Apokalypse now? Horstmanns Gedankenspiele

Ist es verwunderlich, dass man angesichts der Zustände auf unserm Planeten und angesichts seines Zustandes aufhört, sich noch Illusionen zu machen, die ganze Menschheitsgeschichte als absurdes Theater auffasst und sie bis zur letzten Konsequenz zu Ende denkt?
Solch ein Experiment hat der Literatur- und Philosophieprofessor, Dichter, Theater- und Romanautor Ulrich Horstmann unternommen. In seinem Essay »Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht.« [Wien 1983, Neuauflage Warendorf 2004] wird dem Autor das, was wir mit unseren Mythen, Religionen, Philosophien und Ideologien veranstalten, zur Maskerade, während wir das, was die Erde, was die Natur an Reichtum und Schönheit hervorgebracht hat, missachten, missbrauchen, zerstören, mitsamt uns selber.

Hatte schon Nietzsche alles seinerzeit Denkbare und manches noch nicht Denkbare gedacht und „zerdacht“ (Benn?), so blieb es Horstmann vorbehalten, die Scherben einzusammeln und daraus einen Abgesang der Menschheit zusammenzudenken.

Das Buch beginnt mit den Sätzen:

»Die Apokalypse steht ins Haus. Wir Untiere wissen es längst, und wir wissen es alle. Hinter dem Parteiengezänk, den Auf- und Abrüstungsdebatten, den Militärparaden und Anti-Kriegsmärschen, hinter der Fassade des Friedenswillens und der endlosen Waffenstillstände gibt es eine heimliche Übereinkunft, ein unausgesprochenes großes Einverständnis: daß wir ein Ende machen müssen mit uns und unseresgleichen, so bald und so gründlich wie möglich – ohne Pardon, ohne Skrupel und ohne Überlebende.

Was sonst trüge das, was das Untier »Weltgeschichte« nennt, wenn nicht die Hoffnung auf die Katastrophe, den Untergang, das Auslöschen der Spuren. Wer könnte eine sich Jahrtausend und Jahrtausend fortsetzende Litanei des Hauens, Stechens, Spießens, Hackens, die Monotonie des Schlachtens und Schädelspaltens, das Om mani padme hum der Greuel ertragen, ja seinerseits nach Kräf¬ten befördern, der nicht zugleich in der Heimlichkeit seiner Vernunft gewiß wäre, daß diese rastlosen Übungen ihn und seine Gattung Gemetzel um Gemetzel, Schlacht um Schlacht, Feldzug um Feldzug, Weltkrieg um Weltkrieg unaufhaltsam jenem letzten Massaker, jenem globalen Harmageddon näherbringen, mit dem das Untier seinen Schlußstrich setzt unter die atemlose Aufrechnung sich fort- und fortzeugenden Leids.

In den Parlamenten brüten die Tauben, und die Falken auf der Empore spreizen die Fänge. Wer hörte nicht aus ihren Beteuerungen, sie rüsteten für die Sicherung des Taubenfriedens, die altvertraute Wahrheit, daß sie den Frieden taubrüsten; wer nickte nicht unmerklich der Richtigstellung eines Zarathustra: Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt (Nietzsche 1967 I:575).«

[Untier, 2004, S.7]

Horstmann setzt unserem Anthropozentrismus eine „anthropofugale“, seine »Philosophie der Menschenflucht« entgegen. An Stelle des auf sich selber bezogenen Menschen tritt der sich selbst entfliehende Mensch, der, total desillusioniert, in voller Absicht sein Selbstvernichtungswerk vollendet. Er ist ja schon längst dabei, sich abzuschaffen. Apokalypse now! heißt Horstmanns Devise.

Nun könnte man ja diesem Nihilisten und literarischen Liquidator kommentarlos einen Strick zusenden. Aber auch den Selbstmord hat er durchgespielt – literarisch, versteht sich.

Er ist nicht der Erste und Einzige, dem solche Gedanken gekommen sind. Apokalyptiker gibt es seit vorbiblischen Zeiten. Horstmann nennt sie, bezieht sich auf sie und zitiert sie. Doch solch eine »Perversion des Denkens«* ist in dieser Argumentationsform neu. Horstmann will nicht wie der Kalte Krieger Kahn* den Untergang eines Teils der Welt in Kauf nehmen, um den anderen, den eigenen, zu retten, nein, er zielt aufs Ganze, er will das Ganze in den Orkus fahren lassen oder besser: ins Nichts. [*Egon Bahr (*1922) über die Atomkriegstheorie Herman Kahns (1922-83)]

Und er treibt die Absurdität auf die Spitze:

«Wenn das Untier auch nur den geringsten Grund zum Stolz hätte, dann knüpfte er sich nicht an die Aufbauleistungen von Zivilisationen, sondern an den sprühenden Erfindungsreichtum bei der Entwicklung von Mitteln und Wegen zu ihrer nachhaltigen Beseitigung. Imposant ist allein die verbissene Hartnäckigkeit, mit der Waffen entwickelt, im Einsatz erprobt, verbessert und durch neue wirksamere ersetzt werden – und wenn das Konzept des Fortschritts jenseits der bloßen Ersatz-Eschatologie überhaupt Sinn und ein fundamentum in re besitzt, dann ist dieses Fundament in den Pionierleistungen der Militärtechnologie zu entdecken. «

[Untier, 2004, S. 71]

Ich hatte die gleichen Gedanken, im selben Jahr, in dem »Das Untier« erschienen ist: Gedicht »Nihilismus« S. unten!

Inzwischen habe ich gelernt, mit zen-buddhistischen Kôans* umzugehen, und begriffen, wozu sie heute nützlich sind. Nämlich: um uns ins Mark zu treffen. Damit wir aufwachen und, bar aller Illusionen, dafür sorgen, dass das Leben auf unserm Planeten mit seiner ganzen Vielfalt, wissenschaftlich ausgedrückt: dass die Biodiversität erhalten bleibt, ebenfalls der Mensch als soziales und kulturelles Wesen.
Mehr über Ulrich Horstmann: http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Horstmann
und
http://www.untier.de/
* S. a. Seite »ZEN« im ZEITFRAGENFORUM I: http://www.dietrichstahlbaum

Von blog.de (05.02.2007) übernommen.

N i h i l i s m u s
Jetzt haben wir es endlich geschafft,
und sind wir nicht darauf stolz,
dass wir unseren Planeten, die Erde,
vergiften,
dass wir unseren Planeten, die Erde,
ins Nichts sprengen können
oder, wenn wir es wollen,
auf unserem Planeten
die Einsamkeit des Mondes
schaffen können,
ein Experimentierfeld
ferner Besucher woher?
Sind wir nicht darauf stolz,
dass wir uns von einigen Verrückten
regieren lassen,
von Männern und ein paar Frauen,
die wie Männer sind?
Sind wir nicht darauf stolz,
dass wir die Freiheit haben,
die Techniker des Todes
anzubeten?
Und, übrigens,
sind wir dabei nicht glücklich?

1983
[Aus: Dietrich Stahlbaum: DIES UND DAS. Kurzgeschichten, Kôans, Gathas, Gedichte, Aphorismen, Fotos aus fünf Jahrzehnten. eBook 2012
http://www.bookrix.de/_title-de-dietrich-stahlbaum-dies-und-das ]

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