Warum der Kapitalismus sich nicht abschaffen lässt

Warum der Kapitalismus sich nicht abschaffen lässt,
sondern immer wieder zum Vorschein kommt

Dem «Kapitalismus», hier verstanden als Wirtschaftssystem, in dem die Produktionsmittel in Privatbesitz sind, auch durch Aktienanteile, scheint ein angeborener Trieb zu Grunde zu liegen. Denn wie anders wäre zu erklären, dass alle sozialistischen Systeme von der UdSSR, dem gesamten Ostblock, bis Kuba, China und Vietnam entweder ganz zusammengebrochen sind oder dass dort wieder privatwirtschaftliche Strukturen entstehen?
Jugoslawien hatte bereits unter Tito, also lange vor dem Ende des realsozialistischen Experiments, eine Mischwirtschaft, teilweise sozialisiert, teilweise privat. Jetzt entwickelt sich dasselbe in Kuba, China und Vietnam und wird sich – wider alle Ideologie – weiterentwickeln, bis die gesamte Wirtschaft in Privathänden ist.

In der ehemaligen Sowjetunion versucht Putin die Reste des Staats“kapitalismus“ zusammenzuhalten und die neureichen Oligarchen, jene Gruppe cleverer Russen, die sich Staatseigentum unter den Nagel gerissen haben, zu enteignen und zu entmachten. In allen noch-sozialistischen Ländern macht sich Korruption unter linientreuen Parteifunktionären breit. Man scheint der Kollektivwirtschaft müde zu sein. Woran liegt das?
An den sichtbaren Misserfolgen dieser Wirtschaftsweise? Zu Deutsch: an der Misswirtschaft in allen realsozialistischen Staaten? Wohl auch. Ich vermute tiefere Gründe.

Sogar in den Kibbuzen, den israelischen Kollektivsiedlungen, die als kommunistische Lebensgemeinschaften mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen begannen, musste nach einiger Zeit Privatbesitz (an persönlichen Dingen) geduldet werden.
Auch in Westeuropa gab es solche Kooperativen: in den 60er Jahren die französische Uhrenfabrik LIP; sie wurde nach monatelanger Werksbesetzung von der Belegschaft übernommen, und in den 70ern Landkommunen in Portugal.

Angeregt, darüber nachzudenken, hat mich mein kleiner Enkelsohn. Er wurde im März 2005 geboren. Und schon in den ersten Wochen konnte ich beobachten, wie er, der Säugling, das Produktionsmittel Mutterbrüste sich zu Eigen machte und mit seinen kräftigen Händen Besitz ergreifend nach allem grabschte, was in seine Nähe kam. Bald nahm er alles in den Mund. Die orale Phase ist noch in vollem Gange. Dieser Besitztrieb wird später auf andere „Objekte“ gerichtet sein und würde ohne „Erziehung“ und Sozialisation zur Habgier ausarten.
Habgier, Raffsucht, Konsumismus sind in unserer westlichen Zivilisation ein Massenphänomen, weil es im Kapitalismus ständig reproduziert wird und selbst immaterielle Werte zur Ware gemacht, „vermarktet“ werden, zur Ware verkommen.
Nur noch dort, wo ursprüngliche Kulturen sich behaupten können – gegenüber Neokolonialismus und westlichen Einflüssen, gibt es sozialistische Lebensformen, Kommunen, Kollektive, Kooperativen, die intakt sind. So in Lateinamerika, in Guatemala zum Beispiel. Dazu einen interessanten Bericht vom 16. Januar:

Genosse Kaffeebauer

1000 Guatemalteken leben auf dem Grundstück eines ehemaligen Großgrundbesitzers den Sozialismus. Eine Betriebskooperative im mittelamerikanischen Guatemala erwirtschaftet bescheidenen Wohlstand für ein kleines Dorf und seine Bewohner. „Gemeinsam sind wir stark“,sagen sie. (…)

[Frankfurter Rundschau vom 16. 01.  2006. Link nicht mehr aktiv.]

Von blog.de (18. 01. 2006) übernommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s