Braucht der Mensch überhaupt eine imaginäre Autorität? (Leserbrief)

…an das Medienhaus Bauer, Marl, zu: „Es ist den Männern somit eine Verpflichtung auferlegt, ihre Frauen zu lieben…“ vom 2. September 2005

Religionen sind sensible Bereiche, weil Gläubige sich darin verorten und befürchten, ohne Religion die Orientierung zu verlieren. So ist im Unterschied zu wissenschaftlicher Erkenntnis und Rationalität der religiöse Glaube meistens mit irrationalen, ins Unbewusste verdrängten Ängsten verbunden. Deshalb ist Religionskritik, ohne die Gefühle Gläubiger zu verletzen, kaum möglich. Ich werde es dennoch versuchen:

In dem o. g. Leserbrief wird darauf hingewiesen, dass die „Wahrheit […] beweisbar sein [müsse], indem man die Indizien prüft, Tatsachenbeweise, die eine Wahrheit stützen müssen und nicht fragwürdige Hypothesen“. Der nächste Satz ist ein Zitat aus dem Schöpfungsbericht: „Und Gott ging daran, den Menschen in seinem Bilde zu erschaffen, im Bilde Gottes erschuf er ihn, männlich und weiblich erschuf er sie….“ (1. Mose 1:27, 28).
Dies wird als „Tatsache“ aufgefasst, die „eindeutig alle anderen Ansichten dahingehend widerlegt, dass eine Evolution durch Zufall wahrscheinlicher sei als die Beschreibung im Schöpfungsbericht.“ – Wo ist der Beweis?

Ein Bibeltext ist kein Beweis, auch wenn er als “Gottes Wort“ bezeichnet wird. Die „Schöpfung“, wie in der Genesis beschrieben, gehört zu den vorwissenschaftlichen Vorstellungen aus der Kinderstube der Menschheit. Die Genesis, große Teile der Bibel überhaupt, wörtlich und nicht mythologisch zu verstehen, ist christlicher Fundamentalismus, neuerdings als «Kreationismus» wiederauferstanden.
Ebenfalls nicht beweisbar ist die Existenz eines Gottes. Schon der Philosoph Immanuel Kant hat alle „Gottesbeweise“ eifriger Theologen widerlegt – und ein Hintertürchen für den Glauben an einen solchen offen gelassen.

+++  Wer ist nun dieser Gott? Psychologisch gesehen, der eigene leibliche Vater – so, wie er vom Kleinkind wahrgenommen wird. Ein Übervater, idealisiert und verinnerlicht als Über-Ich.
Braucht der Mensch überhaupt eine imaginäre Autorität?  +++

Übrigens: Für die vielen patriarchalischen und frauenfeindlichen Textstellen, die ich in der Bibel gefunden habe, reicht dieser Platz nicht aus. Nur ein Beispiel aus dem N. T.:

„Der Schleier der Frauen. Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. […] Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.“

[1. Brief des Paulus an die KORINTHER 11,3.5-9. Quelle: Neue Jerusalemer Bibel 1985]

Am 8. September unter dem Titel „Ein Bibeltext ist kein Beweis“ in den Zeitungen des Medienhauses Bauer gekürzt veröffentlicht. Weggekürzter Text in ++++++ und kursiv.

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