Frisch in Erinnerung: Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die ersten Nachkriegsjahre

Das einzige Foto, auf dem ich als Soldat abgebildet bin, Herbst 1944
Das einzige Foto, auf dem ich als Soldat abgebildet bin, Herbst 1944

„Vorwärts, Kameraden, es geht zurück!“

Am späten Nachmittag des 7. Mai 1945 erreichten wir, Wilfried und
ich, von Osten herkommend, das Ufer der Elbe fast an derselben Stelle,
an der wir ostwärts gefahren waren. Wir waren im März von einem
Brückenkopf nördlich des Waal zwischen Arnheim und Nimwegen
vertrieben worden, hatten unsere Kompanie verloren und uns einer
FLAK-Einheit angeschlossen. Sie war nun nicht mehr gegen Flugzeuge,
sondern gegen Panzer eingesetzt. Diese Einheit wurde mit ihren
8,8 cm- und 3,7 cm-Kanonen von der nicht mehr bestehenden Westfront
an die nicht mehr bestehende Ostfront verlegt, überquerte bei
Hitzacker die Elbe und sollte den Schutzring um Berlin verstärken.
Wilfried und ich, frisch gebackene Fahnenjunker-Unteroffiziere, Jahrgang
26, fuhren mit einem requirierten Motorrad der FLAK-Batterie
voraus und sondierten die Lage. Wir versuchten den jeweiligen Verlauf
der „Front“ zu erkunden und gerieten dabei immer wieder zwischen
Kampfverbände der Alliierten.

Auf der Brücke bei Hitzacker, eine der letzten Elbbrücken, die noch
nicht ganz zerbombt waren, bewegten sich schnell zusammengetrommelte
Reste deutscher Truppen im Schneckentempo nach Osten,
während sich nach Westen ein Strom ziviler Flüchtlinge ergoss. Die
Brücke war immer wieder verstopft. Dann wurden die Flüchtlinge,
teils zu Fuß, teils mit Pferd und Wagen, gewaltsam zurückgedrängt.
Was das für die unbewaffneten Menschen, meist Frauen, Kinder und
Alte, denen die Angst vor der Sowjetarmee im Nacken saß, bedeutete,
ist mir erst viel später bewusst geworden, als das Nachdenken begann.
Solch ein Elend hatten wir an der Westfront ja nicht erlebt.
Bevor wir, Wilfried und ich, auf der Brücke waren, fielen mir
Bombentrichter auf, neben der Straße. Bald sahen wir die Elbe und
auf ihr lauter Boote, die, voller Menschen, vom Ostufer zum Westufer
wechselten und fast leer wieder zurückkamen. Wilfried hatte wohl
denselben Gedanken wie ich, denn wir nickten einander zu, fuhren
hinunter zum Ufer des Flusses und ließen uns mit einem kleinen Boot
übersetzen. Das Motorrad hatten wir zurück lassen müssen. Als wir
mitten auf der Elbe waren, kamen sie dann auch: Jabos, Jagdbomber.
Im Tiefflug schossen sie über die Brücke hinweg, warfen Bomben und
feuerten mit ihren Bordkanonen. Die Brücke wurde getroffen. Durch
unseren Feldstecher sahen wir, was die Jabos angerichtet hatten. Bei
einem zweiten Anflug schlugen die Geschosse zwanzig Meter neben
uns ins Wasser. Am anderen Ufer warteten wir auf unsere FLAK-Kolonne
und fuhren auf einem erbeuteten Jeep ostwärts der Roten
Armee entgegen. Der Flüchtlingsstrom riss nicht ab. So kamen wir
zu einem verlassenen Haus, einem Fährhaus oder dergleichen. Hier
wollten wir, ehe uns alles abgeschnitten würde, die letzte Nacht in
Freiheit verbringen, um am nächsten Morgen hinüberzuschwimmen.
Wir hatten in einer kleinen Mulde unter Reisigbüscheln ein Schlauchboot
entdeckt und im Keller des Hauses große Vorräte an Konserven
und mehrere Flaschen Wein und Schnaps. Satt und besoffen (wie man
das wohl nennen darf) schliefen wir dem 8. Mai entgegen.
Nach einem Tiefstschlaf von mehreren Stunden meldete sich bei mir
die Blase. Ich ging vors Haus und hörte Schüsse in der Ferne. Aus dem
Osten fliehende Soldaten hatten uns schon gesagt, die Russen seien
ihnen auf den Fersen. Aus dem Osten erschallten auch die Schüsse.
Ich stürzte ins Haus, nahm das Fernglas und kletterte aufs Dach. Der
Morgen hatte begonnen, aus den Wiesen stiegen Nebelfelder hoch,
und ich wollte schon wieder hinunterklettern, da sah ich, nicht weit
von uns entfernt, Staubwolken am Waldrand. Ich erkannte einen kleinen
Reitertrupp, der auf uns zukam. Der Rest ist so schnell erzählt, wie
das, was dann folgte, passiert ist.

Ich riss Wilfried aus dem Schlaf, wir packten ein paar Habseligkeiten
zusammen, trugen das, wie sich herausstellte, halbaufgeblasene
Schlauchboot ans Wasser, legten unsere Sachen darauf und schwammen,
das Gummiboot quer zur Strömung vor uns herschiebend, zum
anderen Ufer. Dort trat ein Soldat aus dem Gebüsch heraus und rief:
„Come here, boys!“

Die Unterhosen des Generals

Es war ein riesiges Auffanglager gleich hinter der Elbe. Mitten im Wald.
Bewacht von amerikanischen Soldaten, die, auf Blickkontakt von einander
entfernt, um uns herum Posten bezogen hatten. Das Erste, was uns auffiel, war
die Lässigkeit, mit der sie ihren Wachdienst versahen. Das Zweite war der uns
fremde Geruch, das Parfum ihrer Zigaretten, die sie eine an der anderen
ansteckten, als seien Streichhölzer knapp. Wir waren hier zu Tausenden, hatten
uns einzeln oder zu zweit mit bloßen Händen ein Loch in den weichen,
feuchten Waldboden gegraben. Wer noch eine Zeltplane besaß, spannte sie
darüber, als Wind- und Wetterschutz. Tags war es sonnig und warm, nachts
jedoch noch recht kalt.

Wir bekamen die Marschverpflegung der amerikanischen Soldaten, eiserne
Rationen, in Blechdosen, einmal am Tag einen Blechkasten voller Konserven
mit Seife und Klopapier und ein paar Zigaretten. Die Ration für sechs oder
zwölf US-Soldaten mussten sich drei- oder vier Mal so viele Gefangene teilen.
Jeder von uns bekam drei gekochte Bohnen, eine halbe Ölsardine, eine viertel
Scheibe Weißbrot und einen Löffel voll Instantkaffee, der in kaltem Wasser
aufgelöst wurde. Oder einen Zipfel Trockenwurst, eine Messerspitze Steak,
sechs Nudeln, einen Keks und ein winziges Stückchen Schokolade. Das
Klopapier haben wir kaum gebraucht. Und mehr Zigaretten, die nach ein paar
Zügen an den Nächsten weitergereicht wurden, durften es auch gar nicht sein.
Gleich am ersten Tag erkundeten wir Fluchtmöglichkeiten, beobachteten das
Verhalten der Posten und die Wachablösung, besonders am frühen Morgen.
Nachts hörten wir vereinzelte Gewehr- und Maschinenpistolenschüsse. Sie
sollten uns signalisieren, dass ein Verlassen des Camps auf eigene Faust jetzt,
wo der Krieg zu Ende ist, zu riskant sei. Am dritten Tag aber trieb uns der
Hunger. Wilfried und ich, wir sagten uns, wenn wir noch ein paar Tage warten,
sind wir zu schwach, um uns auf den Beinen halten, geschweige denn laufen zu
können. Und wir krochen früh am nächsten Morgen zwischen zwei Posten, die
vor sich herzudösen schienen, hinaus in die Freiheit.

Diese war am folgenden Morgen schon wieder zu Ende. Wir hatten am Rande
einer kleinen Stadt in einem Unterstand übernachtet; ich war als erster wach
und steckte meine Nase heraus, um die Lage zu erkunden, genau in dem
Augenblick, als ein Jeep vorfuhr und zwei Amis auf uns zukamen,
Maschinenpistolen im Anschlag. Sie nahmen uns mit und lieferten uns in
einem ehemaligen Munitionsdepot ab. Erdbunker, Baracken. Ein von einem
zweieinhalb Meter hohen, doppelten Stacheldrahtzaun begrenztes Areal.

Hier saßen wir acht Tage lang fest und bekamen wenigstens täglich eine
warme Malzeit. Außer Kriegsgefangenen, die wie wir an ihren schmutzigen und
zerschlissenen Uniformen zu erkennen waren, befand sich im Lager ein Mann
in Zivil. Er wurde nachts in einer Baracke eingeschlossen. Sie war streng
bewacht und wurde so aufgeheizt, dass trotz der Abdichtung Wärme nach
draußen drang. Der Mann wurde vor Sonnenaufgang geweckt und musste bis
zum Sonnenuntergang – das war im Mai sehr spät – eine Grube ausheben,
gleich neben der Baracke. Er grub sich tiefer und tiefer, bis er mit seinem
Spaten nicht mehr hinaufreichte. Dennoch wurde er gezwungen, es immer
wieder zu versuchen. Ein Wachposten hatte ihn morgens in das Loch
geschubst, abends zogen sie den Erschöpften zu zweit heraus. Einmal sah ich,
wie ein farbiger US-Soldat, ein Schwarzer, ihm eine Tafel Schokolade
hinunterwarf, dann eine Zigarette anzündete und sie ebenfalls in das Loch
fallen ließ. Wir hörten, der Mann sei Holländer und habe der SS Juden verraten.
Anderen Gefangenen war es gelungen, den Doppelzaun unbemerkt
aufzumachen, und so verschwanden auch wir eines Nachts aus dem Lager.

Wilfried und ich, wir trennten uns, er in Richtung München, ich in Richtung
Oldenburg in Oldenburg. Dort wohnte Tante A., die Schwester meiner Mutter.
Meine Mutter war mit meinen jüngeren Geschwistern aus Ostpreußen zu ihr
geflüchtet. Dies hatte ich aus dem letzten Feldpostbrief, der mich erreichte,
erfahren. Ich ging zu Fuß, nachts, vom Wendland ins Oldenburgische, durch
Wälder und über Wiesen, schlief in Feldscheunen und –schuppen, erbettelte
mir auf den Bauernhöfen etwas Proviant. Einmal schoss ein großer
Schäferhund auf mich zu, beruhigte sich aber, als ich ihn ansprach und ihm die
Hand entgegenstreckte. Ein andermal fauchte ein Bulle hinter meinem
Rücken, und ich kam eben noch über den nächsten Zaun.

Schließlich stand ich in Oldenburg vor dem Haus meiner Tante und sah an der
Tür ein Schild einer internationalen Flüchtlingsorganisation. Der Hauswart,
der mich von meinen früheren Besuchen kannte, sagte, das Haus sei von der
Militärbehörde beschlagnahmt, die Tante und meine Mutter seien ausquartiert
worden und sie seien mit ihren Kindern nach Schleswig Holstein gereist. Meine
Tante habe alles zurückgelassen, das ganze Untergeschoss sei belegt, er, der
Hausmeister, würde aber gern das Obergeschoss aufschließen, der Herr
General und seine Gemahlin haben sicherlich nichts dagegen, wenn ich mich
neu einkleide. Ich könne mich auch duschen.

Tante A. hatte in ihrem preußischen Ordnungssinn alle Kleidungsstücke ihres
Mannes, der an der Ostfront war, sorgfältig verstaut, die zivilen Sachen wie die
Uniformen, die der Generalmajor bei festlichen Anlässen angezogen hat. (Und
sie hat – um vorzugreifen – in der Hoffnung auf seine Wiederkehr aus
russischer Gefangenschaft acht Jahre lang alles aufgehoben…)
Nun stand ich da, in zerlumpten, schmutzigen Klamotten, vor der
blütenweißen Unterwäsche meines Onkels und hatte nur noch den einen
Gedanken: ob mir wenigstens die Unterhosen passen würden? Denn Onkel H.
war etwas kleiner als ich und hatte einen Embonpoint. Einen Spitzbauch.
Die Unterhosen waren oben etwas weit und mussten zugebunden werden,
dennoch erreichte ich mit ihnen am 15. Juni 45 den Ort, an dem meine Tante,
meine Mutter, meine Geschwister und die Vettern bei Verwandten
untergekommen waren, und erhielt eine gehörige Abfuhr, als zuerst meine
Mutter, dann meine Tante sahen, wessen Unterhosen ich angezogen hatte.

Meine Mutter schimpfte: „Das kannst du doch nicht tun! Du weißt doch, wie
penibel Onkel H. ist!“ Auch Tante A. war empört. So etwas sei ihr in ihrem
Leben noch nicht passiert. Sie hat mir noch jahrelang die Unterhosen unter die
Nase gehalten.

Im Kral *

Die Briten hatten die Halbinsel Wagrien im Norden Deutschlands
zwischen Kiel und Lübeck zugemacht, um hier in Ostholstein und auf
Fehmarn Hunderttausende, wenn nicht Millionen deutscher Soldaten
gefangen zu halten. Sie sollten nach und nach entlassen werden, wurden
aber oft monatelang ohne sichtbaren Grund festgehalten.

Friedrichsthal bei Oldenburg in Holstein. Im Hintergrund das Gutshaus.
Friedrichsthal bei Oldenburg in Holstein. Im Hintergrund das Gutshaus.

Mitten in diesem riesigen Kral liegt das Landgut, das meiner Familie
zur zweiten Heimat werden sollte. Es gehörte dem „Alten Fritz“, einer
Großtante, die von „ihren Leuten“, den Landarbeitern, so genannt
wurde, weil sie mit ihrem zerknitterten Filzhut und ihrem Krückstock
dem Greis aus Potsdam sehr ähnlich sah. Die Madame war auch so
resolut wie er und wurde deshalb bewundert und gefürchtet.
Auf dem Hof und auf den Wiesen an den Scheunen standen große
Zelte. In ihnen waren Offiziere untergebracht. Unteroffiziere und
Mannschaften hatten kleine Zelte, aus Dreiecksplanen zusammengesetzt.
Die Wohngebäude waren mit Ostflüchtlingen „belegt“, wie es
damals hieß. Ebenso alle Kammern und Stuben in den Scheunen und
Schuppen. Menschen, die wir nicht kannten, nahe und entfernte
Verwandte, wir aus Ostpreußen und ein ganzer Clan aus Pommern.
Sie alle aufzunehmen, war für meine Großtante eine Selbstverständlichkeit.
Wo Not war, da half sie, so gut sie konnte. Sie war fast
achtzig, damals ein hohes Alter.

Ich hatte hier Gelegenheit, meine „Helden“ näher kennen zu lernen:
die Herren Militärs. Sie waren mir bislang als Vorbilder vorgehalten
worden. Nun hatten sie – in meinen Augen – mit ihren Insignien und
ihrer Autorität den Status als Idole verloren. Einer von ihnen ließ sich
von seinem Burschen Kippen sammeln, ein anderer Rosenblätter
trocknen. Der Tobak wurde, in Zeitungspapier eingewickelt, geraucht.
Das stank so fürchterlich, dass ich mir erst einmal das Rauchen
abgewöhnt habe. Das Menschlich-Allzumenschliche, das ich zu sehen
bekam, ließ mich ernüchtern und vom Glauben an jegliche Autorität
abfallen.

Eine Cousine 3. Grades aus dem Pommern-Clan vergnügte sich mit einem
jungen Major, der auch abgehalftert eine gute Figur machte. Sie war älter als
ich, verheiratet, hatte zwei Söhne, einen davon mit Sicherheit nicht von ihrem
Mann. Sie verschwand bei trockenem Wetter nach dem Mittagessen, das die
Großfamilie auf der Diele einnahm, mit einer Decke unter dem Arm durch eine
Hintertür des Guthauses im „Paradies“. Das so genannte Wäldchen durfte von
„Nichtbefugten nicht betreten“ werden.

Als ihr Ehemann, ein kleiner sächsischer Studienrat mit Bürstenhaarschnitt,
auftauchte, bahnte sich eine Katastrophe an. Der Major, verheiratet auch er,
verschwand zwar unversehens aus dem Blickfeld und der Rechtmäßige ertrug
die Schmach eine Weile lang still und tapfer, machte dann aber doch eines
Nachts mit sich selber Schluss.

Erzählt werden soll hier noch die Geschichte eines Mannes, der den
ganzen Landkreis in Aufregung versetzt hat, am meisten die Wohlhabenden,
und dann allen zeigte, wie man Feinde zu Freunden macht:

In der Mittagspause saß ich meistens auf der Veranda und schaute
auf den großen, weiten, mit weißem Kies bestreuten Hof. Ich sah den
Hühnern zu, den Gänsen, Spatzen, Tauben, der Entenmutter mit ihren
Küken und den Ferkeln, die immer wieder um den „Pudding“, ein
rundes Blumenbeet in der Mitte des Hofes, herumliefen und quietschten.
Gegenüber, vorm Pferdestall, war ein Weg, der von der Hauptstraße
über den Hof und weiter führte, zum nächsten Dorf. Er war mit großen
Kopfsteinen gepflastert. Es war ein heißer Sommertag. Ich war etwas
eingeduselt und schreckte auf. Unser Schäferhund meldete unerwünschten
Besuch, während eines der Pferde, das an der Stallwand angebunden
war, freudig zu wiehern begann. Es kamen zwei Reiter herangeritten,
Männer in britischen Uniformen, ein Offizier und ein Corporal.
Sie banden ihre Pferde an eine Teppichstange neben dem Gutshaus
und steuerten auf mich zu. Ich war hinausgegangen und stand auf der
Freitreppe, um sie zu empfangen.

Ein kurzer militärischer Gruß, und der Corporal fragte auf Deutsch:
„Wo ist Madame B.?“
„Madame B. hält Mittagsschlaf“, sagte ich. „Sie ist achtzig Jahre alt,
krank, und darf jetzt nicht gestört werden.“
Das schien sie nicht zu beeindrucken, denn der Offizier, ein Major,
drängte mich zur Seite, öffnete die Verandatür und betrat die Diele.
Ich ging hinterher. Schon hatte der Major die Türklinke zum Schlafzimmer
meiner Großtante in der Hand.
„Ist sie hier?“
Ich konnte nicht mehr verhindern, dass er eintrat, die im Bett liegende
Greisin sah, umkehrte und auf Englisch eine Entschuldigung stammelte.
Ich musste dem Major und seinem dolmetschenden Corporal alle
Zimmer, Kammern und sonstigen Räume zeigen – sie wurden
vermessen – und die Anzahl der Menschen nennen, die sie benutzten.

Am Ende sagte der Offizier, nun auf auf Deutsch: „Da ist kein Platz
mehr“, und verabschiedete sich mit einem freundlichen Blick.
Bald hörten wir, dass der Major die Stadtkommandantur befehligte
und sich rigoros um eine menschenwürdige Unterbringung von
(deutschen) Ostflüchtlingen kümmerte. Die Baracken, wir nannten sie
„Nissenhütten“, waren überfüllt.

Nissenhütte
Nissenhütte

Und sie suchten Quartier für weitere Flüchtlinge.

Die wohlhabenden Einheimischen waren davon nicht begeistert, bis
man sich persönlich näher kam und erfuhr, dass der Brite, ein Teppichhändler
und ehemals deutscher Jude, bis auf einen Sohn seine Familie
bei einem Bombenangriff auf London verloren hatte und die übrigen
Verwandten in einem KZ. Er habe, sagte er selber, anfangs alle Deutschen
gehasst, dann aber habe er gelernt, zu differenzieren.

Das Jugendamt der Kreisstadt veranstaltete Sommerlager an der
Ostsee. Teilnehmen konnten Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsund
anderen minderbemittelten Familien. Ich hatte mich als Betreuer
gemeldet, und wir waren gerade dabei, den einzigen Ball, den wir
besaßen, mit den Füßen zu bearbeiten, als ein Jeep vorfuhr. Am Steuer
ein britischer Soldat, neben ihm ein etwa fünfzehnjähriger Junge. Sie
brachten Hand-, Fuß- und Volleybälle zu uns und luden Kartons ab.
Es waren Gummistiefel und Turnschuhe, ein Cricket-Spiel und anderes
darin. Der Junge stellte sich uns vor, in gebrochenem Deutsch. Sein
Vater, sagte er, habe ihn nach Deutschland kommen lassen, damit er
besser deutsch sprechen lerne. Die Sachen stammten aus einer Spende
seiner Schulklasse. Er blieb eine Woche lang bei uns im Lager. Es war
der Sohn des Majors.
—————————————————
Kral bezeichnet einen »umzäumten Hofraum«, in dem das Vieh
gehalten wird (ndld. kraal, port. curral), auch »Viehhof«

[Aus: »Der kleine Mann …und andere Geschichten, Satiren und Reportagen aus sechs Jahrzehnten. Ein Lesebuch« von Dietrich Stahlbaum. Die Printausgabe (Recklinghausen 2005) ist vergriffen. Jetzt als eBook → http://www.bookrix.de/_title-de-dietrich-stahlbaum-der-kleine-mann ]

Fortsetzung:

Erst später wurde mir bewusst, dass der 8. Mai 1945 auch für mich ein Tag der Befreiung warhttps://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/2015/11/06/erst-spaeter-wurde-mir-bewusst-dass-der-8-mai-1945-auch-fuer-mich-ein-tag-der-befreiung-war/

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