„SPD schafft Unterschicht ab“…

…verkündete gestern eine Schlagzeile auf Google`s Nachrichtenportal. Und ich wollte dies schon durch zwei weitere Worte ergänzen: „Die SPD schafft die neue Unterschicht wieder ab.“ Dann kam ich dahinter, dass alles nur eine Frage der Definition ist. Die Klassengesellschaft gibt es nicht mehr. Auch diese hat die SPD abgeschafft, lange, bevor Schröder kam: als er noch Juso-Chef war. Dafür hat er dann als Kanzler die neue… Nein, hat er nicht. Es ist eben alles nur eine Frage der Definition. Und darüber kann man trefflich streiten. In der SPD. In der Koalition. Vor den Ohren und Augen der Menschen, um die es hier geht.

Für sie gibt es auch schon einen Begriff: „Prekariat“. Abgeleitet von prekär: misslich, schwierig, bedenklich, peinlich, unangenehm, heikel. Gemeint sind Menschen in prekärer Lage, Langzeitarbeitslose, Geringqualifizierte, Ungelernte, Menschen mit größter beruflicher und finanzieller Unsicherheit, daher „Protestwähler“. Und Nichtwähler.
Nur eine Frage der Definition? Soziologen wollen es differenzierter haben als Politiker. Sie betrachten es aus der Distanz und arbeiten gern mit Begriffen, die kein Nichtsoziologe versteht.
Für Politiker hingegen gibt es weder zeitliche noch räumliche Distanz. Sie müssen schnelle Entschlüsse fassen und handeln, bevor es andere tun, Kollegen, Kolleginnen anderer Parteien oder RivalInnen in der eigenen Partei. Deshalb verwenden sie Begriffe oft als Schlagwerkzeuge. Die zum Bumerang werden können.

Genug der Umschweife. Zunächst ein Interview:

„Der Begriff Unterschicht ist diskriminierend und falsch“

Armut ist in Deutschland vielschichtiger, als dass man sie mit dem Begriff Unterschicht hinreichend beschreiben kann, meint der Sozialexperte Ulrich Schneider. Armut hat für ihn vielfältige Ursachen.

Frankfurter Rundschau: Was halten Sie davon, dass die SPD jetzt mit dem Begriff Unterschicht politisch hantiert?
Ulrich Schneider *: Der Begriff ist außerordentlich diskriminierend. Die Analyse, die dahintersteckt, ist außerdem falsch. Ich kann allen nur raten, sich von diesem Begriff schnell wieder zu verabschieden.
Warum ist der Begriff diskriminierend?
Das Wort Unterschicht unterstellt, dass es sich dabei um eine sehr homogene Gruppe handelt, die sich eigene kulturelle Werte geschaffen, eine Parallelwelt errichtet hat und sich damit abgrenzt von einer Mittel- und einer Oberschicht. Das ist aber nicht so. Zudem entsteht der Eindruck, dass man diesen Menschen nur sehr schwer helfen kann, weil sie sich nicht helfen lassen wollen.
Welchen Begriff würden Sie wählen?
Ich würde Armutsbevölkerung sagen. Sie ist so facettenreich, wie noch nie in der
Bundesrepublik. (…)

* Ulrich Schneider ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands.

[Frankfurter Rundschau vom 17.10.06]

Noch ein Interview:

WDR.de: Immer wieder werden auch Zahlen zitiert, dass laut Ihrer Studie 20 Prozent der Ostdeutschen und vier Prozent der Westdeutschen zu einer Art neuen gesellschaftlichen „Unterschicht“ zu zählen seien. Wie ist das einzuordnen?
Frank Dietrich Karl *: Ich habe keine Ahnung, woher diese angeblich aus unserer Studie stammenden Zahlen herkommen. Aus unserer Studie auf jeden Fall nicht, da wir nicht zwischen alten und neuen Bundesländern differenziert haben. In unserer Studie ist eine Gruppe aufgeführt, die wir das „Prekariat“ genannt haben. Das Wort „Unterschicht“ kommt in unserer Untersuchung übrigens überhaupt nicht vor.
[* Frank Dietrich Karl ist Studienleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn, bei der die „Unterschichten“-Studie entstanden ist.]

Nun zu den Soziologen:

Wundersame Entdeckung der neuen Unterschichten
Drinnen oder draußen

VON HARRY NUTT

Das Überraschendste ist die Intensität, mit der die soziale Gestalt der „neuen Unterschichten“ zuletzt auf der politischen Agenda erschien. Im Vorgriff auf eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hatte der SPD-Vorsitzende Kurt Beck die auffällige Aufstiegsverweigerung eines breiten sozialen Milieus moniert und dieses der Einfachheit halber als neue Unterschicht klassifiziert. Und? Wer hat’s erfunden?
Semantisch ist man ganz nah bei Harald Schmidt, der das so genannte Unterschichtenfernsehen als ironischen Kampfbegriff im kulturellen Feld populär gemacht hatte. Bereits Anfang der 90er Jahre hatte der Berliner Schriftsteller und Essayist Michael Rutschky nüchtern notiert, dass das Privatfernsehen den bildungsbürgerlichen Adressaten demonstrativ den Rücken zukehrte. Das „Unterschichtenfernsehen“ befriedigte auf schrille Weise und in zahlreichen Sendeformaten die Selbstdarstellungsbedürfnisse einer bis dahin eher ausgeblendeten Sprecherschicht, die nicht vor peinlichen Grenzübertritten und gezielten Schamlosigkeiten zurückschreckte. Die Eroberung des Fernsehens durch bis dahin kaum repräsentierte Schichten ist insofern bemerkenswert, weil diese nicht in Bezug auf ein Armuts- oder Abstiegsproblem thematisiert wurden, sondern als kulturelles Phänomen inszeniert wurden und sich nicht selten als solches feierten (…)

Nicht nur die Schere zwischen Armen und Reichen habe sich geöffnet, schreiben Heinz Bude und Andreas Willisch in ihrem gerade erschienenen Band Das Problem der Exklusion. Es habe auch den Anschein, dass eine wachsende Gruppe von Leuten den Anschluss an den Mainstream unserer Gesellschaft verliere. „Die Leute, die man in den Billigmärkten für Lebensmittel trifft, wirken abgekämpft vom täglichen Überlebenskampf, ohne Kraft, sich umeinander zu kümmern oder aufeinander zu achten, und lassen gleichwohl kein Anzeichen von Beschwerdeführung oder Aufbegehren erkennen. Die Jugendlichen hängen rum und träumen vom schnellen Geld in der Drogenökonomie, die Männer mittleren Alters haben sich in die Häuser und Wohnungen zurückgezogen, und die Frauen mit den kleinen Kindern sehen mit Mitte zwanzig schon so aus, als hätten sie vom Leben nichts mehr zu erwarten.“ (…)

[Frankfurter Rundschau vom 17.10.06]

Von blog.de (17. 10. 2006) übernommen.

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