„Entartete Kultur“

„Dort, wo die Kultur von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.“ Zitat Ende.
Schlimm genug diese Wortentgleisung eines erzkonservativen, katholischen Bischofs, eines Erzbischofs in einem Festgottesdienst in einem Dom im Jahre 2007.

Mindestens ebenso schlimm ist die damit verbundene Diffamierung aller Nichtgläubigen, der Atheisten resp. der Agnostiker, besonders der Kultur schaffenden. Hierzu gehörten auch die Pantheisten Giordano Bruno, Spinoza, Goethe *, die Philosophen Diderot, Kant, Feuerbach, Nietzsche, Schopenhauer, Camus, Jaspers, Russel, Sartre, Bloch, sowie Sigmund Freud und schon vor 2500 Jahren Siddhartha Gautama Buddha.

S. a. Seite RELIGIONEN im » ZEITFRAGENFORUM I →  http://www.dietrichstahlbaum.de

——

* Goethe hat alles Übernatürliche abgelehnt, ebenso den Glauben an einen persönlichen Gott:

»Ich halte mich fest und fester an die Gottesverehrung des „Atheisten“ [Spinoza, dst.] und überlasse euch alles, was Ihr Religion heißt und heißen müsst. Wenn Du sagst, man könne an Gott nur glauben, dann sage ich Dir, ich halte viel aufs Schauen…«

[Brief an Jakobi, 5.5.1786]

Er hielt sich an díe Naturgesetze, an das Diesseits, er glaubte an die »Wahrheit der fünf Sinne«, wie er am 24.9.1779 an Lavater schrieb. Den besten Beweis für seinen Agnostizismus bietet sein »Faust«, in dem er nahezu alle metaphysischen Absurditäten des Bibelglaubens auf der Bühne auftreten lässt. Es geht hier nicht allein um das Adjektiv „entartet“.

Meisner hätte einen anderen Begriff verwenden können, um alle Kunst, alle Kultur, die seinem Gottesglauben nicht entspricht, zu verketzern, damit auch die Menschen, die Kunst, die Kultur geschaffen haben. Das ist die Quintessens seiner ganzen Rede. Dies zum Vorwurf, das Zitat sei willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen worden, wie da und dort behauptet worden ist.

Zwar handelt die Rede von Künstlern und ihren Werken, hier nachzulesen →  http://kath.net/detail.php?id=17733 , sie gipfelt jedoch in einer – generalisierenden – Schlussfolgerung, nämlich: „Dort, wo die Kultur von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet.“

»Kultur« umfasst weit mehr als Kunst. Die christliche Kultur mit ihren Sonnen- und Schattenseiten ist ein Teil der Gesamtkultur, der Menschheitskultur. Einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Entwicklung haben die Denker und Dichter der Aufklärung beigetragen, die Atheisten, die Agnostiker, die Nichtgläubigen. Der erste von ihnen war der (historische) Buddha.

Ich weiß nicht, ob Meisner in seiner orthodoxen Glaubenswelt derart gefangen ist, dass er darüber hinaus gar nicht denken kann. Deshalb lasse ich die Frage offen, ob eine Diffamierung der Nichtgläubigen beabsichtigt war oder nicht gewollt.

In meinem „Lesebuch“ Der kleine Mann. Geschichten, Satiren, Reportagen aus sechs Jahrzehnten [Recklinghausen 2005] hält ein junger Mönch eine Rede, die von Meisner stammen könnte: Empfang der Lehrlinge Gottes in einem Kloster. (1967)

Nicht die Nazis haben den Begriff „Entartete Kunst“ erfunden, sondern:

»Entartete Kunst ist ein Ende des 19ten Jahrhunderts fachfremd von der Medizin in die Kunst – ursprünglich von dem Mediziner und Kulturkritiker Max Nordau – übertragener Begriff, der bis 1945 von den Nationalsozialisten weit verbreitet wurde und in abwertender Weise besonders die moderne Kunst treffen sollte, die sich nicht in das Kunstverständnis der nationalsozialistischen Ideologie einfügte. Als Verfallserscheinung der kulturellen Lebenskraft wurden auch Pessimismus und Pazifismus stigmatisiert und auch andere Ansätze der vermeintlichen „Entartung“, also auch pseudowissenschaftlich so als „artfremde“ bezeichnete Einflüsse sowie vorgeblich unsittliche und abnorme Abweichungen vom Art- und Rassenbegriff. Als „entartet“ wurden Werke des Expressionismus und der abstrakten Kunst durch Gegenüberstellung mit pathologischen Erscheinungen diffamiert…«

Weiter →   http://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Kunst

»Max Nordau (* 29. Juli 1849 als Simon Maximilian Südfeld in Pest; † 23. Januar 1923 in Paris) war Arzt, Schriftsteller, Politiker und Mitbegründer der Zionistischen Weltorganisation…«

Mehr unter →   http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Nordau

[Quelle: Wikipedia]

Entartete Kunst ist durch die Nazis ein stehender Begriff geworden, der auch in anderen Ländern in Deutsch verwendet wird. Es klebt viel Blut an ihm. Er sollte, wenn er nicht auf die NS-Kulturpolitik bezogen wird, für uns tabu sein. Dasselbe gilt für Entartete Kultur. Das eigentliche Skandalon ist jedoch, dass Meisner in seiner Rechtgläubigkeit allen Nichtgläubigen und Aufklärern jeglichen Humanismus abspricht, nicht offen, aber implizite. dst.

Von blog.de (16. 09. 2007) übernommen.

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