Verstehen, um zu verändern. Die Kriegsgeneration des Günter Grass im Zeitzeugenstand

Günter Grass muss geahnt haben, welche Lawine er lostritt, wenn er sein letztes Geheimnis preisgibt. Deshalb kam sein Eingeständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, so spät. 60 Jahre lang Scham und Angst. Mit diesem Wissen, das sein Gewissen so lange belastet hat, saß er 1983 neben Heinrich Böll, Oskar Lafontaine, Walter Jens, Petra Kelly und mehreren tausend anderen in Mutlangen auf der Straße und blockierte den Zugang zum US-Camp, um gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen zu demonstrieren, bis die Polizei ihn wegtrug. Mit diesem Wissen hat er sich mit Wort und Tat für eine friedliche Lösung des Ost-West-Konflikts und für eine deutsch-polnische Partnerschaft eingesetzt.

Nun fällt man über ihn her – mit derselben Selbstgerechtigkeit, die man ihm vorwirft, und verschweigt, dass die Division, zu der Grass kurz vor Kriegsende einberufen worden war, nur noch ein eilig zusammengetrommelter Haufen zumeist versprengter Wehrmachtsoldaten und frisch eingezogener Sechzehn-/Siebzehnjähriger war, die, in Waffen-SS-Uniformen gesteckt, an der zerbröckelnden Ostfront „verheizt“ werden sollten und wurden.

Zwei wesentliche, aktuelle Fragen aber, die sich Grass und seiner Kriegsgeneration stellen, werden geflissentlich übergangen:

1. Warum sind besonders junge Menschen in totalitären Systemen leicht verführbar?
2. Woher kommt die Begeisterung für alles Militärische?

Zwar können diese Fragen hier nicht erschöpfend beantwortet werden: sie sind vielschichtig und komplex; aber ich kann vielleicht aus eigenem Erleben und Erfahren dazu beitragen, dass sie beachtet werden. Denn Verhaltensweisen, die wir missbilligen, lassen sich nicht durch öffentliche Empörung und moralische Appelle aus der Welt schaffen, sondern dazu müssen wir zuerst einmal die jeweils äußeren Umstände und die inneren Beweggründe kennen und verstehen.

Autoritärer Geist

Verhaltensprägend sind, wenn nicht später kritisch reflektiert, Kindheitserlebnisse und -erfahrungen. So herrschte in der „Kaiserzeit“ ein patriarchalisch-autoritärer Geist mit militaristischer Ideologie und Erziehung. Dies hat junge Männer derart geprägt, dass sie in der Weimarer Republik Pazifismus und Demokratie nicht verinnerlichen konnten. Deshalb wurden viele von ihnen Nazis aus Überzeugung wie mein Vater, der 1920 am Kapp-Putsch beteiligt war und 1933 die Hitlerfahne schwenkte. Dementsprechend erzog er seinen Sohn: in preußischem Geist deutsch-nationalistisch.

Patriarchalische Vorbilder

Vorbilder meiner Generation waren in Filmen, Geschichtsbüchern, im Schulunterricht und bei der „Hitlerjugend“ Feldmarschälle, Generäle und andere Soldaten, die als Kriegshelden zu verehren waren.

Pubertäres

Wie schon unsere Großväter sangen wir Pimpfe: „Frischauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd, ins Feld, in die Freiheit gezogen! Im Felde, da ist der Mann noch was wert, da wird ihm sein Herz erst gewogen…“ „Krieg ist der Vater aller Dinge“, hieß es damals.

Kriegsspiele

Wie Generationen vor uns spielten wir mit Holzschwertern, Pfeil und Bogen, Bleisoldaten, Zinnsoldaten Krieg. Später ließen wir die Deutsche Wehrmacht in originalgetreuer Nachbildung in unserm Kinderzimmer aufmarschieren, veranstalteten Luftkämpfe und Seeschlachten. Bei den Pimpfen begann eine vormilitärische Ausbildung: Geländekunde und –sport. Bei der „Hitlerjugend“ lernten wir Segeln, Segelfliegen, Motorradfahren im Gelände und Schießen (Kleinkalibergewehr, -pistole). Unsere militärische Grundausbildung war nahezu abgeschlossen, als wir einberufen wurden.

Faszination der Kriegstechnik

Bei Militärparaden, Flug-, Flotten- und Truppenschauen wurde die neuste Militärtechnik gezeigt und bei Manövern vorgeführt. Das hat uns fasziniert.

Pseudoreligiöser Heldenkult

Im Zweiten Weltkrieg wurden junge, hochdekorierte Offiziere zu uns in die Schule und zum HJ-Dienst geschickt. Wer wie ich schon zuhause vorprogrammiert war, ließ sich begeistern und eiferte ihnen nach. Der Soldatentod wurde zum „Heldentod“ umgemünzt. (Islamistische Selbstmordattentäter glauben an ein Jungfrauenparadies.)

Ich erinnere mich an eine junge Baroness, die HJ-Führer auf das Rittergut ihrer Schwiegereltern eingeladen hatte, um den „Heldentod“ ihres Mannes zu feiern. Ein Leutnant war es gewesen, kaum viel älter als wir, ein ehemaliger Mitschüler, ein paar Klassen über uns. Die junge Soldatenwitwe führte uns zu einem eigens für diese Feier errichteten Hausaltar, und stolz zeigte sie uns alles, was sich darauf befand: Briefe, Fotos, Uniformstücke und Orden. „Er ist für den Führer gefallen“, sagte sie. Der Stolz hatte ihre Trauer verdrängt. Mich hat dieses Erlebnis in meinem Glauben an „Führer, Volk und Vaterland“ bestärkt.
„Jeder Soldat hat den Marschallstab im Tornister“
„Jeder Soldat hat den Marschallstab im Tornister“, sagte man uns. Ich konnte nicht früh genug Soldat werden, um eine Offizierskarriere anzustreben. Zum 1. Juli 44 wurde ich, 17 Jahre alt, einberufen.

Erst nach 45 wurde ich über den Faschismus gründlich aufgeklärt und wendete mich davon ab, nicht aber vom Militarismus. Das Soldatentum hatte ich noch in den Knochen. Der Traum von der Offizierskarriere war ja nicht realisiert worden. Deshalb konnte ein ziviler Beruf, den ich erlernte, mich nicht befriedigen, und so hielt mich nichts davon ab, nochmals Soldat zu werden: Fremdenlegionär (1949-54).

Das Herrschaftsprinzip

Das Herrschaftsprinzip (Befehl-und-Gehorsam – gehorchen und kommandieren) ist der unbewusste Motor, der, neben äußeren Gründen, auch heute junge Männer in die Armeen treibt. Wie groß die Gehorsams- und Gewaltbereitschaft und wie niedrig die moralischen Schranken sind, hat das Milgram-Experiment gezeigt. (Im Internet bei Wikipedia)
Solche subjektiven Faktoren sollten in die Friedensarbeit einbezogen werden.

Dietrich Stahlbaum

Literatur: Dietrich Stahlbaum: Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht, Aachen 2000. Ein zeitdokumentarischer, pazifistischer Roman. Und: Der kleine Mann. Geschichten, Satiren, Reportagen, Recklinghausen 2005.

[In: ZivilCourage Nr. 4 – September/Oktober 2006]

Ein Gedanke zu “Verstehen, um zu verändern. Die Kriegsgeneration des Günter Grass im Zeitzeugenstand

  1. […] Dem hochgelobten Lyriker und Erzähler werden von dem Philologen auch viele Sprach- und Stilschlampereien nachgewiesen. Die Zitate und Kommentare füllen 23 Seiten des Buches. Es hat mich veranlasst, meine Meinung über den Literaturnobelpreisträger Grass zu ändern. * Wolfgang Beutin: Der Fall Grass. Ein deutsches Debakel Peter Lang Verlagsgruppe Bern, Berlin, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien 2008. ————– * Hierzu auch → https://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/2015/08/28/verstehen-um-zu-veraendern-die-kriegsgener… […]

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