Eine Reise nach gestern

Über eine Mundarttagung in Schlesien zum Hundertsten eines Dichters

Angereist waren aus ganz Westdeutschland insgesamt über 60 Senior/inne/en von 60 bis 92 und aus Görlitz ein uns befreundeter, frühpensionierter Lehrer, der Wege zu einer deutsch-polnischen Verständigung sucht. Dann ein jüngerer Tierarzt aus Bayern. Er besitzt im polnischen Schlesien ein Haus, erworben über einen polnischen Strohmann („Wir müssen uns Schlesien zurückkaufen…“). Seine Frau spannte bei jedem Wetter ihren Regenschirm auf. Der trug das Schlesieremblem und eine entsprechende Aufschrift. Ferner: ein Gärtnermeister, Bauernsöhne und -töchter, Handwerker, Beamte, Lehrer, Lehrerinnen, ein Professor, ein Sänger und Komponist, Ehefrauen… Es waren zwei Mundartgruppen und dazu noch etwa 15 in Polen lebende, zumeist mit Pol/inn/en verheiratete Deutsche eines deutschen Freundeskreises.
Sie alle haben sich der Pflege schlesischen Brauchtums, besonders der alten Sprache, verschrieben und verehren

opa AusschnittErnst Schenke im Alter von ca. 85.
Foto © Dietrich Stahlbaum (um 1980)

Ernst Schenke als ihren Dichter. In seinen Gedichten, Stücken und Geschichten erkennen sie sich wieder. Es ist die Welt der „kleinen Leute“, ihrer Kindheit, die Schönheit ihrer Landschaft. Es ist ihre Sprache.  Ernst Schenke hat ihnen die schlesische Mundart, die bislang fast ausschließlich mündlich überliefert wurde, auch lesbar gemacht, gemeinsam mit seiner Frau. Texte von ihm befanden sich in nahezu allen Schulbüchern Schlesiens. Er hatte als Kind unter dem Schneidertisch seines Vaters gehockt und den Gesprächen und Geschichten, die man sich da, selten einmal in Hochdeutsch, erzählte, gelauscht und früh zu schreiben begonnen, mit großem Erfolg, auch für den Breslauer Rundfunk, wo er jede Woche las.

Meine Frau und ich waren ein paar Tage früher gestartet. Wir haben Weimar und Bautzen gesehen und haben bis zum Beginn der Tagung im ehemaligen Elternhaus meiner Frau am Zobten (718rn) polnische Gastfreundschaft erleben können; in dem Haus, in dem Ernst Schenke gelebt und gearbeitet hat. Es gehört seit den fünfziger Jahren einem – ebenfalls vertriebenen – Polen aus der Ukraine. Er hat das Haus restauriert und ausgebaut. Dann zogen wir um auf die andere Seite des Zobten in ein Schloß, das einstmals zu einer Abtei ausgebaut worden war, zuletzt als Bergmannsheim gedient hatte und nun Hotelgäste bewirtet. Hier fand die Tagung statt: Lesungen, auch von Teilnehmertexten, Gespräche und Gesang vertonter Gedichte etc. Eine Rundfahrt in einem polnischen Bus u. a. nach Nimptsch, zu Ernst Schenkes Geburtsort. Dort wurde am Rathaus eine Gedenktafel (in polnisch und deutsch) eingeweiht, in Anwesenheit des Bürgermeisters und der Kulturbeauftragten von Nimptsch, die beim anschließenden Empfang meiner Frau ein T-shirt überreichte, mit einem Aufdruck der grünen Mehrheitsfraktion!
Man hatte das Geburtsregister von 1896 herausgesucht und die Seite mit dem Eintrag des Geehrten aufgeschlagen. Danach Gottesdienst in der Friedenskirche von Schweidnitz mit der Predigt eines polnischen Pfarrers, auf deutsch. Den Gestrigen mißfiel sie. Sie handelte vom Verlust und vom Verlieren-können-müssen. Am Sonntag Morgenandacht und Besteigung des Zobten.
Meine Frau hatte Befürchtungen, diese Tagung könnte für eine Politik, die ihr Vater stets abgelehnt hat, mißbraucht werden, und hatte dazu in einem Brief vorbeugend Stellung bezogen. Auch ich hatte für den Fall der Fälle ein Papier vorbereitet und dann doch darauf verzichtet, es zu verteilen, weil ich einsehen mußte, daß die Gestrigen es geblieben wären. Viele von ihnen hatten Schlimmes bei der Vertreibung erlebt. Jetzt sahen sie die Ruinen ihrer Elternhäuser oder gar nichts mehr davon. Überall Verfall. Aber auch Wiederaufbau, Restaurierung, Neues.

Da kam so manches hoch und kochte über. Es wurde, als wir an den Resten eines Landgutes vorüberfuhren, stolz daran erinnert, daß dies der Geburtsort des „höchstdekorierten Offiziers der deutschen Wehrmacht“ gewesen ist (Generaloberst Rudel!). In Kreisau, wo von 1933-44 der Widerstandskreis der Grafen Moltke sich getroffen hatte, blieb ein Teil der Leute im Bus sitzen: aus Protest! Hier entsteht eine polnisch-deutsche Jugendbegegnungsstätte. Der Gärtnermeister versuchte, einem deutschen Zivi einzureden, daß hier zuerst einmal die Geschichte Schlesiens als Bestandteil Deutschlands und die Vertreibung (der Deutschen natürlich) aufgearbeitet werden müßte. (Die meisten der in Schlesien angesiedelten Pol/inn/en, bzw. deren Eltern, sind ebenfalls vertrieben worden: aus der Ukraine – von den Sowjets!) Die Gruppenveranstaltungen blieben der Mundart vorbehalten und von solchen Äußerungen verschont.
Unser Görlitzer Freund – er hatte einen besonders aggressiven Polenfeind als Zimmergenossen – mußte die Erfahrung machen, daß er sich auf einem Weg befand, auf dem wir Deutschen uns nicht einmal über unsere eigene Geschichte verständigen können. Die Wege zum Gipfel des Zobten sind steinig, aber begehbar. Dieser Weg führte zu keinem Gipfel.

Dietrich Stahlbaum

[WAZ und Recklinghäuser Zeitung, 24. 05. 1996]

Wie nicht anders zu erwarten: Der Bericht hat in Vertriebenenkreisen wie eine Bombe eingeschlagen und zu lebhaften Diskussionen geführt. Die Reaktionen vorausahnend, habe ich das Missfallen darüber, dass die

Schenke-Gedenktafel

Gedenktafel

auch einen polnischen Text hat, gar nicht erst erwähnt. Heute arbeiten deutsche und polnische Historiker gemeinsam deutsch-polnische Geschichte auf. dst.

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