Kindesmisshandlung als gesellschaftliches Problem

Als ich diesen Beitrag schrieb, waren die sexuellen Vergehen zölibatärer und nicht zölibatärer Kirchenmänner, Heim- und Herbergsväter, Internatsleiter, Lehrer und anderer mit der Betreuung und „Erziehung“ von Kindern und Jugendlichen betrauten Personen noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Das ist ein Kapitel für sich. Denn diese Taten sind meistens Folgen einer repressiven Sexualmoral. Triebunterdrückung und –verdrängung (anstatt -sublimierung) können aber auch zu anderen Formen der Kindesmisshandlung führen, zum Beispiel, wie sich gezeigt hat, bei Nonnen.
Inwieweit menschliches Verhalten und Fehlverhalten genetisch bedingt, also vorprogrammiert ist und inwieweit Erlebnisse und Erfahrungen einen Menschen tiefgreifend verändern können, also verhaltensprägend sind, wird sich kaum nachweisen lassen.

Kindesmisshandlung ist mit Sicherheit keinem genetischen Determinismus zuzuschreiben. Motive und (äußere) Ursachen sind komplexer, als zumeist angenommen wird.
Kindesmisshandlung ist auch kein Schichtenproblem.

Aber es gibt einen Unterschied, einen sichtbaren und einen – meistens – verborgenen: Physische Gewalt, also körperliche Misshandlung – dazu zählt die Vernachlässigung – gibt es am häufigsten in den sozial benachteiligten Unterschichten. Ursachen sind, wenn nicht wirkliche Armut und tiefes Elend, das Leiden am niederen Lebensstandard in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem ein unerbittlicher Konkurrenzkampf, soziale Kälte und der »Konsumismus« (Maria Mies) herrscht.

Ferner: Ehe-/Partnerschaftsprobleme der Eltern, Arbeitslosigkeit oder die Härte der Arbeitsbedingungen und, dementsprechend, raue Umgangsformen, weil eine verbale, eine sprachliche Kommunikationsfähigkeit nicht entwickelt werden konnte.

Es gibt sie noch: die schwere körperliche Arbeit; sie blockiert intellektuelle und kulturelle Lernprozesse. Und die ständige Überforderung am Fließband. Generationen von Arbeitern und ihren Familien sind davon geprägt, auch Familien, denen der Aufstieg in den Mittelstand gelungen ist.
(Der Vater schlug den Sohn und oder auch seine Frau, um seine Aggressionen gegen die großen und kleinen „Bosse“, die ihn unterdrückt, gedemütigt und ausgebeutet haben, abzureagieren. Der Sohn, leitender Angestellter, Arzt, Geschäftsmann, lässt seine Kinder das erleiden, was er selber erlitten hat. Ein Strafbedürfnis. Das Kindheitsmilieu gibt einen nicht einfach frei. Folge: regressives Verhalten.)

Körperliche Züchtigung, üblich noch in meiner Kindheit. Gewalt, von Generation zu Generation „weitergegeben“ – in allen Schichten! Der Rohrstock in der Schule, neben dem Spucknapf. In der Volksschule. Da habe auch ich Prügel bezogen, zwischen 1932-38. Solch ein Kindesmissbrauch war damals gang und gebe und gehörte einfach zur Erziehung. Die Schule als Paukanstalt für sadistische Lehrer!

Die andere Art der Kindesmisshandlung ist die psychische. Sie hinterlässt kaum sichtbare Spuren, ist aber mindestens ebenso grausam wie physische Gewalt. Sie beginnt bei permanenter Overprotektion (Selbständigkeit verhindernde, Angst induzierende Überbehütung) und endet beim Psychoterror.

Nur der geschulte Blick kann die bleibenden Schäden dieses Missbrauchs elterlicher und pädagogischer Autorität erkennen, z. B. an der Körperhaltung, am Gesichtsausdruck und an der Sprache des betroffenen Kindes.

Auch die psychische Misshandlung kann dieselben Folgen haben wie die physische: Neurosen, Neurosen, Psychosen, Depressionen, Schuldgefühle, Angst- und Schmerzzustände, neurovegetative Störungen, Herzbeschwerden, Rheumatismus, Immunschwäche, Krebs, Drogen- und Medikamentensucht, Alkoholismus, Selbstverstümmelung und Suizid; Masochismus, Sadismus, Mordsucht, Missbrauch eigener und fremder Kinder u. v. m.

Keinen geringeren Schaden verursacht subtile Gewalt, wie sie besonders von Intellektuellen gegen Kinder und PartnerInnen angewendet wird.

Individuelle Gewalt. Dieser Hydra Kopf für Kopf abschlagen? Schärfere Gesetze, härtere Strafen, Überwachungsmaßnahmen? Das wird nichts nützen. Sie wachsen nach, die Köpfe. Not-wendig ist eine Sensibilisierung unserer Gesellschaft. Und vor allem: Aufklärung! Aufklärung! Aufklärung! Deutlich machen, woher diese Gewalt kommt und dass wir sie eindämmen können, wenn wir die sozialen Verhältnisse ändern, die Gesellschaft ändern, mitsamt uns selber!
Aufgabe der Politik ist es, die strukturellen und personellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Mensch mit sich und seinen Mitmenschen in Frieden leben kann.

Von blog.de (04. 04. 2010) übernommen.

Siehe auch nächsten Beitrag!

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