Geschichtsauffassungen

Wenn die neuen Historiker-Generationen sich von der einseitigen Geschichtsbetrachtung abwenden, sie durch (Sich) Hineinversetzen und Respektieren ersetzen, wenn sie die Geschehnisse vergangener Zeiten nicht verurteilen“, sondern sie beurteilen, wenn sie die Vergangenheit in ihrer multikausalen Komplexität erforschen, sie erlebbar, nachvollziehbar und dadurch auch verstehbar machen, dann kann ich solch eine ganzheitliche Gesichtsauffassung nur begrüßen.
Wer auf diese Weise Geschichte und ihre Akteure verstehen lernt, die Zusammenhänge, Beweggründe, Umstände und Voraussetzungen, die vielfachen Relationen, der wird auch gegenwärtiges Geschehen aus seinen historischen Bedingungen begreifen und daher besser einschätzen können, während durch Schwarzweißmalerei und Verteufelung oder Heroisierung die Sicht verengt wird. Verstehen muss nicht rechtfertigen und entschuldigen heißen.

Geschichtsbewusstsein: ja! Die Wunden am Schwären halten: nein! schrieb ich vor ein paar Jahren, als mir klar wurde, dass durch Kultivierung und Instrumentalisierung von kollektiven Traumata und durch permanente Schuldzuweisungen keine Friedensfähigkeit entwickelt werden kann, denn sie enthalten bereits im Keim neue Konflikte, Gewalt, Krieg, neues Elend, neues Leid.

Das Nationalmuseum (Metapher für Geschichte) als Ort des Erinnerns und des Nachdenkens. Wir erfahren im Nationalmuseum aber nicht, wie wir die gegenwärtigen und künftigen Probleme (neoliberale, neokolonialistische Globalisierung, Hightech, Massenarbeitslosigkeit, Ressourcenverknappung, Klimaerwärmung, Verwüstung, Artensterben: drohender Ökokollaps, Nord-Südkonflikt und Verelendung ganzer Weltregionen…) konkret lösen können. Einstein([aus dem Gedächtnis zitiert): Mit den Methoden von gestern können wir die heutigen Probleme nicht lösen.

Auch wenn man quer durch die Geschichte nach den Ursachen eines Konfliktes, eines Krieges, eines Menschheitsverbrechens sucht, müssen alle Aspekte berücksichtigt werden, alle Faktoren, die dazu geführt haben. Es war ein langer Weg des Judenhasses zum Holocaust. Ein mehr als zweitausend Jahre langer Weg. Fallersleben hat an diesem Weg gestanden, – nicht als Zuschauer. Das muss man, wenn es zutrifft, wohl erwähnen. Die Frage nach den Gründen stellt und beantwortet dann der Historiker. Wir danken`s ihm.
Trotzdem bleibt für mich sein Lied der Deutschen inakzeptabel. Ich könnte es nicht singen, ohne dabei an die erste Strophe zu denken. Die habe ich noch im Ohr. Oder an den Trinkspruch „Stoßet an und ruft einstimmig: Hoch das deutsche Vaterland!“

Meine Generation ist den damaligen Ereignissen näher als du. Umso subjektiver ist die Wahrnehmung meiner Generation, der Karlheinz Deschner angehört, einer Kriegs-, einer betrogenen Generation. Er ist, geboren 1924, knapp zweieinhalb Jahre älter als ich. Er hat das Verdrängen und Verschweigen der Nazizeit in der Adenauer-Ära miterlebt und dagegen angeschrieben. Er hat nach den Ursachen des Faschismus gefragt und geforscht und ist dabei auf Ungeheures gestoßen. Zum Beispiel auf die Rolle der kroatischen und katholisch-faschistischen Ustascha-Partei und ihres Anführers Ante Pavelic, eine Geschichte der Gräuel, die auf dem Balkan bis in die Gegenwart hineinwirkt. Sie wird im übrigen Europa, besonders in Deutschland und Italien, aus machtpolitischen Gründen ignoriert.
Deschner und andere Nachkriegsautoren haben in ihrer unmittelbaren Betroffenheit politisch und ethisch motiviert gegen den damaligen Zeitgeist angeschrieben und publiziert, während eine ganze Nation sich einer kritischen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit verweigert hat. Das hat ihren Stil geprägt, bei Deschner bis heute. Sollte ein jüngerer Historiker sich nicht auch in die ältere Historikergeneration hineinversetzen und sie respektieren können?

Darauf wendest du ein: „(…) Denn gerade die von dir zitierte Einsteinsche Äußerung:  ´Mit den Methoden von gestern können wir die heutigen Probleme nicht lösen…`  finde ich (…) total falsch – zumindest was die Geschichte anbelangt. Es gibt unendlich viele Beispiele, in denen eben die ´Methoden von gestern` den Weg in die Zukunft gewiesen haben, nachdem man für viele Jahre einen falschen Weg beschritten hat. (…) Die Methoden von gestern werden als Möglichkeit gesehen, die Probleme von morgen zu lösen.“  Und du bringst eine Reihe von Beispielen, die mich überzeugen. Denn es folgt ein Satz, der verdeutlicht, wie das verstanden werden soll: „…wir (dürfen) zwischen »Heute« und »Gestern« keine festen Grenzen ziehen.“

Dies entspricht der aperspektivischen Sichtweise, an die ich mich jetzt wieder erinnere:
„Der Ursprung ist immer gegenwärtig. Er ist kein Anfang, denn aller Anfang ist zeitgebunden. Und die Gegenwart ist nicht das bloße Jetzt, das Heute oder der Augenblick. Sie ist nicht ein Zeitteil, sondern eine ganzheitliche Leistung, und damit auch immer ursprünglich. Wer es vermag, Ursprung und Gegenwart als Ganzheit zu Wirkung und Wirklichkeit zu bringen, sie zu konkretisieren, der überwindet Anfang und Ende und die bloß heutige Zeit.“
Jean Gebser (1905-73), aus dem Vorwort zu Ursprung und Gegenwart, DVA, 1949

Eine integrale Weltsicht, die Gebser der Kernphysik und dem Zen-Buddhismus verdankt.

Nun noch zu den „schwärenden Wunden“:
Du fragst und meinst: „Ist es eben nicht das ´Am-Schwären-Halten`, wenn man bei unserer heutigen Nationalhymne (die nun einmal NICHT die erste, sondern die dritte Strophe umfaßt) an das »Damals« denkt und der Generation, die sich (…) vielleicht auf ihre ganz eigene Art und Weise mit dem Inhalt identifizieren kann, mit dem erhobenen Finger kommt und sagt: ´Aber!…`“
Nein, es sind keine Wunden, die „am Schwären gehalten“ werden, keine schwärenden Wunden, sondern Narben; sie erinnern mich wie die Narben von der Verwundung durch Splitter einer britischen Eierhandgranate, die mir im Dezember 44 um die Ohren geflogen sind, an eine Zeit, in der viele meiner Generation ihre Irrtümer bitter bezahlt haben. Der Ausspruch gegen das „Am-Schwären-Halten“ war aber an einen von Deschners Mitautoren gerichtet.

[Aus einer Foren-Diskussion um 2003]

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