Glauben ohne Religion

Kommentar zu: “Und die Affinität vieler Interviewter zur Auflösung des Ich in Massen ist ein Schoß, der gepaart mit einem nihilistischen, wahlweise biologistischen oder physikalischen Weltbild, durchaus fruchtbar für autoritäre Unterordnung ist, die die Befragten bei Kirchgängern wiederum kritisieren.”  [Markus Rackow am  21. Aug 2013 in  →  http://e-politik.de/artikel/2013/glauben-ohne-religion/#comment-4007 ]

Die „Auflösung des Ich in Massen“ trifft sicherlich auf diese Menschen zu. Leider wurden keine Konfessionsfreien interviewt, die sich auf die ursprünglichen Lehrtexte des Buddha berufen und den „Buddhismus“ nicht als Religion, sondern als Philosophie verstehen, als Denk- und zugleich Lebensweise. Hierzu:

Das “Ich”. Gespräch zwischen einem [zen-buddhistischen] Rôshi und seinem europäischen Schüler:

“Der Buddhismus lehrt, man solle sich von seinem ICH, von
seinem Ego befreien. Bei uns im Westen ist ein autonomes ICH
Ziel der Persönlichkeitsentwicklung. Unter dieser Autonomie
versteht man das Vermögen, verantwortungsbewußt sich frei zu
entscheiden und zu handeln. Es ist das sich selbst erkennende,
seiner selbst bewußte, selbstkritische Individuum. Das ist kein
übersteigerter Individualismus! Wie siehst du das, Rôshi?”
“Es wird viel Energie verschwendet, wenn man sich immer wieder
von neuem seiner selbst vergewissern muß. Das wird
zur Manie. Dieses Ich-Bewußtsein ist ein sehr labiler Zustand.”
“Es gibt doch auch Menschen, die in sich selber ruhen. Einer
von diesen bist du, Rôshi.”
“Wenn das so ist, wie du sagst, My, dann liegt es sicherlich
daran, daß der Rôshi sich nicht immer wieder von neuem um
sein Ich-Bewußtsein bemüht. Unsere gesamte Mitwelt –
Menschen, Pflanzen, Tiere – leidet an einem Krieg, verursacht
durch ein schlechtes Karma, das sich in fast hundert Jahren
Kolonialherrschaft aufgestaut hat: dies ist unser Problem, hier
und jetzt!”
“Ich…”
“Auch du hast Grenzen um dich gezogen, My. Sie engen dich
ein.”
Damit schien das Gespräch beendet zu sein. Aber der
Rôshi ließ My nicht hilflos dreinblickend stehn. Er fragte:
“Übst du nachher Zazen?”
“Ja.”
“Dann laß dein Bewußtsein in der Bauchhöhle ruhen, im hara!”

[AUS: Dietrich Stahlbaum: Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht. Ein Roman, Aachen 2000, S. 305 f., Printausgabe vergriffen, jetzt als eBooK → http://www.bookrix.de/_ebook-dietrich-stahlbaum-der-ritt-auf-dem-ochsen-oder-auch-moskitos-toeten-wir-nicht/ ]
Mehr über das Buch im ZEITFRAGENFORUM → http://www.dietrichstahlbaum.de

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