Agnes Miegel, Ernst Schenke und der Nationalsozialismus

Kommentar zu einem Bericht in den Ruhrnachrichten vom 15. 07. 11 *) über die beantragte Namensänderung des Agnes-Miegel-Weges in Olfen:

Ich war von 1938 bis 1944 Schüler einer Agnes-Miegel-Schule in Ostpreußen und habe nationalsozialistische Indoktrination auch im Unterricht erfahren. Dabei spielte das Werk der deutsch-völkischen Dichterin keine geringe Rolle. Sie selber ließ sich bei einem Besuch als Patin unserer Schule feiern – von uns Pimpfen in Uniform, von den Lehrern und Lehrerinnen, samt „Direx“, ebenfalls in Uniform, war er doch zugleich der Ortsgruppenleiter, oberster NSDAP-Chef unserer kleinen Stadt.
Ostpreußen war eine Nazihochburg, trotz des großen Königsbergers, der uns allen nahegelegt hat, „sich des eigenen Verstandes zu bedienen“: Immanuel Kant. Von ihm war in unserer Schule keine Rede.

Ob Naivität oder Kalkül, da Agnes Miegel auch nach 1945 die nötige Einsicht gefehlt hat („Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“) sind die Ehrungen, die ihr nach dem Zusammenbruch des Naziregimes zuteil wurden, unangemessen. Das heißt noch lange nicht, ihre Werke sollten als „entartet“ bezeichnet und verbrannt werden. Dies haben die Nazis getan, z. B. mit den Büchern eines deutschen Dichters, der 1821 schrieb: «Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.» – : Heinrich Heine.

Zitat aus seiner Tragödie Almansor, die von einer Verbrennung des Korans während der Eroberung des spanischen Granada durch christliche Ritter handelt (!).

Übrigens wurde 2010 eine Agnes-Miegel-Schule in Wilhelmshaven in Marion-Dönhoff-Schule umbenannt. –

Ostpreußen ist zwar eine Nazihochburg gewesen, wie andere, vor allem ostdeutsche Grenzregionen auch; dennoch gab es hier Menschen, die den Durchblick und den Mut hatten, das Naziregime, wenn auch vergeblich, zu bekämpfen, wie – Marion Dönhoff. Sie gehörte zum Kreis des Widerstandes vom 20. Juli 1944. Andere, Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller, die das Regime abgelehnt haben und nicht auswandern wollten oder konnten, sind in die „Innere Emigration“ gegangen, wie mein Schwiegervater Ernst Schenke, der bekannteste schlesische Heimatdichter und Redakteur einer Breslauer Zeitung. Er entzog sich der NS-Bevormundung und –bespitzelung durch Umzug mit seiner Familie in ein Dorf am Zobten, wo Paul Löbe, Sozialdemokrat und vor 33 Reichstagspräsident, versteckt wurde.

Ernst Schenke im Alter von ca. 85. In Münster ist nach ihm eine Straße benannt. Foto © Dietrich Stahlbaum (um 1980)
Ernst Schenke im Alter von ca. 85. In Münster ist nach ihm eine Straße benannt.
Foto © Dietrich Stahlbaum (um 1980)

Auch die Schenkes lebten in ständiger Angst vor den Rassisten, denn meine Schwiegermutter, eine Waise, konnte den „arischen Nachweis“ nicht erbringen. Sie hatte, was ihre Herkunft aus Galizien und ihr Mädchenname vermuten ließen, jüdische Eltern oder einen jüdischen Vater.
Sollte Agnes Miegel nichts von solchen Tatsachen gewusst oder nach 45 erfahren haben?

*) → http://www.recklinghaeuser-zeitung.de/nachrichten/region/Noch-keine-Entscheidung-zum-Agnes-Miegel-Weg;art999,512216

Von blog.de (18. 07. 2011) übernommen.

Ein Gedanke zu “Agnes Miegel, Ernst Schenke und der Nationalsozialismus

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