Totalitarismus. Kritische Anmerkungen

Die Mechanismen der Gewaltherrschaft, denen Opfer und Täter ausgeliefert sind, sind seit der Inquisition stets die gleichen, oft sogar dieselben. Auch die Methoden gleichen sich. Was sich ändert, sind technische Mittel. Sie werden ständig verfeinert, „verbessert“.

Glaubenssysteme, politische Doktrinen, Ideologien sind dabei lediglich Mittel zum Zweck, Machtmittel. Ihre Inhalte können beliebig variieren. Sie sind auswechselbar. Sie dürfen nur nicht beliebig interpretiert werden. Denn herrschende Gewalttäter haben ihre eigene Logik. Sie zu negieren, kann tödlich sein.

Ich habe die Nazizeit als Kind, dann als Jugendlicher wie Hermann Brochs Schlafwandler erlebt und habe die Gräuel und das Grauen nicht wahrnehmen können, weil ich in einem systemkonformen Elternhaus aufgewachsen bin, wo alles ignoriert worden ist, was als peinlich hätte empfunden werden können und was die falschen Ideale, denen man sich verschworen hatte, in Frage gestellt hätte. Der Schock, der darauf nach Kriegsende folgte, war einer der Hauptgründe dafür, dass ich Deutschland verlassen habe und in der Legion gelandet bin. Ich habe das in einem Roman beschrieben.

Auch der realexistierende Sozialismus war ein autoritäres System. Immerhin, es war ein System, dem, anders als beim – irrationalen – Nationalsozialismus, eine kritische Theorie zu Grunde lag. Man brauchte ja nur bei Marx/Engels nachzulesen, um zu erfahren, was da falsch vermittelt wurde und was falsch lief. Ich habe mich deshalb lange Zeit darüber gewundert, dass man in der DDR nicht bei Marx/Engels nachschlug und den Betrug festgestellt hat, der an ihnen begangen wurde – durch Lenin und seine Apostel. Mein Eindruck war, Marx ist in der DDR ein Unbekannter. Später habe ich erfahren, der „ganze Marx“ war es tatsächlich. Was den DDR-BürgerInnen die Kritikfähigkeit nahm, war ein versimpelter und auf den DIAMAT zurechtgestutzter Marx. Der ließ sich ja auch leicht lehren und lernen und instrumentalisieren.

Es war dann Rudolf Bahro, der die Statthalter Moskaus in Verlegenheit brachte, indem er den realexistierenden Bürokratismus einer grundlegenden, an Marx orientierten Kritik unterzog und Alternativen entwickelte, ebenfalls mit den Grundgedanken Marxens. Ich habe das damals wie wohl die meisten 68er als Frohe Botschaft aufgenommen und gehofft, die geistige Verknöcherung in der DDR werde überwunden. Anzeichen dafür, dass sich mit dem Generationswechsel das System ändern, nämlich öffnen werde, hatte ich ein Jahr zuvor kurz nach der Ausweisung Biermanns in der Karl-Marx-Universität (Leipzig) bemerkt. Ein Irrtum.

[ Mehr hierzu auf der Seite „Politik“ im ZEITFRAGENFORUM I:  Ursachen für das Scheitern des Sozialismus →  http://www.dietrichstahlbaum.de ]

Ein Demokratischer Sozialismus mit menschlichem Gesicht (Alexander Dubček) passte jedoch selbst dem Westen nicht. So schaukelte man sich gegenseitig hoch, immer scharf am Rande eines dritten Weltkriegs. Aber dieser pseudomarxistische Staatssozialismus hat bei uns im Westen als Korrektiv gewirkt, Das zeigte sich bald nach dessen Ende. Befreit wurden zwar viele Menschen, die unter der Diktatur leiden mussten, von den letzten Fesseln befreit wurde aber auch der Kapitalismus. Er hat sich die Politik dienstbar gemacht und kann nun rücksichtslos schalten und walten und den ganzen Globus nach Belieben ausbeuten. Ein System, demokratisch nur noch dem Scheine nach, ein neuer, ein globaler Autoritarismus mit den USA als Schutzmacht des Kapitals, der Banken und Konzerne.

Marx selber es war, der zu den großen Missverständnissen seiner kritischen Theorie beigetragen hat: durch die ihm eigene Terminologie, am meisten wohl durch den Begriff „Diktatur des Proletariats“. Er hat vieles richtig gesehen und vorausgesehen. Aber es hat ihm an politischer Psychologie gefehlt und an philosophischer Weisheit. –

Von blog.de (03.06.2005) übernommen.

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