Sonntagsfotografie oder Sozialfotografie

Fast jeder von uns besitzt einen Fotoapparat und kann damit umgehen. Aber dieser Apparat liegt meistens im Schrank, in einer Schublade, in irgendeiner Ecke. Manchmal, da muss schon die Sonne scheinen, wird er hervorgeholt: am Sonntag, im Urlaub an der See oder im Gebirge. Oder Weihnachten zum Beispiel, wenn am Tannenbaum die Kerzen brennen und die Geschenke ausgebreitet sind.

Schauen wir uns einmal die Dias und Fotoalben an: Da sehen wir am Lago Maggiore die Boote der Fischer (wie leben die italienischen Fischer?) –  die Fischerboote also, am Ufer festgemacht; davor steht man selber, ein deutscher Tourist, in der Pose eines Eroberers. Oder hier: die Säulen der Akropolis (erbaut von Kriegsgefangenen, von Sklaven, zu Tausenden an den Peitschenhieben ihrer Bewacher, an Hunger und Durst zu Grunde gegangen)   – die Säulen der Akropolis also: davor steht man selbst, ein deutscher Tourist, wie ein Zeus. Oder hier: die Küste bei Brest. Mächtige Felsen, darauf die Freundin als – Meeresjungfer. Das Foto von den verkrusteten Ölresten an den Felsen, man sieht sie bei Ebbe, – das Foto von den schwarzen Schandmalen in der Natur fehlt im Album. Es wurde nicht gemacht. Oder dieses Bild: Vater, im besten Anzug, lässig an seinen neuen, frisch gewaschenen und polierten Wagen gelehnt, in der Pose eines Generaldirektors.

„Wochentags bin ich Autoschlosser. Knochenarbeit. Der Dreck unter den Fingernägeln verschwindet erst nach drei Wochen Urlaub. Den Wagen kann ich mir nur halten, weil ich Überstunden mache, in meiner Freizeit Autos repariere und mein Fahrzeug selber Instand halte. Eigentlich gehört es mir noch gar nicht: es läuft auf Wechsel. Den muss ich pünktlich alle vier Wochen einlösen.“
Das steht nicht unter dem Foto. Aber damit wären wir bei der SOZIALFOTOGRAFIE. Sie ist etwas anderes als das, was in Massen auf Fotopapier und in Diarahmen verewigt wird. Ein anderer Autoschlosser. Eines Tages steckt er seinen Fotoapparat in die Brottasche und geht in den Betrieb. Er hat mit dem Meister gesprochen und seine Kollegen eingeweiht. Er hat lange geredet, bis alle Bedenken, alle Einwände vom Tisch waren. Und so fotografiert er die Kollegen bei der Arbeit und in den Pausen. Abends fährt er zu einem von ihnen nach Hause, fotografiert ihn während der Heimfahrt, beim Essen und beim Gespräch in der Familie.

Sie sitzen im Wohnzimmer. Diesmal ist das Pantoffelkino abgeschaltet. Es gibt Interessanteres zu bereden. Sie haben ja eigene Erfahrungen, und die sind mit einem Mal wichtiger als das, was ihnen sonst vorgeflimmert wird. Der Arbeitsplatz zum Beispiel, die Arbeitslosigkeit, Stress und Verschleiß, die Familie, ihre Kinder, deren Probleme: die SOZIALE SITUATION –  da kennen sie sich aus, besser als die Programm- und Meinungsmacher, die Redakteure, Manager, Aktionäre, Bankiers.
Haben wir nichts zu sagen? Sind wir nicht DAS VOLK? Das Gespräch wird auf Band aufgenommen.
An einem Samstag besucht er wieder seinen Kollegen und fotografiert dessen Frau bei der Hausarbeit und die Kinder bei den Schularbeiten und beim Spiel. Er gehört einer Gruppe von Sozialfotografen an. Sie hat Geld zusammengelegt und im Keller eines Gruppenmitglieds ein Fotolabor eingerichtet. Dort werden die Filme entwickelt und die besten Fotos vergrößert. Die nötigen Kenntnisse haben sie sich selber angeeignet. Dabei halfen ihnen erfahrene Sozialfotografen.Vom Tonband werden die wichtigsten Aussagen abgeschrieben und den Fotos zugeordnet. Fotos und Texte werden auf Plakatpappe geklebt. Einer von ihnen schreibt zu den Fotos eine Reportage, ein anderer eine Kurzgeschichte. Ihre Fotos, das Tonbandmaterial und die eigenen Erfahrungen – das ist der Stoff, mit dem sie arbeiten.

Die Fotodokumentationen werden ausgestellt: in Kommunikationszentren, auf Straßen und Plätzen, in Stadtteilen und Arbeitersiedlungen, bei Volksfesten, Veranstaltungen von Bürgerinitiativen, politischen Versammlungen. Die Reportagen und Kurzgeschichten werden vorgelesen und die Fotos dazu an eine Leinwand projiziert.

Sozialfotografen arbeiten für Alternativzeitungen und veröffentlichen in alternativen Verlagen.
Nicht von Sonn- und Feiertagen wird unser Leben bestimmt, sondern von den Bedingungen am Arbeitsplatz, von den Verhältnissen in unserer Gesellschaft: von der ALLTAGSWIRKLICHKEIT.

Bretonische Fischer in Plogoff (Bretagne)
Bretonische Fischer in Plogoff (Bretagne)
Seemann en retrait [Rentner] bei Plogoff
Seemann en retrait [Rentner] in der Bretagne
en retrait in Plogoff
en retrait in Plogoff

Rücken wir dieser –- ungeschminkten –- Wirklichkeit mit dem Fotoapparat zu Leibe! Zeigen wir, wie wir arbeiten und leben! Trennen wir uns von den Illusionen, die uns daran hindern, der gesellschaftlichen Realität ins Gesicht zu sehen und sie zu verändern! (…)

Fotos © Dietrich Stahlbaum 1980

[Erschienen in ARCH + Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen Nr.47/ Nov.1979]

Siehe Blog fotoserien und Bilder aus Vietnam 1951-54, sowie eine Dokumentation DIEN BIEN PHU im ZEITFRAGENFORUM: http://www.dietrichstahlbaum.de

Später, in den 60er/70er/80er Jahren, habe ich die Aktionen der außerparlamentarischen, basisdemokratischen Bewegungen in Westdeutschland mit Bild und Text begleitet. Damals entstanden Fotodokumentationen und Reportagen u. a.
→ über den Widerstand von Bauern gegen die Industrialisierung ehemaliger Rieselfelder und eine nukleare Kohleverflüssigungsanlage bei Dortmund,
→ über die Protestbewegung gegen ein geplantes Mega-Atomkraftwerk an der bretonischen Küste,
→ gegen den Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop (NRW),
→ über Aktionen von Friedensgruppen gegen Atomraketen und US-Stützpunkte in Westdeutschland und
→ über den jahrelangen (gewaltfreien) Kampf gegen die Zerstörung einer südfranzösischen Landschaft (Larzac) durch ein militärisches Großprojekt,
→ eine Foto-Text-Reportage über Binnenschiffer,
→ Einzelbilder und –serien im Rahmen der Stadtkulturarbeit in Recklinghausen und
→ über soziale und ökologische Probleme vor Ort.

Gezeigt wurden die Bilder in Kommunikationszentren, bei Großveranstaltungen,
z. B. am Eröffnungstag der Ruhrfestspiele (1.Mai), in Volkshochschulen und in der Stadtbibliothek. Einiges davon erschien in Zeitungen, Zeitschriften und in einem Jahrbuch der sozialdokumentarischen Fotografie Alltag 2, Hamburg 1980, eine Kollektivarbeit westdeutscher Werkstätten für Sozialfotografie.

Von blog.de (15. 10. 2005) übernommen.

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