Fremdwörter 3/5: Deutsche Sprachkritik

Die «Stiftung deutsche Sprache» ( → http://www.stiftung-deutsche-sprache.de/wdm.php ) will die vielen Anglizismen durch deutsche Wörter ersetzen. Deshalb bittet sie um Vorschläge. Heute ist es der Begriff «BRAINSTORMING», den es schon Jahrzehnte vor der Erfindung des Wortes Denglish gab. Ein Rückblick auf deutsche Sprachkritik:

Ueber Sprache und Worte

„Bisweilen fehlt in einer Sprache das Wort für einen Begriff, während es sich in den meisten, wohl gar in allen andern findet: ein höchst skandalöses Beispiel hievon liefert im Französischen der Mangel des Verbi „stehn“. Für einige Begriffe wiederum findet sich bloß in e i n e r Sprache das Wort, welches alsdann in die andern übergeht: so das lateinische „Affekt“, das französische „naiv“. das englische confortable, disappointment, gentleman und viele andere. Bisweilen auch drückt eine fremde Sprache einen Begriff mit einer Nüance aus, welche unsere eigene ihm nicht giebt und mit der wir ihn jetzt gerade denken: dann wird Jeder, dem es um einen genauen Ausdruck seiner Gedanken zu thun ist, das Fremdwort gebrauchen, ohne sich an das Gebelle pedantischer Puristen zu kehren. (…)“

Arthur Schopenhauer (1788-1860): aus Parerga und Paralipomena in: Sämtliche Werke, Wiesbaden 1966, S.602

Karl Kraus: Hier wird deutsch gespuckt

„Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos…. Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches künstliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll.“  Goethe

„Wenn die Herren die große Zeit, anstatt sie mit Sprachreinigung zu vertun, lieber darauf verwenden wollten, ihren Mund zu reinigen, so wären die Voraussetzungen für eine spätere internationale Verständigung vielleicht gegeben. Gewiß, man muß Fremdwörter nicht gerade dort gebrauchen, wo es nicht notwendig ist, und man muß nicht unbedingt von Kretins sprechen, wo man es mit Trotteln zu tun hat. Aber das eine sei ihnen doch gesagt: daß ein Fremdwort auch einen Geschmack hat und sich seinerseits auch nicht in jedem Mund wie zu Hause fühlt. Freilich bin ich ja nicht kompetent, weil ich mit der Sprache nur eine unerlaubte Beziehung unterhalte und sie mir nicht als Mädchen für alles dient. Aber ich habe auch bloß den Schutz jenes Sprachgebrauchs im Sinn, den die Leute für die Sprache halten. Mehr ihnen zu sagen, wäre vom Übel. Sie verstehen ihre eigene Sprache nicht, und so würden sie es auch nicht verstehen, wenn man ihnen verriete, daß das beste Deutsch aus lauter Fremdwörtern zusammengesetzt sein könnte, weil nämlich der Sprache nichts gleichgültiger sein kann als das »Material«, aus dem sie schafft. (…)

An die Anschrift der Sprachreiniger

Die Literarhistoriker, die den Deutschen ihr Sprich deutsch!  zurufen, haben, da sie selbst nicht imstande sind, diese Forderung zu erfüllen, auch keine Ahnung, daß sie die andern damit nur bestärken, undeutsch zu sprechen. Denn sie wollen sie bloß vom wohltätigen Gebrauch der Fremdwörter abhalten, der doch allein die deutsche Sprache davor bewahren kann, verhunzt zu werden. Anstatt sich an den unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache zu versündigen, ist es hundertmal besser, sich der einfacheren Formen einer fremden zu bedienen. Je mehr Fremdwörter jene gebrauchen, die nie deutsch lernen werden, desto besser. Denn daß sie es eher erlernen würden, wenn ihnen der Gebrauch der Fremdwörter verboten wäre, ist doch eine ausgemachte Dummheit. Wer deutsch kann, hat auch zwischen Fremdwörtern Spielraum, es zu können, und wer es nicht kann, richtet nur im weiteren Gebiet Schaden an. »Sprich deutsch!« ist leicht geraten. Wer kein Fremdwort gebraucht, hat darum noch lange nicht gelernt, der Forderung des Professors Engel zu entsprechen, selbst wenn dieser von der Leistung befriedigt wäre.
Die Fremdwort-Jäger sind allen Ernstes der Meinung, daß sie es in jedem Wortdickicht, in jedem Wortgedicht erlegen können. (…)“

Karl Kraus (1874-1936): Die Sprache, München 1969, S.9 und 11

Die Erstausgabe dieses Buches erschien 1937. Die Kritik richtet sich demnach gegen die Sprach“hygienik“ der Nazis und ihrer Vorgänger.

Von blog.de (15. 05. 2006) übernommen.

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