sind Hilfsmittel zur
Orientierung und keine absoluten
Wahrheiten.»

Es ist also „gut, Zweifel zu haben“.

* Thich Nhât Hanh

Von blog.de (16. 10. 2012) übernommen.

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