Ein Militärpfarrer

In Frankreich ist 1905 die Trennung von Kirche und Staat gesetzlich verankert und konsequent durchgeführt worden. Die Französische Republik ist demnach ein laizistischer Staat. Trotzdem bedient sich dieser Staat der Kirche. Das haben wir selber erfahren, ein Freund und ich:

Ein Militärpfarrer

Indochinakrieg, 1953

Soldauszahlung in Dien Bien Phu (Nordvietnam) 1953. Dritter von links sitzend der Autor.
Soldauszahlung in Dien Bien Phu (Nordvietnam). Dezember 1953. Dritter von links sitzend der Autor.

Fünfzehn Tage lang an der Spitze der Vorhut, war Miros jeden Augenblick darauf gefasst, auf eine Mine zu treten, oder, als wir den Dschungel durchquerten, in eine Fallgrube zu stürzen und aufgespießt zu werden. Er weigerte sich, wie sonst üblich, diesen gefährlichen Job abwechselnd anderen zu überlassen.
„Hier kann ich wenigstens nicht in einen Hinterhalt geraten“, sagte er nicht ohne Ironie. „Du in der Mitte, beim Stab, bist viel mehr gefährdet als ich da vorn. Und ich habe sogar einen geistlichen Beistand. Der Pfarrer war ein paar Mal vorn bei mir, um, wie er sagte, nach dem Rechten zu sehen. Ein Geistlicher müsse überall präsent sein. Ich habe ihn gefragt, ob es nicht genüge, dass der liebe Gott allgegenwärtig ist. Le bon Dieu, habe ich gesagt.“
„Der gute Gott.“
„Ja. Der Pfarrer hat meine Ironie nicht bemerkt, vielleicht auch nicht bemerken wollen, denn er hat darauf geantwortet: Die meisten von euch wissen das nicht oder denken nicht daran, und ich muss bezeugen, dass niemand vor ihm verloren ist.
Ja was meinst du, was ich dann gesehen habe? Wir machten gerade Pause, und der Pfarrer ging pinkeln. Er öffnete seine Jacke und schob sie weit nach hinten, damit sie nicht bepinkelt werden konnte, und was kam da zum Vorschein? Eine Pistole. Er trägt sie an einem Halfter unter seiner Jacke. Ich habe ihn darauf angesprochen: Sie tragen eine Waffe, Herr Pfarrer?! habe ich erstaunt gesagt. Zuerst schien er überrascht, ich weiß nicht, ob darüber, dass ich es gesehen habe, oder über meine Frage. Dann lächelte er wie gesalbt und sagte: Du bist wohl noch nicht lange in Indochina. Die Viets, diese gottlosen Kommunisten, verstehen keine andere Sprache…
…als die der Waffen.
Ja. Wir sind hier, um dieses Land von ihnen zu befreien. Sie sollten es wissen, Caporal!
Und das ist auch Ihre Aufgabe, Herr Pfarrer?
Unsere, Caporal! Es ist unsere Mission.
Am Ende der Kreuzzüge war alles verloren, Herr Pfarrer, habe ich zu ihm gesagt.

Auf einmal hatte er es sehr eilig, zu verschwinden. Seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen.“
„Was soll man dazu sagen, Miros? Ich weiß es nicht. Für dich kann ich nur hoffen, dass der Pfarrer deine defaitistischen Bemerkungen als ein Beichtgeheimnis hütet. Sonst machen sie dir die Hölle heiß.“
„E r hat etwas zu verbergen, nicht ich, Renard.“

[Aus meinem zeitdokumentarischen Roman Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht,  Aachen 2000, S. 137]

Die Printausgabe ist vergriffen. Der Roman kann jetzt als eBook auf Ihren Computer oder ein Lesegerät hier heruntergeladen werden.
http://www.bookrix.de/_title-de-dietrich-stahlbaum-der-ritt-auf-dem-ochsen-oder-auch-moskitos-toeten-wir-nicht

Mehr über den Roman: Vita, Leseproben, Rezensionen, Interviews und Fotoserien auf meiner Homepage → http://www.dietrichstahlbaum.de

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