Blick zurück im Zorn? Mauer und Schießbefehl

Nach nun bald 60 Jahren ist es an der Zeit, die Geschichte des SED-Staates DDR unvoreingenommen zu betrachten und zu bewerten. Das ist, wenn man sie auf Mauerbau und Schießbefehl reduziert, nicht möglich. Diese, wie jede andere Geschichte lässt sich nicht durch Schwarzweißmalerei, die mir seit dem Kalten Krieg nur allzu bekannt ist, beWELTigen [meine Schreibweise].

Mauerbau und Schießbefehl sind ein Aspekt in einem vielschichtigen Komplex historischer, politischer Prozesse. Sie zu verstehen, heißt nicht zugleich, sie zu rechtfertigen. Diese Prozesse mit allen ihren Ursachen, Bedingungen und Triebkräften zu verstehen, ist der erste, schwierigste Teil der VergangenheitsbeWELTigung aller, die sie persönlich erlebt und erfahren haben, und es sind erste Lernschritte für alle (Jüngeren), die aus zweitem und drittem Mund, zumeist aus den Medien, davon gehört haben und sich in damalige Situationen kaum hineinversetzen können.

Der SED-Staat ist unter der Knute einer anderen Zwangsherrschaft entstanden und regiert worden Die DDR ist von dieser Jahrzehnte lang wie eine Kolonie ausgebeutet worden. Sie war kein souveräner Staat, sondern bis zum Ende des Sowjetimperiums sein Satellit. Alle für die Warschauer Pakt-Staaten existentiellen Entscheidungen wurden in Moskau getroffen.

Auf der anderen Seite war der bald hochgerüstete Westen unter US-Regie, mit neuen Kriegsplänen und –zielen gegen den „Weltkommunismus“. Das führte zum Kalten Krieg, zu einem beinahe selbstmörderischen Rüstungswettlauf beider Blöcke, den die Sowjetunion, von Anfang an durch Hitlers Vernichtungskrieg geschwächt, verlor. Sie hat sich u. a. so, wie von US-Strategen gewünscht, „totgerüstet“.

Die Berliner Mauer, die totale Abriegelung der innerdeutschen Grenze war nicht allein die Reaktion auf die massenhafte Abwanderung von Ostdeutschen, sowie von Tschechen und Polen in den Westen, ebenso schottete sich die DDR ab gegen den Devisenschwarzmarkt und den Handel mit, von Westdeutschen im Osten billig eingekauften Grundnahrungsmitteln, auch gegen Spione und Agitatoren. Hinzu kommt eine geradezu paranoide Angst der SED-Spitzen vor dem Großen Bruder im Osten und vor dem übermächtigen „Klassenfeind“ im Westen. Es gibt keine monokausale Erklärung für diese schlimmen Ereignisse, die Westpolitiker, vor allem die Scharfmacher unter ihnen, mitzuverantworten haben.

Nun kann man fragen: Was hätte anderes getan werden müssen? Eine moralische Frage. Und: Was hätte man – unter den gegebenen Machtverhältnissen – anders machen können? Eine praktische Frage. Wir – Sozialdemokraten, Grüne, DKP-Mitglieder, parteiunabhängige Linke und pazifistische Christen in der Friedensbewegung der 60er/70er/80er Jahre – haben uns beide Fragen gestellt, nicht als historische, sondern als aktuelle Fragen:

Was muss und was kann geschehen, damit sich die beiden Blöcke (NATO und Warschauer Pakt) nicht gegenseitig zu einem Krieg hochschaukeln, der alle und alles vernichten würde? –  selbst diejenigen, die ihn vorbereiten und von ihren Atombunkern aus führen würden.

Willy Brandt hat dieselbe Frage gestellt und seine Ostpolitik danach ausgerichtet. Er und Egon Bahr haben mit großem Geschick in Ost und West gehandelt und verhandelt und dadurch einen Dritten Weltkrieg verhindern und durch ständiges „Bohren harter Bretter“ (W. Brandt) in Europa für Entspannung sorgen können.

Wir haben – ohne Berührungsängste und ohne falsche Rücksichtnahme – offen miteinander diskutiert und agiert. Auch in Recklinghausen.

Ich weiß, was politischer Irrtum für einen persönlich bedeuten kann. Ich habe es in meinem Roman »Der Ritt auf dem Ochsen…« und in Forums-Beiträgen beschrieben und mich in Interviews dazu geäußert. Siehe unter → http://www.mx-action.de/dietrich/Einleitung_und_Themen/Interview/interview.html !

Daher gehe ich zuerst einmal davon aus, dass jeder Mensch fähig sein kann, seine Ansichten und sich selber tiefgreifend zu ändern, ohne als Opportunist gelten zu müssen. Wo das bei anderen nötig erscheint, sollte man, anstatt psychische Blockaden durch abweisende Kritik aufzurichten, helfen, diese zu überwinden.

Der Blick zurück im Zorn verdüstert uns den Blick nach vorn.

Von blog.de (18. 08. 2007) übernommen.

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