Die Grünen wollten es dem Sozialminister einmal zeigen

Ich war bei den Grünen. Aber das ist lange her. Lange vor Agenda 21 und Hartz IV. Lange bevor die Grünen den Auslandseinsätzen der Bundeswehr zugestimmt haben und damit zur Kriegspartei geworden sind. Mitte der achtziger Jahre muss es gewesen sein, als Norbert Blühm Arbeits- und Sozialminister war.

Unser Bundestagsabgeordnete hatte nach Bonn eingeladen. Eine unserer Frauen hatte die Delegation zusammengestellt und die Reise organisiert. Sie war im sozialen Bereich tätig, auch beruflich. So kannte sie die Probleme der Sozialhilfeempfänger/innen aus ihrer täglichen Praxis. Deshalb ging es ihr besonders nahe, dass diese mittellosen Menschen vom Staat statt Bargeld Lebensmittel bekamen. Wir alle empfanden dies als entwürdigend und waren begeistert von ihrer Idee, Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, in die Delegation aufzunehmen, damit sie als lebende Beispiele dem Sozialminister ihre Situation vor Augen führen. Sie sollten ihm einen Lebensmittelkorb, der genau das enthielt, was ihnen der Staat hineintut, überreichen und sagen, wo sie der Schuh drückt.

In Bonn empfing uns ein Staatssekretär. Blühm war auf Reisen. Sein Vertreter versprach, unser „Anliegen“ seinem Chef zu „unterbreiten“. Mehr könne er nicht tun. „Leider“, wie er ausdrücklich betonte.

Unser Quartier war ein Hotel in Bad Godesberg. Doppelzimmer 150 DM pro Nacht! Abends saßen wir alle in der Weinstube, wo Adenauer mittags aß. An den Wänden eine Fotogalerie mit den Konterfeis internationaler Größen.

Angesagt war eine Weinprobe. Erst danach sollte es Abendbrot geben. Mit einer Überraschung. Der junge Wirt zelebrierte die Degustation. Er goss jedem einen Schluck Wein ins Glas, sprach zu jeder Sorte einen passenden lustigen Reim, kostete selber, und wir taten es ihm nach. Dazu wurden weiße, trockene Brotstücke serviert.
Innerhalb einer Stunde zeigte sich bei uns trotz der jeweils geringen Menge des Alkohols dessen Wirkung. Sogar der Winzer steuerte am Ende – wie der Butler bei Dinner for One – im Schiefgang die Gläser seiner Gäste an.

Unsere Sozialhilfeemfänger/innen – zwei Frauen, zwei Männer – rutschten schon eine Weile ungeduldig auf ihren Stühlen herum und besprachen etwas, das wir nicht verstehen konnten. Sie hatten einen Tisch für sich. Kellnerinnen brachten das Abendbrot. Endlich! Wir alle hatten wohl Hunger.

Zwei Scheiben belegtes Brot. Eben: Abendbrot. Mehr kam nicht nach. Dafür traten drei Bauchtänzerinnen auf und bewegten sich im Rhythmus arabischer Musik. Plötzlich, wie auf Kommando, erhoben sich die Sozialhilfeempfänger/innen von ihren Plätzen und gingen wortlos zum Ausgang. Einer von ihnen drehte sich noch einmal um und fragte, ohne auf Antwort zu warten: „Was soll der Quatsch?!“

Sie waren vor uns im Hotel, hatten sich aus der nächsten Bude zwei Kästen Bier und Pommes mit Currywurst und Majo geholt, saßen in einem ihrer beiden Zimmer und hatten viel zu lachen.

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