Der Amoklauf von Winnenden. Individuelle / kollektive Gewalt

Ereignisse wie der Amoklauf von Winnenden erschüttern, weil sich dabei plötzlich menschliche Abgründe auftun, vor denen wir erschrecken. Wenn wir da genauer hineinschauen, erblicken wir uns selbst. Und um uns nicht in Frage stellen zu müssen, behelfen wir uns mit Erklärungen, die meistens zu kurz greifen, und glauben, dieser individuellen Gewalt eine noch stärkere kollektive Gewalt entgegen setzen zu müssen: schärfere Gesetze, mehr Verbote, mehr Überwachungstechnik, mehr Polizeipräsenz usf.

Fragen wir nach den tieferen Ursachen von solchen Gewalttaten, dann sollten wir zuerst einmal uns selber befragen. Wenden wir nicht alle, nahezu alle, Gewalt an, um unsere Ziele zu erreichen: Macht, Profit, Karriere, Besitz, Suchtbefriedigung und Spaß? :das, was uns massenmediale Werbung als erstrebenswert suggeriert, weil es der Wirtschaft nützt.

Sind es Videos und Computerspiele, ist es die virtuelle Gewalt, die junge Männer in Allmachtsfantasien treibt und sie schließlich zu Mördern macht? Oder ist es nicht eher die ganz reale, tägliche, mehr oder minder subtile Gewalt in der Familie, am Arbeitsplatz, in unserer Gesellschaft?

Sind wir nicht alle, nahezu alle von uns bereit, Gewalt mit Gewalt zu beantworten, wenn wir die Mittel dazu haben, oder sie stellvertretend für uns anwenden zu lassen?
Wir haben die kollektiven Gewaltstrukturen (Johan Galtung nennt sie „strukturelle Gewalt“) derart verinnerlicht, dass wir es begrüßen, wenn „endlich einmal hart durchgegriffen wird“, „Vater Staat seine Muskeln spielen lässt“ und „für Ordnung sorgt“: sich als souverän erweist.

Souveränität bedeutet höchste herrschaftliche Gewalt (eines Staates) (lt. Wahrig, Fremdwörter-Lexikon) und manifestiert sich durch die Fähigkeit auch zu militärischer Gewalt, also Kriege zu führen. Daran werden Staatsgäste erinnert, wenn sie mit militärischen Ehren empfangen werden und über den blutroten Teppich schreiten. Das ist keine Gehmeditation. Der gezogene Säbel verheißt Schutz für den Gast und ist zugleich eine Warnung.

Das Ansehen von Regierenden steigt bei ihren Untertanen, sobald sie Gewalt anwenden, und ganz besonders, wenn sie einen vermeintlich „gerechten Krieg“ beginnen (in jüngster Zeit: Thatcher, Busch sen., Clinton, Busch jun.). Selbstverständlicherweise steigen dann auch bestimmte Aktienkurse.

Wir lassen es zu, dass deutsche Soldaten auf den Balkan, in den Vorderen und in den Mittleren Orient geschickt werden und damit den Hegemonialbestrebungen und wirtschaftlichen Interessen einer Supermacht dienen. Diese Supermacht geht zzt. noch mit schlechtestem Beispiel voran, indem sie ihre technische Überlegenheit nutzt, um sich überall in der Welt, wo ihr Neokolonialismus auf Widerstand stößt, gewaltsam durchzusetzen, ohne Rücksicht auf Menschenrechte und Ökologie. Auch die Todesstrafe in den USA und in anderen Ländern ist Teil kollektiver Gewalt, die individuelle Gewalt nicht verhindern kann, und sie verstößt gegen das Lebensrecht aller Menschen.
Wir, die reichen Industrienationen, beuten rücksichtslos die Natur aus, vor allem in den anderen Kontinenten, und wir halten uns Arbeitssklaven. Die Kehrseite unseres Wohlstandes, des materiellen, ist das Elend in der so genannten Dritten Welt. Eine der Hauptursachen: unsere Habgier.

Unsere Bedürfnisse sind enorm. Wir wollen mehr, als für alle vorhanden ist. Und so lassen wir täglich vierundzwanzigtausend von uns verhungern. Achtzehntausend davon sind Kinder. Es sind Menschen, wie wir Menschen sind. Wir gehen achtlos über sie hinweg. Das „schlechte Gewissen, welches sich da und dort schüchtern meldet, wird durch Almosen an Bedürftige besänftigt und durch Weniges von dem, was von unseren Überflüssen abfällt.

Das Abholzen der Urwälder, das Leerfischen der Meere, das Zerstören fruchtbaren Mutterbodens, landwirtschaftliche Monokultur und Massentierhaltung, Ressourcenverschwendung und die giftigen „Lateralschäden“ industrieller Produktion, des Straßen- und des Luftverkehrs: dies alles ist Gewalt, die wir der Natur antun, unserer Mitwelt und damit uns selbst.

Rund um den Globus Exzesse brutaler Gewalt.

Es ist ein ungeheures Gewaltpotential auch im kollektiven Unbewussten der Menschheit, die immer mehr dazu neigt, existentielle Probleme gewaltsam lösen zu wollen. Dessen materieller Ausdruck sind die ABC-Waffenarsenale.

Das ist die Welt, in der unsere Kinder und Kindeskinder aufwachsen, erwachsen werden und dabei glücklich sein sollen. Demütigungen, emotionale Kälte, Achtlosigkeit, Beziehungsarmut, Desorientierung, Perspektivlosigkeit, Verlassenheit: ein ganzes Syndrom, entstanden durch psychische Verletzungen, die nicht heilen können und sich nur noch unter inneren Zwängen kompensieren lassen. Sie leiden darunter und wissen nicht warum, besonders in der Phase, in der sie schon als Erwachsene gelten – unter Erwachsenen, die an sich selber leiden und es nicht wahrhaben wollen.
Gewiss, das lässt sich verdrängen, z. B. durch Konsum und Spaß. Aber Verdrängtes bleibt unter der Oberfläche des Bewusstseins, und es kommt eines Tages, wie schon in Erfurt, zur Eruption.

Früher wurde jede Generation mindestens einmal in den Krieg geschickt, wo die jungen Männer „abgehärtet“ werden sollten. Da konnten sie sich für die in der Kindheit erlittene Gewalt auf „legale“ Weise rächen, aufgestaute Aggressionen abreagieren und bekamen dafür sogar Orden. Diese jungen Männer wurden dann zumeist brave Untertanen, die den Enkeln von ihren Heldentaten erzählen konnten. Heute lassen sich die nationalistischen und militaristischen Ideologien nicht mehr vermitteln. Der deutsche Idealismus hat abgewirtschaftet, und der alte Wertekatalog ist Makulatur. Der neue Wertekatalog ist der Warenhauskatalog. Aber er enthält nicht das, was besonders junge Menschen brauchen: andere Vorbilder, andere Lebensmuster, andere Beispiele menschlichen Verhaltens, – Verständnis, Güte und selbstlose Liebe.

Ich glaube, wir müssen unsere Sicht- und unsere Verhaltensweisen radikal ändern. Wir müssen unser Leben ändern. Der Dualismus unserer westlichen Kultur hilft da nicht weiter.

Claude AnShin Thomas, US-Vietnam-Veteran, seit 1995 engagierter Zen-Mönch und Mitglied der Buddhist Peace Fellowship, sagte bei einem Vortrag über die Grundlagen des Friedens:
„Krieg ist ein kollektiver Ausdruck individuellen Leidens.“
Und individuelle Gewalt? Denken wir einmal sehr tief darüber nach!

Text auch als Leserbrief an die Frankfurter Rundschau und das Medienhaus Bauer, Marl

Von blog.de (12. 03. 2009) übernommen.

Kommentare:

gelöschter User (Besucher) 2009-03-14 @ 00:32:30

ich würd’s ja mal so sagen: der heutige mensch ist schlichtweg überfordert.

schusswaffen bieten kurzfristig gesehen „einfache“ lösungen:

einfach alle probleme „auslöschen“.

ein anderes problem: heutige schüler stellen sich nicht mehr die ganzen fragen, die du dir da so stellst, denken nicht in den zusammenhängen, die du siehst.

der grossteil ist dem konsum verfallen.

was ich mir wünschen würde: klassen in denen die schüler lernen miteinander klar zu kommen und dass heisst ganz klar: gerade die außenseiter müssen mit einbezogen werden.

mein patenkind kommt aus dieser gegend.. was ich da schon für geschichten von ihrer schule gehört habe: der wahnsinn…. – was da für ein druck unter den schülern herrscht: was man alles haben muss, machen muss, können muss um einfach nur dazu zu gehören.

ich wäre statt für sicherheitssysteme für schuluniformen.

und für klassenpartnerschaften mit schulen in afghanistan oder z.B. mali.

und dafür dass die schüler mit den lehrern und die lehrer mit den schülern von der gesellschaft nicht alleine gelassen werden.

TheRip (Besucher) 2009-03-14 @ 12:28:42

Es ist klar, dass heutige Schüler sich solche Fragen nicht stellen, weil sie ein Recht haben Kind zu sein – unbeschwert aufwachsen dürfen und auch sollen (soweit es überhaupt möglich ist) aber die größte Macht liegt bei euch! Ihr seid noch nicht so sehr in dieses moderne Sklaventum eingebettet (noch keinen Job, noch kein Haus, nichts was euch abhängig macht von untertänigem Verhalten im Job, … und vieles mehr) und ihr habt noch nichts zu verlieren ganz im Gegenteil könnt ihr alles gewinnen!

Wenn ihr euch nicht für eure Ziele und Wünsche einsetzt, wird sie euch keiner geben.
Das Volk hat die Macht, deren Kinder eine weitaus größere!!!

cilly (Besucher) 2009-03-14 @ 12:14:49

Amoklauf ist eine verzweifelungstat,nicht schuldige suchen, sondern ursachen aufspüren,verbote waren und sind keine lösungen, sollten killerspiele eine ursache sein, stellt sich die frage:warum werden sie produziert, warum gibt es dafür einen markt,sie sind nur ein puzzleteil in diesem gefüge, die kleinste gesellschaftlich soziale einheit ist die familie, hier werden die grundsteine für die entwicklung von kindern gelegt,hier werden die ersten werte vermittelt,der höchste wert ist: die würde des menschen ist unantastbar,dies muß sich in das gehirn eines jeden einbrennen,in unserer heutigen schnellebigen,hoch technischen und globalen welt kommen menschliche werte zu kurz, es gilt nicht gegen etwas zu kämpfen ( nach dem gestz der anziehung wird immer genau das eintreten)sondern für etwas zu leben und zu angagieren,z.b. kämpfe nicht gegen den krieg, kämpfe für den frieden,was wir für die opfer und alle beteiligten in deren sinne tun können ist,das jeder einzelne in der gesellschaft hieraus lehren zieht und ursachenforschung betreibt ,eben für menschlich werte einzustehen und diese auf höchsten maß zu achten, dann werden sich sozialgesellschaftliche Probleme von selbst regeln,ich denke,das kann jeder tun.

gelöschter User (Besucher) 2009-03-14 @ 16:24:11
http://www.graphodino.de

Hallo und Guten Tag,

das ist so ziemlich das Stärkste, was ich bisher zum Thema gelesen habe; bezeichnender Weise nicht in einem „offiziellem“ Medium (nee, das ist kein Geschleime: auch das erlebe ich ja nicht zum erstem Mal)…

Offensichtlich aber muss man immer erst in irgendeiner Weise „in Vietnam gewesen“ sein, um so klar zu sehen, im wörtlichen oder im übertragenem Sinne „in Vietnam“ (das Thema hatte ich mit Ihnen/mit Dir schon mal).

Oder geht es auch ohne so was?

Und leider habe ich es nicht gewagt, das so klar und „zugespitzt“ auszudrücken: „Wenn wir da genauer hineinschauen, erblicken wir uns selbst“; leider ertappe ich mich immer wieder als Untertan…

„Das Ansehen von Regierenden steigt bei ihren Untertanen, sobald sie Gewalt anwenden, und ganz besonders, wenn sie einen vermeintlich „gerechten Krieg“ beginnen“

Ja – weil das durch frühe Prägungen so „drin“ ist; und übrigens (ich komme zu einem Lieblingsthema) sowohl in Ost wie in West.

Ich werde schon wieder stinkewütend – ich höre erstmal auf!!!

Vielen Dank für diesen tollen Beitrag!

vietnaminfo 2009-03-15 @ 17:17:43
http://www.vietnam-infothek.de

Dieser durchaus interessante philosophische Exkurs wird wenig helfen, Amokläufe zukünftig auszuschließen bzw. die Gefahr einer solchen Tat zu minimieren. Trotz starker Lobby – kein privater zugelassener Schußwaffenbesitz (vielleicht Luftdruckwaffen ausgeschlossen) ist die einzigste Alternative !

Noch ein Kommentar (auf dem TELEPOLIS-Forum)
http://www.heise.de:80/tp/foren/S-Das-ist-alles-wahr/forum-155717/msg-16457796/read/

Petra (Besucher) 2009-03-20 @ 07:43:04
http://lebenskuenstler.blogspot.com

Es ist gut, was Sie geschrieben haben. Tatsächlich ist es ein kollektives Gewaltproblem. Trotzdem ist es nicht alles, was diese Welt zu bieten hat. Es gibt friedliche Menschen, es gibt Schulen (wenn auch sehr wenige), wo es anders läuft, es gibt Liebe und Wertschätzung. Sie selbst zeigen das ja mit Ihrem Blog. Lenken wir doch unsere Aufmerksamkeit verstärkt auf diese positiven Aspekte, ohne das andere aus den Augen zu verlieren. Es ist wichtig, Projekte zu unterstützen, die der Gewalt entgegen wirken. Davon gibt es mehr, als wir ahnen!

grit (Besucher) 2009-04-04 @ 20:34:30

Wenn die Hinduisten und Buddhisten mit ihrer Reinkarnation recht haben, dann sollten wir Mörder möglichst lange in Gefängnissen am Leben erhalten (und ja nicht hinrichten), denn:
gemäss dieser Religionen werden die hingerichteten Mörder wieder auf die Welt kommen – und dann als noch schlimmere Mörder.
Also: wird ein 20jähriger vierfacher Massenmörder hingerichtet, so wird er als achtfacher Massenmörder zurückkommen. Wird nun dieser hingerichtet, dann wird er als 16-facher Massenmörder zurückkommen. Und so weiter!

Leider wurde die Todesstrafe erst 1945 abgeschafft… Was nuch auch automatisch auch millionenfache Massenmörder wie Hitler erklärt… (Denkt mal nach, ihr Volltrot….!)

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