Schwerarbeit und technischer Fortschritt

Die Lebenserwartung der Landbevölkerung (Frauen haben früher auf dem Felde mitgearbeitet) und der Fabrikarbeiterschaft in den Städten war – verglichen mit heute – in etwa dieselbe: sehr niedrig. Das lag bei beiden Bevölkerungsgruppen an den sozialen Verhältnissen und bei Landarbeitern und Bauern außerdem an den jeweiligen örtlichen Bedingungen. Landarbeiter/innen, die von den Gutsherren bis auf die Knochen ausgenutzt, unter Stress gesetzt wurden, lebten nicht lange; sie waren mit 45-50 ausgelaugt. Kleinbauern mit schlechten Böden wird es ebenso ergangen sein. Es waren die schwere körperliche Arbeit und der lange Arbeitstag unter Stress.

Nicht allein Historiker neigen dazu, dies auf die heutigen Arbeitsbedingungen zu beziehen und dem Irrtum aufzusitzen, die Technik habe dem Arbeiter auf dem Lande und in der Fabrik das Leben verbessert und daher verlängert, weil schwere und schwerste Körperarbeit durch Maschinen ersetzt worden ist.

Ich habe 1957/8 ein Jahr lang in einer Glasfabrik und 1961 ein halbes Jahr lang in einer Chemiefabrik gearbeitet und wäre, wie die meisten meiner KollegInnen, dort nicht alt geworden, denn in der Glasfabrik waren Hitze, Staub und die Abgase aus Kühlöfen und von qualmenden Gabelstaplern und in der Chemiefabrik (CWH Marl) ätzende Stoffe in der Atemluft ein Stress, dem auf Dauer kein Mensch gewachsen war.
Dementsprechend groß war die Fluktuation in der Glasfabrik. ChemiearbeiterInnen waren sowieso seit Generationen daran gewöhnt, mit lädierten Bronchien zu leben wie Bergmänner mit einer Staublunge.

Schwere körperliche Arbeit auf dem Lande: Dem urbanisierten Menschen von heute – die meisten Bauern gehören dazu – fehlen die Muckis, wie man hier im Ruhrgebiet sagt, um Lasten mit Lust zu tragen, den Spaten, die Hacke, die Mistgabel mit Leichtigkeit zu benutzen. So etwas können sie nicht nachvollziehen und meinen, der Elektroschraubendreher sei die größte Errungenschaft der Menschheit. Sie haben nur keine Kraft mehr in den Fingern!

Ich habe als 15/16-jähriger in Ostpreußen teilweise und nach dem 2. Weltkrieg lange genug auf dem Lande gelebt und gearbeitet, um dies beurteilen zu können. Wir haben als Schüler während des Krieges im Ernteeinsatz im Sommer das Getreide eingeholt und im Herbst Rüben aus dem schweren Boden gezogen und aufgeladen und Kartoffeln gelesen. Einmal habe ich drei Tage lang einen Schweinestall ausgemistet und drei Wochen lang danach gestunken und ein andermal im Frühjahr mit Pferd und Schwingpflug tagelang Furchen durch den Acker gezogen, ganz allein auf weiter Flur. Ich kann nur sagen, dass ich abends müde war und gut geschlafen habe – nicht mit der Bäuerin, deren Mann als Soldat in Russland kämpfen musste.

Schwere Arbeit ist nicht immer Fronarbeit. Wenn die sozialen Beziehungen und Bedingungen stimmen, wie ich das auf dem Landgut meiner Großtante bei „ihren Leuten“ beobachten konnte, dann geht sie trainierten Menschen leicht von der Hand und macht sogar Spaß. Kaputt gemacht haben sich Städter, die aushilfsweise mal geholfen haben, weil sie den gewohnten Arbeitsrhythmus der Landarbeiter nicht richtig einschätzen konnten: sie wollten schneller sein.

Schwere Lasten tragen: Ich habe – glaubwürdige – Berichte über kleine Menschen im Regenwald gelesen, die Baumstämme wie Streichhölzer getragen und dabei gesungen haben. Auch dies ist eine Frage der Gewohnheit und natürlicher Intelligenz. Wie sagt man doch: „Der Glaube versetzt Berge.“ Das ist manchmal ganz konkret gemeint.

Da Ethnologie, Lebensweise und Lebensgeschichte von Naturvölkern mich seit langem beschäftigen, nicht zuletzt deshalb, weil wir durch Urbanisation den unmittelbaren Kontakt zur Natur verloren haben, stellte sich auch die Frage, wie es denn möglich ist, dass es Menschen gibt, die Körperkräfte entwickeln, die es nach den uns bekannten Naturgesetzen eigentlich gar nicht geben kann. So interessierte mich als Ökologe die Kultur eines vietnamesischen Bergvolkes, das ein französisches Team erforschte, kurz bevor im Krieg alles, Menschen und Dörfer, vernichtet wurde, ebenso wie die Kultur nord- und südamerikanischer Indianerstämme und anderer Ethnien, die im Einklang mit der Natur leben oder gelebt haben. Das hat übrigens mit der Blubo-Ideologie *) der Nazis nichts zu tun.

*) Blut- und Boden-I.

Von blog.de (04.06.2008) übernommen.

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