„Späte Einsicht“. Leserbrief zu einem Zeitungskommentar zum Afghanistankrieg

…an das Medienhaus Bauer, Marl, zu: „Ein schrecklicher Irrtum“ (Klaus Bölling) vom 12. September 2013

Klaus Bölling meint den nach seiner Einschätzung „heute schon verlorenen Krieg am Hindukusch“ und erinnert an Vietnam. Eine späte Einsicht. Ich hatte 1982 Gelegenheit, einen jungen afghanischen Lehrer kurz nach seiner dramatischen Flucht mit Frau und Kind aus Kabul zu interviewen. *)

Familie Nima in Bochum. Foto © Dietrich Stahlbaum 1982
Familie Nima in Bochum. Foto © Dietrich Stahlbaum 1982

Durch seinen Bericht über die Hintergründe des sowjetischen Einmarsches, über die Geschichte seines Landes, über die Bevölkerung und den Widerstand wird klar, weshalb alle Versuche fremder Mächte, in Afghanistan Fuß zu fassen, gescheitert sind und scheitern werden:
Der größere Teil der Bevölkerung Afghanistans sind Bergvölker, in Lebensverhältnissen, die den abendländischen im frühen Mittelalter entsprechen, mit patriarchalischen Stammeskulturen und dementsprechenden Auffassungen. Es sind Gewaltverhältnisse, die in Europa über den 30-jährigen Krieg hinaus bestanden und erst durch die bürgerlichen Revolutionen [Ende 18./19. Jh.] beendet wurden und durch andere Gewaltverhältnisse abgelöst worden sind. Zu glauben, den Afghanen gelänge das, was uns Europäern misslungen ist: ein Evolutionssprung über mehrere Jahrhunderte, ist pure Illusion. Circa 70% sind Analphabeten, bei den Frauen sollen es mehr als 95% sein!
Kabul repräsentiert nicht Afghanistan, sondern ist/war Hochburg einer kleinen bürgerlichen Schicht, im Westen, zum Teil in Deutschland ausgebildeter Wissenschaftler, kritischer Intellektueller und mehr oder minder korrupter Militärs.
„Afghanistan hat feudale S t r u k t u r e n. Damit meine ich die Stammesstrukturen des Landes. Es ist ein Vielstämmestaat. Es gibt eine Vielzahl autonomer Stämme in Afghanistan. Unter diesen Stämmen gab es gute Beziehungen, manchmal auch Streitigkeiten. Die politische Ebene des Feudalismus wird in Afghanistan durch die Ebene dieser Stämme durchbrochen, und oft ist das Phänomen der Stämme stärker als das feudalistische. Die Feudalstrukturen sind also von den Stammesstrukturen bestimmt.“

Damals schon ein Land mit eigenen Gesetzen.

„Der Widerstand ist für uns eine rein nationale Freiheitsfrage. Das hat weder mit der Religion noch mit einer Ideologie etwas zu tun. Es geht uns um unsere nationale Souveränität. Wir hätten genauso, wie wir die sowjetische Armee verdammen und bekämpfen, eine amerikanische Armee oder eine pakistanische oder eine chinesische Armee verdammt und bekämpft, wenn sie in unser Land hereingekommen wäre. Und da hätten wir vielleicht noch mehr Erfolge gehabt, weil, geopolitisch gesehen, die Nachschubmöglichkeiten für die Amerikaner in Afghanistan noch schlechter wären als für die Russen. (…)
Das Land okkupieren und einnehmen mit einer vielleicht idealen Zielvorstellung, wenn die betroffene Bevölkerung dies nicht will, weil sie, nach europäischen Vorstellungen, um dreihundert Jahre zurück ist und an Allah glaubt und die Freiheit liebt und sich total sperrt: Das ist fatal. (…) Wir Afghanen wollen nicht fremdbestimmt sein“, sagte mir 1982 Azim Choram Nima, der in Deutschland ausgebildet worden ist.

Afghanistan kann nicht von fremden Mächten befriedet werden! Es kann nur sich selber von den Taliban befreien und aus sich selber heraus Frieden schaffen – ohne Waffen. Und das kann sehr lange dauern. Mit unseren militärischen Eingriffen behindern wir Fremden diesen Prozess. Entwicklungshilfe und Diplomatie könnten das Leiden in diesem Land lindern, gäbe es da nicht Drogen-, Waffenhandel, Korruption und Wahlbetrug, Machenschaften, an denen Präsident Karzai beteiligt sein soll. Ein Strohmann der US-Regierung.

Dies sind auch die Gründe, die uns LINKE veranlasst haben, den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan abzulehnen. Wir haben von Anfang an vor einem humanitären und militärischen Desaster gewarnt. Nun ist dies nicht mehr zu übersehen. Krieg ist die Fortsetzung einer falschen Politik mit anderen Mitteln.

Erschienen am 16. September 2013 in den Zeitungen des Medienhauses Bauer, u. a. in der „Recklinghäuser“, unter dem Titel »Der Widerstand als rein nationale Frage: Afghanistan kann nicht von fremden Mächten befriedet werden!«

*) Das ganze Interview in: Dietrich Stahlbaum: Der kleine Mann. Geschichten, Satiren, Reportagen aus sechs Jahrzehnten, Recklinghausen 2005, S. 70 ff. Die Printausgabe ist vergriffen. Jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_title-de-dietrich-stahlbaum-der-kleine-mann

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