Kinder und Eltern – Wer erzieht wen?

Auf dem Schulbauernhof in Recklinghausen
Auf dem Schulbauernhof in Recklinghausen

Ohne Regeln geht es nicht. Zu fragen ist, wer sie aufstellt, worauf sie sich beziehen, was sie beinhalten, ob sie empfohlen oder befohlen, rational begründet oder ohne Begründung oktroyiert werden.
Kinder lernen durch Anleitung, Nachahmung und eigene Erfahrung. Mein Enkelsohn ist – nach seiner Auskunft – „halbvier Jahre“ alt. Er hat einen für sein Alter überdurchschnittlich großen Wortschatz und hatte bereits als Zweieinhalbjähriger sein Wahrnehmungs- und Denkvermögen so weit entwickelt, dass wir uns über alle möglichen konkreten Alltagsdinge und über abstrakte Fragen unterhalten konnten. Er selber berichtet, erzählt, fragt, antwortet und erinnert sich an alles, was er gesehen, gehört, erlebt hat.

Man kann also schon sehr früh anfangen, die mentale, geistige und motorische Entwicklung eines Kindes und – was ebenso wichtig ist – die Entwicklung seiner Sinne zu fördern. Je früher dies gelingt, desto schneller wird es alle wichtigen Lebensregeln verstehen und ohne Zwang beachten lernen. Man braucht sie ihm nicht, wie es früher üblich war, einzubläuen. Das Kind lernt von selbst, wenn die Eltern und anderen Bezugspersonen keine Nervenbündel und ambivalente Charaktere sind, sondern in sich gefestigte Vorbilder, auf die es sich einstimmen kann.

Zuneigung, Liebe, Selbstlosigkeit kann man nicht erzwingen. Kein Befehl, kein „Du sollst…!“ kann das bewirken, sondern allein das Verhalten von Erwachsenen, die dem Kind nahe stehen. Das Kind verinnerlicht es, nimmt es an oder wehrt es ab. Wenn Kinder schlechte Erfahrungen mit ihren Eltern gemacht haben, werden sie die ungelösten Konflikte mit sich herumtragen und sie später, oft noch als Erwachsene, auf andere Menschen übertragen und auszuagieren versuchen. Gute Erfahrungen hingegen helfen ihnen, sich bald zu emanzipieren, selbständig zu werden und eine positive Emotionalität zu entwickeln, gütig, liebevoll, friedfertig und einsichtsvoll zu sein.

Meine Kinder waren, als 1969 A. S. Neills Buch unter dem irreführenden Titel »Theorie und Praxis der anti-autoritären Erziehung« in Deutschland erschien, sieben, fünf und zwei Jahre alt. Meine Frau und ich, wir beide waren in der 68er-Bewegung aktiv, sie feministisch und ökologisch, ich ökologisch und pazifistisch. Neill und sein Konzept wurden damals bei uns 68ern diskutiert, auch wir beide „probierten“ manches aus. Einige Prinzipien ließen sich übernehmen, andere nicht.
Summerhill bot (und bietet heute) andere Bedingungen als eine kleine Familie mit den Großeltern unter einem Dach, deren Sozialisierung zuhause und in der Schule unter Ohrfeigen und Stockschlägen stattfand und wo gegenüber Erwachsenen, Vater, Mutter, Lehrern und anderen Amtspersonen absoluter Gehorsam verlangt wurde. So wuchsen unsere Kinder nicht unter besten Bedingungen auf, sondern in einer Familie voller Widersprüche. Alle drei haben sich dann auch nicht ohne Probleme gemausert.

Zwar hat sich einiges daran geändert, aber Summerhill und die heutigen Kleinfamilien sind eben doch verschiedene Welten…
Überhaupt können Erziehungsfragen und -probleme nicht nach Schema F gelöst werden. Jedes Kind braucht individuelle Zuwendung und – möglichst früh – Gruppenerfahrung.

Auf dem Schulbauernhof in RecklinghausenSummerhill

http://de.wikipedia.org/wiki/Summerhill
http://www.summerhillschool.co.uk/

Nachträge:

Kollektive Erziehung

1976. Bei einer Besichtigung der BUNA-Werke in Leipzig wurde die Besuchergruppe, der ich angehörte, zum Kinderhort geführt. Im Korridor vor dem Spielsaal standen lauter Nachttöpfe. Es können etwa zwanzig gewesen sein. Die Hälfte davon war besetzt. Einige der Knirpse, die darauf saßen, waren eingeschlafen, die anderen verharrten geduldig auf ihren Pötten oder rutschten mit ihnen hin- und her.

Auf unsere Frage, wie lange die Kinder bereits auf den Töpfen sitzen, bekamen wir die Antwort: „Eine ganze Weile schon.“ Und auf die Frage, wie lange sie noch sitzen müssten: “Bis sie ihr Geschäft gemacht haben. Wir erziehen sie zur Pünktlichkeit.“

Wir befanden uns hier also bei der Produktionsgenossenschaft K (wie Kinder). Sie saßen ja hier, um etwas zu produzieren. Ihre Produkte zeigten sie dann stolz ihren Erzieherinnen, die sie begutachten mussten. Ob deren Bemühen, den Kindern ihre Individualität auszutreiben oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen, Erfolg hatte, weiß ich nicht.

Einen Tag vor unserer Rückreise „in den Westen“ traf sich eine kleine Gruppe von uns in der „konspirativen“ Wohnung einer jungen Frau. Wir hatten sie nachmittags kennengelernt und waren zu ihr eingeladen worden. Wir hatten ein sehr interessantes Gespräch und hätten beinahe die rechtzeitige Rückkehr zu unserm Quartier, das pünktlich um Mitternacht abgeschlossen wurde, verpasst. Wir sprachen auch über unsern Besuch im Kinderhort und über die sozialistische Erziehung in der DDR. Als einer von uns eine kritische Bemerkung machte, lachte sie und sagte: „Mir hat das nicht geschadet. Ich bin in einem Heim aufgewachsen. Wir wurden sehr streng erzogen und empfanden vieles als ungerecht. Weil es uns alle traf, – keine wurde bevorzugt, es ging wie bei den alten Preußen zu: Ordnung, Sauberkeit, Disziplin und die strikte Befolgung der Regeln, das stand an oberster Stelle -, da haben wir uns miteinander solidarisiert, eine verschworene Gemeinschaft gebildet – gegen unsere Erzieherinnen. Und wir haben, alle zusammen, so etwas wie passiven Widerstand geleistet, einen subtilen, keinen offenen. Das hatten die Erzieherinnen wohl noch nicht erlebt. Sie haben schließlich ihr Verhalten ändern müssen. Ich war damals dreizehn, vierzehn, fünfzehn.“
Sie hat dann studiert und ist Model geworden. Eine bildhübsche Frau.

Friedenserziehung – anti-autoritäre Erziehung?

Zum Begriff anti-autoritäre Erziehung will ich hier etwas anmerken:

Dieser Begriff ist Ende der 60-er Jahre von der Studentenbewegung aufgeschnappt worden und wurde bald zum Schlagwort, was mitunter groteske Folgen hatte (Beispiel Rainer Langhans). Aber das beruhte auf einem, für die damaligen Schnelldenker typischen Irrtum. Hier ein paar Sätze aus einem Brief an die Kurt Hiller-Gesellschaft e.V., der im Zeitfragenforum, Fenster Politik zu lesen ist. (Link unten! *)

«Damals entstand die Idee einer „antiautoritären Erziehung“ – aus einem Missverständnis, für das der Rowohlt-Verlag verantwortlich ist. Dieser Verlag publizierte nämlich das erste Summerhill-Buch von A. S. Neill unter dem Titel «Theorie und Praxis antiautoritärer Erziehung». (Hamburg 12/1969) Originaltitel: «Summerthill, A radical Approach to Child Rearing». Was wohl etwas anderes bedeutet.
Und in der Tat, Alexander Neill war kraft seiner Persönlichkeit selber eine Autorität und praktizierte eine nicht-autoritäre Erziehung.

Theorien, die der eigenen Mentalität entsprachen, waren für viele Intellektuelle Offenbarungen. Deshalb wurde der „kleine“ Unterschied nicht bemerkt. Also wurde mit Kindern experimentiert. Die haben es später ihren Eltern sehr übel genommen, dass man sie, oft mit zusammengebissenen Zähnen, gewähren ließ und sie mit ihren wirklichen Bedürfnissen, z. B. nach liebevoller Zuwendung, allein gelassen hat.
Ebenso überinterpretiert wurden Freud und Wilhelm Reich, und von Marx und Engels las so mancher jeweils das heraus, was er zur Untermauerung seiner „Politik“ brauchte. Anwendung fand auch die Methode, ein Haar in der Suppe zu finden und, wenn keins drin war, eins hineinzuprojizieren, um die ganze Suppe für ungenießbar zu erklären.»

———
* → http://www.mx-action.de/dietrich/Einleitung_und_Themen/Politik/politik.html#Brief an dieselbe Adresse

Von blog.de (16. 10. 2009) übernommen.

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