Begegnungen (Deutschland 1933, Algerien 1950, Vietnam 1952). Romantexte

Deutschland 1933

Bis 1931, als ich fünf Jahre alt war, gab es für mich nur Menschen, die ich gut leiden mochte, und solche, die ich nicht leiden konnte. Juden und Kommunisten gab es für mich noch nicht. Ich begann damals, unsere Stadt, eine ostpreußische Kleinstadt, allein zu erforschen: ihre Gassen und Gossen, die Geschäfte und Werkstätten, die Stadtmauer, den Wallgraben und den verfallenen Friedhof mit den Grabkreuzen der 1813 im Kampf gegen Napoleon gefallenen Russen. Dieser Friedhof lag hinter der Kirche, einem sechzig Meter hohen, roten Backsteinkoloß aus dem Jahre 1312.
Ich sah dem Hufschmied bei der Arbeit und den Kutschern beim Kartenspiel zu. Sie saßen beim Kolonialwarenhändler in der Hinterstube und tranken im Winter heißen Grog. Es gelang mir immer wieder, meiner Mutter und der Aufsicht unserer Hausgehilfin zu entkommen.
Einmal öffnete ich ein großes Tor und schob mich durch den Spalt. Ein merkwürdiger Geruch schlug mir entgegen. Hunde begannen zu bellen und, als ich näher an sie herantrat, zu heulen wie ein Rudel hungriger Wölfe. Sie standen in großen Zwingern. Dann versuchten sie, ihre Schnauzen durch die Drahtmaschen zu stecken. Aus einem Schuppen kam ein alter Mann heraus. Er hatte einen schwarzen Bart und auf dem Kopf eine Mütze mit einem abgegriffenen Schirm. Wahrscheinlich haben ihn damals schon, vor 33, selbsternannte Herrenmenschen jedes Mal, wenn er ihnen auf der Straße begegnet ist, gezwungen, vor ihnen die Mütze zu ziehen. Er sah mich freundlich an.
„Brauchst keine Angst zu haben, Jungchen“, sagte er. „Es sind junge Hunde. Die tun dir nichts.“

„Was machst du da?“ fragte ich.
„Komm, ich zeigs dir!“
Ich ging mit ihm in den Schuppen. Ich sah nun, was da so roch: Felle geschlachteter Tiere, innen zum Teil noch roh. Sie hingen an Drähten und lagen gebündelt herum.
„Die verarbeite ich und verkaufe sie“, sagte er. Er sprach hochdeutsch, mit einem fremden Akzent. Dann sah ich ihm zu, wie er die Felle mit Seifenlauge auswusch und an die Drähte hängte, damit sie trockneten.
Es wurde dunkel, und ich wollte nach Hause, aber der alte Mann sagte: “Wirst Hunger haben, Jungchen. Komm, ich geb dir was mit.“
Er ging ins Haus, und ich hörte ihn mit einer Frau sprechen, in einer Sprache, die ich noch nie gehört hatte. Er brachte mir etwas, das aussah wie gebackener Kuhfladen, zwei Stücke.
„Das ist unser Brot, sagte er. Iß man! Es schmeckt gut. Es ist nur anders gemacht als eures.“
Ich war natürlich neugierig und biß hinein. Es schmeckte wirklich gut. Ich lief nach Hause, um es meinen Eltern zu zeigen.
Mein Vater stand schon hinter der Tür, einer Glastür, und schimpfte, weil ich so spät nach Hause gekommen war. Er sah den Fladen, nahm ihn mir aus der Hand und trug ihn, zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, zum Abfalleimer. Er wusch sich die Hände. Er schrie mich an: „Weißt du, was das ist? Das ist Matze! Judenmatze! Da gehst du nicht wieder hin!“
Ich habe selten meinen Vater so in Wut gesehen wie an diesem Abend. Er hat nie mehr mit mir darüber gesprochen.

Friedland/Ostpreußen, heute Pravdinsk, Marktplatz Nr. 15, wo wir gewohnt haben,Napoleonhaus, Laubenhaus
Friedland/Ostpreußen, heute Pravdinsk, Marktplatz Nr. 15, wo wir gewohnt haben, Napoleonhaus, Laubenhaus

Wir wohnten in einem Eckhaus am Marktplatz und an einer kleinen Nebenstraße. Die Praxis meines Vaters, er war Zahnarzt, befand sich im Erdgeschoß. Der Behandlungsstuhl stand am Fenster. Von hier aus hatte er den ganzen Marktplatz im Blick: das große Karree, mit Kopfsteinen gepflastert, die alten Kastanien, die Häuserfronten mit Geschäften, Gaststätten, einem kleinen Hotel, einer Arzt- und einer Anwaltspraxis.
Schräg gegenüber war ein Textilienladen. Ich weiß heute nicht mehr, was Herr Pätzold, dem dieser Laden gehörte, in seinem Schaufenster ausgestellt hatte. Aber ich kann mich an einen Spiegel erinnern. Der Spiegel hatte bisher im Laden gestanden und den Kunden bei der Anprobe gedient.
Jetzt war er im Schaufenster, in einer Ecke, und da sah ich unser Haus – in diesem Spiegel. Ich konnte sogar Einzelheiten erkennen: die Eingangstür mit der Treppe, den Balkon, die Fenster der Praxis und des Warteraums.
Dann fiel mir auf, daß an der Tür des Ladens ein Pappschild hing. Ich konnte noch nicht lesen; deshalb habe ich erst viel später erfahren, was das Schild bezwecken sollte und wer es dort angebracht hatte. Genauso ging es mir mit dem Glaskasten auf dem Bürgersteig gegenüber dem Laden. In dem Kasten hingen Schrifttafeln und eine Zeitung.
Plötzlich sah ich meinen Vater in Herrn Pätzolds Spiegel. Er kam aus unserer Haustür herausgesprungen. Er rannte, im weißen Kittel, quer über den Markt – auf mich zu. Ein kleiner Köter lief bellend hinter ihm her. Leute guckten sich nach ihm um. Ein Pferd, das einen Jagdwagen zog, erschrak vor der weißen Gestalt und bäumte sich auf. Ich stand wie angenagelt da. Mein Vater nahm mich an die Hand und zog mich fort, ohne etwas zu sagen. Wortlos gingen wir über den Markt ins Haus zurück.
Hier erst erklärte er mir, der Laden gehöre einem Juden, wir Deutschen dürften da nichts kaufen. Ich solle da nicht mehr hingehen. Ein paar Tage später waren das Schaufenster und die Tür mit Brettern vernagelt.
„Pätzold ist weggezogen“, sagte mein Vater. Auch der Fellhändler war nicht mehr da. Das muß im Jahre dreiunddreißig gewesen sein.

[Aus meinem zeitdokumentarischen, autobiografischen Roman Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht, Aachen 2000, S. 35 ff., vergriffen, jetzt als eBook im BookRix-Verlag 2012
http://www.bookrix.de/_title-de-dietrich-stahlbaum-der-ritt-auf-dem-ochsen-oder-auch-moskitos-toeten-wir-nicht

Algerien 1950

In Setif haben wir [Miros und ich] mit jüdischen Gymnasiastinnen Volleyball gespielt und waren Gäste in ihren Familien. In einer Familie lebten mehrere Generationen zusammen. Das Familienoberhaupt, ein Patriarch, Endachtziger, war Schuhmachermeister und werkelte allein in einer Werkstatt, in der seit dem Mittelalter Schuhe gefertigt worden sind und deren einzige Neuerung die elektrische Beleuchtung war. „Wegen der Augen“, sagte uns der alte Mann, so, als wollte er sich für diesen Anachronismus entschuldigen. Sein Urenkel war Hochschullehrer in Tel Aviv, eine Enkeltochter Offizierin in der israelischen Armee.
Ein Sohn, herzkrank und bettlägerig, hatte vor 1933 in Heidelberg studiert und sprach fließend deutsch. Ihm fielen die Worte nach und nach ein. Er bat uns jedes Mal, wiederzukommen. Unser Besuch tat ihm gut. Wahrscheinlich hieß seine ganze Krankheit »Einsamkeit«. Damals wußte ich noch nichts von den psychosomatischen Zusammenhängen. Ich staunte nur über den Pillenberg auf seinem Nachttisch und wunderte mich darüber, daß die vielen Tabletten dem hageren Mann nicht halfen.
Wir haben miteinander lange über die Frage der deutschen Kollektivschuld gesprochen. Ich habe zu ihm gesagt:
„Nationalismus und Rassismus waren ja in Deutschland bereits vorhanden, als Hitler kam. Er hat dann diese verrückten Ideen ins Maßlose gesteigert. Und wir haben uns manipulieren und verführen lassen. Wir waren gefangen in einem kollektiven Größenwahn. Ich zum Beispiel habe begeistert, aber doch von allen guten Geistern verlassen, mitgesungen: Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt. Ich bin als Siebzehnjähriger freiwillig in einen Krieg gezogen, vor dem nur wenige gewarnt und dem wir in Massen jubelnd zugestimmt haben.
Mein Vater war ebenso naiv und verblendet. Er ist von seinen hoch verehrten Führern im Stich gelassen worden. Diese haben sich in Ostpreußen vor der Sowjetarmee in Schutz gebracht, während mein Vater, ihren Befehlen gehorchend, als Volkssturmmann bei 30° Kälte und hohem Schnee sein Vaterland verteidigen wollte, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach und bald darauf starb. Ich habe das alles nicht verkraften können, zumal meine nächsten Verwandten, sogar meine Mutter, die Verbrechen Hitlers und seiner Kader nicht wahrhaben wollten, noch Jahre nach dem Krieg. Für mich war das ruhmlose Ende der Naziherrschaft ein existentieller Schock.“
Benjamin – ich nenne ihn jetzt so – sagte, er verstehe das, denn er habe „den deutschen Idealismus und seinen Mißbrauch selber erlebt“. Er sei nach dem Krieg als Dolmetscher und Sachverständiger bei Prozessen gegen Nationalsozialisten hinzugezogen worden und habe dabei versucht, „neues Unrecht zu verhüten. Vorher bin ich Agent des französischen Geheimdienstes gewesen. Ich habe mich 1943 über den Alpen bei Sonthofen mit dem Fallschirm absetzen lassen und konnte bis zum Kriegsende nach London berichten, aus dem Rheinland und aus dem Ruhrgebiet. Da habe ich diesen kollektiven Wahnsinn erlebt.“

[ebd., 15 ff.]

Vietnam 1952

Adam Birnbaum, der Neue in meinem Büro, hat bereits in Sétif eineinhalb Jahre auf einem Bürostuhl gesessen. Er ist gelernter Buchhalter, also einer, der mit Zahlen umgehen kann. Er sitzt vor der alten, mechanischen Rechenmaschine mit den vielen Hebeln und probiert sie aus. Er scheint sich zu wundern, daß sie überhaupt noch funktioniert. Nun stellt er sie an die Seite und bewegt mit atemberaubender Geschwindigkeit das komplizierte Zahlenmaterial in seinem Kopf. Zu berechnen ist der nächste Sold für die einheimischen Soldaten, für die Legionäre und Unteroffiziere unserer Kompanie und für alle Offiziere des Bataillons. Ich benötige dazu etwa zwölf Tage. Adam Birnbaum schafft es in sechs.
„Du bist ein Glücksfall für mich“, sage ich zu ihm. „Ich brauche die doppelte Zeit.“
„Ist ja auch mein Beruf“, sagt er. „Mein Vater war Banker und hat mich schon als Kind trainiert.“
„Und warum bist du kein Banker geworden?“
„Weil ich Jude bin.“
„Das verstehe ich nicht. Das Naziregime ist doch längst weg.“
„Meine Eltern sind 1936 mit mir und meinen beiden Geschwistern aus Berlin in die Schweiz geflohen, und dort konnte man mich bei keiner Bank unterbringen.“
„Weil du Jude bist? Das verstehe ich immer noch nicht. Die Schweiz ist ein neutrales Land. Sie ist es damals gewesen, sie ist es heute.“
„Was nicht daran gehindert hat, mit den Nazis Geschäfte zu machen. Auch mein Vater bekam lange Zeit keinen Job. Er hat dann in einer kleinen Firma als Buchhalter gearbeitet. Die Banken sind ihm verschlossen geblieben. Unter uns, in jüdischen Immigrantenkreisen, kursierten damals Gerüchte. Von Gold war die Rede, Gold aus Deutschland, das man Juden weggenommen habe. Wie gesagt, es waren Gerüchte.“
„Und ihr habt da nicht nachforschen können?“
„Wir haben es versucht. Wir waren eine kleine Clique junger Leute und haben ein bißchen Detektiv gespielt, nahe am Erfolg. Ich wurde dabei erwischt, als ich bei dem Justitiar einer Bank zu Hause am Schreibtisch saß. Vielleicht wäre ich fündig geworden. Aber ich konnte nichts beweisen. Dann hat er mich doch laufen lassen, der Justitiar, bevor die Polizei kam, in einer Hand eine Pistole, in der anderen das Telefon. Es ist heute schwer zu sagen, welche Hand mehr zitterte, die mit dem Telefon oder die mit der Pistole. Jedenfalls habe ich die Situation richtig eingeschätzt und bin einfach losgelaufen. Die Tür war ja offen. Er hatte sie nicht einmal hinter sich abgeschlossen.“
„Und jetzt bist du hier, Adam Riese, sozusagen als Zahlenmeister.“
„Wahrscheinlich unnötigerweise. Mein Vater schrieb, es sei keine Anzeige erstattet worden, und in den Zeitungen hätte nichts davon gestanden.“
„Woraus du schließt, daß kein Staub aufgewirbelt werden sollte.“
„Das vermuten wir.“
[ebd., 172 ff.]

Ergänzend hierzu:
Damals, 1950 in Sétif, – das habe ich in diesem Roman nicht erwähnt – wurden wir in einem Kaffee von einem israelischen Agenten angesprochen. Er sagte uns, sein Land sei an Kriegserprobten Soldaten sehr interessiert, und bot uns an, nach unserer Rückkehr aus Vietnam und nach Ablauf des (fünfjährigen) Dienstvertrages bei der israelischen Armee „anzuheuern“. Wir müssten den jüdischen Glauben annehmen und würden israelische Staatsbürger werden, könnten die Militärakademie besuchen und Offizier werden.
Ich habe mir das damals ernsthaft durch den Kopf gehen lassen und mit „Miros“ darüber diskutiert, doch wir wollten erstmal abwarten, was in Vietnam auf uns zukommt. Heute sage ich, es war gut, dass wir auf diese „Karriere“ verzichtet haben. Sechstagekrieg 1967! dst.

Von blog.de (18. 04. 2012) übernommen.

Ein Gedanke zu “Begegnungen (Deutschland 1933, Algerien 1950, Vietnam 1952). Romantexte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s