Spezialisierung – Universalität

Anfang der 60er Jahre erzählte mir Wolfgang Beutin, der damals in Hamburg Germanistik studierte, um sich auf Mediävistik zu spezialisieren, von einem Professor, der bei seinen Vorlesungen seit Jahrzehnten dieselben (Lehr-)Texte vortrug. Der alte Herr las das, was er vor 25 und mehr Jahren geschrieben und publiziert hatte, immer wieder vor. Danach erlaubte er seinen StudentInnen zwar, Fragen zu stellen, die er dann auch beantwortete, aber Diskussionen waren ihnen verwehrt. So etwas führte einige Jahre später zu den Protesten, die 1968 ihren Höhepunkt erreichten, als Studierende und ein paar Lehrende auf den Straßen westdeutscher Metropolen “Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren!“ skandierten. Einige von ihnen in entsprechender Be-(Ver-)kleidung.

Heute ist es wohl wieder an der Zeit, Reformen einzufordern. Prof. Mittelstraß beklagt Defizite an Universalität in unseren „Universitäten“, im gesamten Wissenschaftssystem, und die Strukturen, die dazu beitragen, dass Lehre und Forschung durch Spezialisierung immer weiter verengt werden. Seine Kritik richtet sich vor allem dagegen, dass die Wirtschaft dabei ist, Lehre und Forschung ganz ihren Verwertungsinteressen zu unterwerfen. Er warnt vor einer Ökonomisierung der Wissenschaft.
Beides hängt zusammen. Denn hochspezialisierte Fachidioten, Schmalspurwissenschaftler wie der Professor A., der über die Funktion von Herzklappen alles weiß, über die psychosomatischen Ursachen von Herzklappenfehlern jedoch nichts, garantieren der Groß-, hier der Pharma- und der Apparateindustrie hohe und höchste Profite.

Auch in der DDR wurden lauter Spezialisten herangezogen, und das Prinzip polytechnischer Ausbildung, das auf Marxens Postulat des allseitig gebildeten Menschen zurückgeht, wurde politisch pervertiert. So verwundert es nicht, dass die Physikerin Dr. Angela Merkel den Atomstrom für „umweltfreundlich“ hält (Anmerk. dst.: noch 2009), dabei den strahlenden und unaufhaltsam anwachsenden Atommüll, der nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist, einfach ignoriert und erst durch die Chinesen auf die Bedeutung erneuerbarer Energien aufmerksam gemacht werden muss. Damit dient sie allein den Stromriesen, die der Politik sagt, wo es lang zu gehen habe.
Prof. Mittelstraß befürchtet eine Amerikanisierung des Wissenschaftssystems, das in den USA längst zum Militär-Industrie-Komplex (MIK) gehört.

Aber es gibt, wie in den USA, so auch bei uns Nischen im System und Menschen, die sie nutzen. Wissenschaftler und Studenten. Bei fachübergreifenden Diskursen in und außerhalb von Hochschulen wird institutionelle Kleinteiligkeit unterlaufen, Wissenschaft geöffnet, Spezialisierung aufgehoben.

Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, ein paar Stunden lang an einer Tagung über Robert Musil und seinen Roman Der Mann ohne Eigenschaften teilzunehmen. Die Tagung fand in einer katholischen Akademie statt. Referenten waren Literatur- und Naturwissenschaftler, Psychologen, Philosophen und Theologen. Das Interessante dabei war: Jeder hatte etwas anderes aus dem Roman, eins der bedeutendsten Schlüsselwerke des 20. Jh., herausgelesen, hatte andere Aspekte entdeckt, und erst eine Zusammenschau aller Aspekte ergab ein Gesamtbild.
Wolfgang Beutin referierte über «Sexualität, Träume, Neurosen und Psychosen in Musils Romanen und in der Psychoanalyse». Er hat sich in den fünf Jahrzehnten, die wir befreundet sind, nach und nach ein Wissensgebiet nach dem anderen angeeignet und war einer der ersten, der in Vorlesungen und Seminaren die werkimmanente Textinterpretation abgeschafft, statt dessen Sozialgeschichte, Politik und Tiefenpsychologie eingeführt und dadurch zu einem ganzheitlichen Verständnis literarischer Werke verholfen hat. Sein wissenschaftliches Werk umfasst heute die gesamte deutsche Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart und Teile ausländischer. Er ist nicht nur als Wissenschaftler ungewöhnlich produktiv, sondern schrieb außerdem Romane, Geschichten, Aphorismen, Lyrik.

«Wissen ist Macht». Ein geflügeltes Wort. Es stammt von dem englischen Philosophen Sir Francis Bacon (1561-1626). Er hat das inzwischen veraltete mechanistische Weltbild der Naturwissenschaft nachhaltig geprägt, Macht ausgeübt und missbraucht. Heute gilt es, die Wissensmonopole zu entmachten und Wissen zu demokratisieren. Dabei kann uns das Internet sehr nützlich sein. Man muss es nur richtig zu nutzen wissen.

Weiterhin hochaktuell, deshalb von blog.de (19. 12. 2009) übernommen.

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