Fremdwörter 4/5: Ein „E-Brief“

Vor ein paar Tagen landete in meiner Mailbox – pardon! …in meinem elektronischen Briefkasten ein „E-Brief“. Absender war ein Verleger. Beim Googeln, nämlich bei der Suche in der nach dieser Tätigkeit benannten Maschine stellte sich heraus: Dieser „E-Brief“ kam aus dem rechten Lager.
[Maschine von machine oder machina? »Deus ex machina«: der Gott aus der (Theater-)Maschine, eine Metapher, die schon Platon (427-347 v. u. Zr.) angewendet haben soll, allerdings nicht, wie hier, auf lateinisch.]

Der Absender des „E-Briefes“, ein ehemaliger Funktionär der Jungen Nationaldemokraten (JN), Mitbegründer der „Grünen Zelle Koblenz“, Ende der 80er Jahre Kreisvorsitzender der Republikaner, verlegt heute unter dem stets wachsamen Auge des Verfassungsschutzes nicht Literatur, sondern „deutsches Schrifttum“ und „deutsches Brauchtum“.

Zu ersterem gehören die Erinnerungen des letzten Reichsjugendführers der Hitlerjugend, Arthur Axmann, der sich sicherlich bemüht hat, deutsch zu schreiben. [Axmann hatte 1940 den Reichsjugenddichter Baldur von Schirach abgelöst. Er war wohl der einzige Naziführer, der nicht den rechten Arm zum (Hitler-) Gruß ausstreckte, sondern den linken. Den rechten hatte er gleich zu Beginn des 2. Weltkriegs verloren. Ich habe damals als Pimpf, später als „Hitlerjunge“ beide erlebt und – verehrt. Erst der Nürnberger Prozess öffnete mir die Augen.]

Zurück zur Sprache: Heute besorgen die Linguisten unter den Ewig-Gestrigen die Reinerhaltung der deutschen Sprache und bekämpfen damit die „Überfremdung unserer Kultur“. Schon zu Hitlers und des Goebbels Zeiten besann man sich seiner germanischen Herkunft und dichtete im Stil der Edda wie beispielsweise Baldur von Schirach und Agnes Miegel (Namensgeberin der Schule, in der mir Germanentum und deutsches Deutsch eingebläut worden ist).

Ich kann mich nicht an die Wörter erinnern, die ausgemerzt und durch „urdeutsche“ oder neu erfundene, zum Teil recht kuriose ersetzt worden sind. Ich habe die vormals gebräuchlichen Wörter ja nicht gekannt und erst später davon erfahren.

Karl Kraus damals, als diese sonderbaren „Germanisten“ sich auch unserer Muttersprache bemächtigten und daraus eine Vatersprache machten: Es ist «schon fast eine körperliche Pein, den postalischen Terminus Adresse  (…) zu Anschrift  eingedeutscht zu sehen.» [In: Die Sprache, 1969, S.11]

In Vertriebenenblättern kann man noch heute den „Schriftleiter“ finden, der im Impressum den Platz eines Redakteurs eingenommen hat. Und wer weiter sucht, wird darin sicherlich keine Autoren finden, sondern Schriftsteller.

Trotzdem noch einmal K. K.: «Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste.» [In: Karl Kraus: Die Sprache, Auswahl, Wiesbaden 1959, S.5]

Und da sich nichts daran geändert hat, sind wir wieder in der Gegenwart angelangt, bei der heutigen Sprachverhunzung.
Anglizismen, die gedankenlos gebraucht oder für Werbezwecke missbraucht werden, sind keine Bereicherung unserer Sprache. Dadurch verflacht unsere Sprachkultur, und jedes Sprachgefühl geht dabei verloren, so, wie durch Fast-Food, zu Deutsch Schnellkost, die Esskultur.

Von blog.de (15. 05. 2006) übernommen.

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